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Wimbledon-Finale: Chronik einer Niederlage: Das Spiel des Lebens der Angelique Kerber

Nach Sabine Lisicki 2013 hat auch Angelique Kerber das Finale des Grand-Slam-Turniers von Wimbledon verloren. Und doch könnten die Niederlagen nicht unterschiedlicher sein. Während Lisicki an ihren Nerven scheiterte, lieferte Kerber einen großen Kampf.

Angelique Kerber (r.) und Serena Williams nach dem Wimbledon-Finale: Angekommen unter den Besten der Besten

Angelique Kerber (r.) mit Serena Williams nach dem Wimbledon-Finale: Angekommen unter den Besten der Besten

Vorspann

Um zwölf Uhr trainiert Angelique Kerber auf einem der Außenplätze, dem sogenannten Aorangi Park, mit Torben Beltz ihrem Coach. Ebenfalls auf dem Platz, Medien-Manager Markus von Kotzebue sowie die Physiotherapeutin Cathrin Junker. Die Stimmung – konzentriert, nicht verbissen. Beltz macht ein paar Späßchen, um seinen Schützling locker zu halten. Ansonsten gilt: Never change a winning routine. Kerber wird hinterher dennoch sagen, es habe sich "anders" angefühlt.

Um 14.03 Uhr tritt sie mit einem Blumenstrauß auf dem Platz, sie läuft vor Williams. Vor der Wahl lässt Williams sie am Netzt warten. Immer wieder zupft Kerber an ihrem Haarband, zieht an ihren Zopf. Ein warmer Sommerwind weht durchs Stadion, Gift für Aufschläger. Eigentlich. "Ich war ein bisschen nervös", wird sie hinterher sagen. Es wird ein Macht von 1.21 Stunden folgen, nicht lange, dennoch werden jene, die Jahr für Jahr auf dem Centercourt zugegen sind, es als eines der besten der letzten Jahre bezeichnen.

Das Match

1.Satz

Williams schlägt als Erste auf. Mühelos bringt sie ihren Aufschlag durch, ein krachendes Ass garniert den Auftakt. Es werden noch Zwölf folgen, ein sensationeller Wert für ein Zweisatzmatch. Kerber ihrerseits wackelt bei ihrem Aufschlagspiel und erhält sogleich frenetische Unterstützung vom Publikum, als sie doch das 1:1 schafft. Ruhig wirkt sie auf dem Platz, ähnlich wie in Melbourne im Januar. Sie, so oft von Zweifeln befallen, gerade in den ersten Runden eines Turniers, scheint die ganz große Bühne eher zu beruhigen. In Melbourne schlug sie Williams in drei dramatischen Sätzen und auch jetzt umgibt sie die Aura einer Frau, in der ein stilles Feuer lodert. Die sich alles zutraut. Sie wird an Williams Seite bleiben, bis zum 5:5, wie es ihr Plan gewesen sein muss. Groß ist der Druck der Kontrahentin aus den USA, endlich den 22. Grand-Slam zu holen und mit Steffi Graf gleichzuziehen. Zwei Grand-Slam-Niederlagen zuletzt haben sie ein wenig zweifeln lassen. Genug, um abermals zu stürzen?

Die Entscheidung

Als es bei Williams Aufschlag 15:30 steht geht ein kleines Fenster auf. Man ist jetzt endgültig Melbourne erinnert. Kerber ist jetzt auf Augenhöhe mit ihrer Kontrahentin, das Publikum rast. Es folgen zwei unretunierbare Aufschläge und ein krachendes Ass. 6:5 Williams. Das Fenster, es hat sich mit einem krachenden Knall wieder geschlossen. "Come on" brüllt Williams in Richtung ihrer Box, ihr Körper bebt. Der Kampf, er tobt jetzt. Kurz darauf unterläuft Kerber bei 15:30 ein leichter Rückhandfehler, es werden nicht mehr viele folgen, doch nun hat Williams zwei Satzbälle. Mit einem fulminanten Rückhandcross holt sie sich den ersten Durchgang. "Danach habe ich etwas freier gespielt", bekennt sie viel später.

2. Satz

Wer glaubt, die Dinge nähmen ihren Lauf, täuscht sich gewaltig. Als Kerber sich aus dem Stuhl erhebt, scheint sie den ersten Satz wie eine lästige Erinnerung abgeschüttelt zu haben. Statt das vorentscheidende Break zum 0:2 zu kassieren, bringt sie sicher ihren Aufschlag zum 1:1 durch. Immer wieder vermag sie ihre Gegnerin in längere Ballwechsel zu verwickeln, zumindest beim eigenen Aufschlag. "Ich glaube, ohne Aufschlag wäre es vielleicht sogar anders ausgegangen" , resümiert sie später und hat Recht. Doch der Aufschlag, er wird sie immer wieder hart wie eine Steinschleuder treffen. Vor allem in jenem siebten Spiel des ersten Satzes, das ja mal als berüchtigt galt. Früher.

Die Entscheidung

Plötzlich ist er also da, der Breakball für Kerber. 3:3 steht es. Es ist ein schwaches Spiel, das Williams da spielt. 30:40. Die Menge rast. Wenn Williams wackeln soll, wird sie es jetzt tun müssen. Es folgt ein Ass wie ein Peitschenhieb und noch eines zum Vorteil. 4:3 Williams. Es ist der Moment, an dem das Gewicht sich endgültig zur Seite der Amerikanerin neigt. Sie habe genug gegrübelt über diesen 22. Titel, erklärt Williams später. Es habe sie gehemmt. Ihr Trainer erklärte zuletzt, sie sei nun "wieder sie selbst". Ein ganz schlechtes Zeichen, vor allem auf Rasen. Ein paar Minuten später vergibt Kerber eine 40:15-Führung. Einstand. Es folgt die einzige Phase der Verspannung in Kerbers Spiel. Sie wird keine zwei Minuten dauern. Zu lange. Zwei leichte Rückhandfehler, dann steht es 5:3 Williams.

Es wird kein Ballwechsel mehr folgen. Nach drei Aufschlägen steht es 40:0. Der Matchball, wie ein Statement: ein krachender Volley, dann ist es vorbei. 7:5, 6:3. Steffi Graf bleibt bis auf weiteres die letzte Wimbledon-Siegerin. 20 Jahre ist es genau her. A day in the office, sagt das Ergebnis. Ein faszinierender Kampf sagen jene, die es erleben durften.


Nachspiel

Williams sinkt zu Boden. Kurz darauf umarmt sie Kerber am Netz. Man schätzt sich sehr. "Ich habe ihr gesagt, dass sie ein großer Champion ist. Sie hat geantwortet, dass das für mich auch gelte", sagt Kerber. Bei der Siegerehrung dankt sie mit tränenerstickter Stimme ihrem Team, es sei "nicht immer leicht" mit ihr. "Aber ihr habt immer an mich geglaubt." Es ist ein emotionaler Moment, emotionaler als die Ansprache der Siegerin. Vorsichtig begibt sich Kerber um 15.48 auf eine Ehrenrunde, nur außergewöhnlichen Verliererinnen wird sie zu teil. Um 15.50 geht sie ganz.

Eine halbe Stunde später sitzt sie im großen Interviewraum, ein distanzierter Stolz umgibt sie, die Emotionen toben noch in ihr. "Sie hat unglaublich aufgeschlagen, ich glaube, wir haben beide auf sehr hohem Niveau gespielt. Ich habe das Match nicht verloren, sie hat es gewonnen." Enttäuscht? "Natürlich. Aber ich bin auch stolz auf das, was ich geleistet habe, gerade nach Paris (dort war sie in der ersten Runde gescheitert). Ich habe das Finale wirklich genossen. Es war eine großartige Atmosphäre da draußen. Ich werde das Gefühl nie vergessen." Sie ist jetzt wieder die Nummer zwei der Welt. Ein großer Triumph ist das, auch weil sie nach ihrem Grand-Slam-Turnier-Sieg von Melbourne in Paris schon in der ersten Runde verloren hatte. Müde wirkte sie, auch desillusioniert, als sei das alles zu viel. Die Erwartugen, die eigenen und die der anderen, sind ja ihr Lebensthema. Es folgte an der Church Road eine Leistungsdemonstration bis zum Finale. "Ich glaube, ich bin jetzt wirklich angekommen", sagt sie. Sie meint: unter den Besten der Besten. Sie kenne nun ihr Setup, was sie sich zumuten können. Und wieviel. Vor allem aber müsse sie sich nichts mehr beweisen. Von wegen Eintagsfliege.

Vor fünf Jahren hat sie an diesem so wunderbaren wie geschichtsträchtigen Ort ihre Karriere beenden wollen. Erstrundenniederlagen hatte es damals gehagelt. Nun schließt sich der Kreis endgültig. Nur das Happy End fehlt. Vielleicht wäre es zu kitschig gewesen. "Hier wäre fast alles zerbrochen, am Ende stehe ich im Finale", sagt Angelique Kerber, die Pressekonferenz neigt sich dem Ende entgegen. Dann geht sie in ihrem weißen Hoodie durch die Spielertür.

Aus. Nicht vorbei. 

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