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Wimbledon-Siegerin Das neue Motto der Serena Williams: Weniger Druck, mehr Titel

Serena Williams mit der Wimbledon-Schale
Strahlende Siegerin mit Schale: Serena Williams nach dem gewonnenen Wimbledon-Finale gegen Angelique Kerber
© AFP
Bei ihrem 22. Grand-Slam-Sieg beweißt die alte und neue Wimbledon-Siegerin, dass sie ihre Lektion nach schmerzhaften Niederlagen gelernt hat. Fortan soll die eigene Latte wieder etwas niedriger hängen.
Von Mathias Schneider, Wimbledon

Tja, das mit der Geschichte ist so eine Sache. Sie kann eine Diva sein und sich manchmal zieren. Und wenn so eine Diva dann auf eine andere Diva trifft, können schon mal die Funken fliegen. Es war ja schon alles bereitet, im September des vergangenen Jahres, bei den US-Open. Man muss noch einmal daran erinnern, um zu ermessen, warum Serena Williams am Samstag, den 9. Juli, im großen Interviewraum von Wimbledon saß und nicht euphorisch, sondern vor allem unendlich erleichtert wirkte nach ihrem sieben Triumph an der Church Road.  

Gegen Roberta Vinci im Halbfinale und gegen Flavia Pennetta im Finale der US Open 2015 – da konnte doch für sie nichts mehr schiefgehen.  Der leichteste Weg zum Grand-Slam-Titel war das, und es sollte nicht irgendein Titel sein, sondern der 22. Grand-Slam-Erfolg. Sie hätte damit damals schon den Rekord von Steffi Graf egalisiert und ein Grand-Slam wäre es obendrauf auch noch gewesen. Alle vier große Turnier hätte sie in einem Jahr gewonnen. Den Letzten auch noch vor eigenem Publikum. Was für ein Moment.

Serena Williams und die Lehren aus der US-Open-Pleite

Es sollte erst mal anders kommen. Gegen Vinci verlor Williams im Halbfinale und sie in der Partie als gehemmt zu bezeichnen, bedeutete ein mächtige Untertreibung. Als sie im Januar gegen Angelique Kerber erneut sensationell auch noch die Australien Open verlor und im Mai auch noch in Paris gegen Garbiñe Muguruza die French Open, drohte sich ein handfester Komplex zu verfestigen.

In Wimbledon, an jenem Ort, der für ihr Spiel wie geschaffen schien, musste es gelingen.

Diesmal sollte sie dem Druck standhalten.

7:5, 6:3 hieß es am Ende, wieder gegen Kerber. Es sei „offensichtlich eine große Erleichterung“ bekannte Williams danach. Sie habe „einige schlaflose Nächte“ wegen der plötzlichen Niederlagenserie gehabt, führte sie weiter aus. „Immer wieder so nahe dran zu sein, den Sieg schon spüren zu können und doch nicht ganz hinzukommen, das hat mir immer mehr Druck bereitet.“

Sie schien ja lange immun gegen Niederlagen. Der Aufschlag rettete sie an Tagen, an denen nicht viel zusammenging, immer schien sie noch einen Gang höher schalten zu können, wenn es wirklich zählte. Nun begehrten die Jungen plötzlich auf. Sie spürten ihr Zaudern.

Doch gegen Kerber zeigte Williams, dass es nicht bloß Lippenbekenntnisse waren: Sie hat ihre Haltung überarbeitet. Sie kann das ja, sich immer wieder neu erfinden, auch deshalb steht sie so lange ganz oben.  

Ich habe daran gedacht, dass ich ja immer noch in den großen Finales stand und das ja ziemlich beeindruckend ist“, erklärte sie nun. Die Latte, sie lag fortan wieder niedriger. „Ich kann nicht alles gewinnen“, sagte sie nun. Eine platte Erkenntnis. Allerdings nicht für eine Frau, die nicht mehr wusste, wie sie das anfühlt: verlieren.

Gegen Kerber zeigte sie keine Schwächen, sondern spielte diesmal dann ihr bestes Tennis, als es wirklich zählte. Wie früher. Sie gilt ja in der Szene schon lange als jene Frau, die weit über allen anderen thront. Und es noch eine Weile tun wird. „Eigentlich müsste sie mit ihren Möglichkeiten, diesem Aufschlag, schon über 30 Grand-Slams gewonnen haben“, sagt der Trainer einer Kontrahentin.

Der eine Grand Slam zum Rekord soll bald folgen

Der eine Grand-Slam, der ihr noch fehlt, um endgültig allein an der Spitze zu thronen, zumindest in der sogenannten Open Era, der Zeit des professionellen Tennis, sollte bald folgen. Sie ist jetzt 34, doch ein Ende ihrer Dominanz ist nicht in Sicht. Zu überlegen ist sie dem Rest mit einem Aufschlag, den das Frauentennis so noch nicht gesehen hat und lange auch nicht mehr erleben wird.

Die letzte Frage: Ob es sie beunruhige, dass nun alle von den 24 Grand-Slams von Margaret Court aus der grauen Vorzeit und  den neun Wimbledon-Siegen von Martina Navratilova sprechen würden (Williams hat jetzt sieben), will einer von Serena Williams wissen. Sie lächelt matt. „Ich habe rund um die Diskussion um diese 22 jetzt viel gelernt. Ich habe gelernt, mich nicht in solche Debatten hineinziehen zu lassen. Ich habe gelernt, nur Tennis zu spielen. Das kann ich am besten.“

Sie wird es in Zukunft ruhiger angehen lassen.

Man darf das als Drohung verstehen. 


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