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Wimbledon-Sieg: Die Erleichterung des Andy Murray

Gegen den Kanadier Milos Raonic siegt der Schotte Andy Murray 6:4, 7.6, 7:6, doch die ganz großen Emotionen wollen dieses Mal nicht aufkommen. Nicht weniger als seiner Favoritenrolle ist der 29-Jährige schließlich gerecht geworden. 

Andy Murray nach seinem Sieg in Wimbledon mit dem Pokal in den Händen

War sichtlich erleichtert: Andy Murray nach seinem Sieg in Wimbledon

Am Ende wirkten sie alle eher erleichtert statt euphorisiert, kein Vergleich zum letzten Mal an gleicher Stelle. Im Jahr 2013 erschien der Centercourt von Wimbledon ja förmlich zu bersten vor fiebriger Erwartung. 77 Jahre sehnsuchtsvolles Warten auf einen englischen Sieger an der Church Road gingen damals zu Ende. Gegen Novak Djokovic gewann Andy Murray, es war ein monumentaler Sieg. Diesmal schien eher Erleichterung im Spiel, bei Murray, aber auch auf den Rängen, als der Schotte gegen den Kanadier Milos Raonic seinen Matchball verwandelt hatte. Der Centercourt explodierte zwar abermals, doch es war eher eine routinierte Ekstase, als Murray schließlich das 6:4, 7:6, 7:6 gegen Raonic vollendet hatte. Ein paar Tränen vergoss er danach, doch vom Übermut des Siegers keine Spur. Der Favorit hatte sich durchgesetzt. Nach Jahren der schweren Enttäuschungen war dieser zweite Wimbledontitel doch noch gekommen.

Es hatte den Anschein, als wolle das Schicksal Murray für so viel Geduld bei jenem Turnier, das ihm als Schotte naturgemäß am nächsten liegt, ein bisschen auf die Sprünge helfen. Als Murray am Sonntag in London unter dem üblicherweise lauten Applaus den Hauptplatz betrat, da stand ihm kein Federer, kein Nadal und – wohl die größte Erleichterung von allen – kein Djokovic gegenüber. Während Nadal wegen einer Handgelenksverletzung gar nicht erst nach London gereist war, verschied Djokovic aus heiterem Himmel bereits in der dritten Runde aus dem Turnier. Federer erwischte es im Halbfinale. Raonic, ein hart aufschlagender Kanadier, spielte dagegen sein erstes Grand-Slam-Finale. Er zählt zu den gefährlichen Außenseitern, doch Murrays Ansprüche sind andere. Wenn er dieses Turnier noch einmal gewinnen wollte, war dieser sonnige Sonntag der Tag.

Andy Murray dauerhaft mit Kontrolle

Am Ende brachte ihm eine solide Vorstellung den verdienten Lohn. Die Geschichte dieses Finales ist schnell erzählt. Zwar breakte Murray Raonic lediglich im ersten Satz, dennoch wirkte er zu jedem Zeitpunkt in Kontrolle. Raonics Nerven ließen ihn die wenigen Gelegenheiten nicht ergreifen, die sich boten. Er schlug weniger präzise auf als noch gegen Federer im Halbfinale. Murrays unglaubliche Beinarbeit ließ ihn noch etwas verzweifelter die Linien mit seiner mächtigen Vorhand suchen. Zu selten fand er sie. So strebte dieses Finale seinem unweigerlichen Ende entgegen.

Murray selbst schien beim Siegerinterview noch jede Leichtigkeit zu fehlen. "Dies ist das wichtigste Turnier des Jahres, der Sieg bedeutet mir mehr, auch wegen der vielen harten Niederlagen", erklärte er mit zitternder Stimme. Kurz darauf präsentierte er auf dem Balkon den Siegerpokal, abermals schien er eher von einer großer Last befreit.

Er wird neuerdings wieder von Ivan Lendl trainiert, er wird auch deshalb Kraft aus diesem Sieg ziehen, auch wenn Lendls Einfluss dieses Mal nicht allzu groß gewesen sein dürfte. Er ist ja erst seit einigen Wochen wieder dabei. Die beiden letzten Grand-Slams hatte Murray ebenfalls mit Lendl an seiner Seite gewonnen, bevor der ihn plötzlich verließ, weil ihm das viele Reisen zu viel geworden war. Er sei danach "an dunklen Orten" gewesen" bekannte Murray. Es hat ihn tief getroffen. Er schien drauf und dran danach, der beste Verlierer aller Zeiten zu werden. Noch immer entsprechen drei Grand-Slam-Siege nicht annähernd seinen Fähigkeiten. Er wird weiter unter den letzten Vier eines Grand-Slam-Turniers auftauchen, mit 29 Jahren bleibt noch genug Zeit auf der Uhr seiner Karriere, um noch ein paar Lücken zu schließen. Ein wunderbarer Anfang ist gemacht. 


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