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Nach der Machtübernahme der Taliban Frauen in Afghanistan: "Ehe die uns umbringen, kämpfen wir"

Auf dem Weg zur Prüfung: Schülerinnen in Kabul an einem Nachmittag Anfang August
Auf dem Weg zur Prüfung: Schülerinnen in Kabul an einem Nachmittag Anfang August. Im Mai wurden bei einem Anschlag vor ihrem Schulgebäude mehr als 80 Menschen getötet, die meisten waren Teenager.
© Alessio Romenzi
Frauen in Afghanistan sind voller Angst. Um ihre Rechte – und um ihr Leben. Aber viele lassen sich nicht einschüchtern – und hoffen, dass der Westen ihnen wenigstens jetzt zur Seite steht.
Von Francesca Mannochi, Andrea Ritter und Thore Schröder

Laila Noor schwankt zwischen Wut und Verzweiflung. "Die Taliban sind nicht schnell gekommen", sagt sie. "Ich kann diesen Satz nicht mehr hören. Jede Woche haben sie Menschen umgebracht, es gab Signale genug. Man hätte nur die Frauen fragen müssen. Aber sie spielten bei den Verhandlungen zwischen den USA und den Taliban keine Rolle mehr. Als würden wir gar nicht existieren." Laila Noor ist 1979 vor den russischen Truppen aus Afghanistan geflohen, sie lebt in Bremen, ihre Kinder sind dort aufgewachsen.

Vor 19 Jahren hat sie gemeinsam mit anderen Exil-Afghaninnen die "Independent Afghan Women Association" (IAWA) gegründet. Der Verein baut und unterstützt Schulen im ländlichen Afghanistan; insgesamt 18 000 Mädchen und Jungen werden dort unterrichtet. "Bis Corona kam, bin ich jedes Jahr mindestens einmal hingefahren", sagt sie. "Mein Mann hat in Kabul als Chefberater für die EU gearbeitet, und ich habe mich um die Schulen gekümmert. Ich kenne alle Mitarbeiterinnen, auch die Sicherheitsleute. Wir sind in engem Kontakt. Unsere Schulen wurden noch nicht angegriffen. Das Personal arbeitet noch, nur die Mädchen gehen erst mal nicht mehr zum Unterricht. Jeder hat Angst, dass es bald eskaliert."

Seit Wochen telefoniert sie ununterbrochen, von morgens um sechs bis nach Mitternacht. "Meine Freundinnen in Kabul sind stolze, erfahrene Frauen. Sie haben sich vernetzt. Sie sagen: 'Ehe die uns umbringen, kämpfen wir.' Wir müssen jetzt an der Seite dieser Frauen stehen. Alle zusammen!"

Widerstand, Resignation oder Flucht

Bereits wenige Tage nachdem die Taliban-Kommandeure sich am Schreibtisch des geflohenen Präsidenten Aschraf Ghani filmen ließen, sind in Kabul Frauen auf die Straße gegangen. Am 19. August trugen sie die Flagge Afghanistans; es war der Unabhängigkeitstag und jeder ihrer Schritte ein Symbol des Widerstands: Wir sind da. Wir gehen raus. Wir lassen uns nicht einschüchtern. "Ich erhebe die Stimme stellvertretend für eine Million anderer Frauen", sagte Crystal Bayat, die junge Organisatorin, später in einem Videointerview, in dem sie klar erkennbar sein wollte.

Die Menschen in Afghanistan brauchen Unterstützung. Wir leiten Ihre Spenden an Organisationen weiter, die sich um Flüchtende kümmern. Hier können Sie spenden.
Die Menschen in Afghanistan brauchen Unterstützung. Wir leiten Ihre Spenden an Organisationen weiter, die sich um Flüchtende kümmern. Hier können Sie spenden.

Für Afghaninnen zerfällt die Zukunft gerade in drei mögliche Leben: Widerstand, Stillhalten oder Flüchtling werden. Das sind ihre Optionen, 20 Jahre nach dem Beginn einer Militärintervention, die unter anderem als Kampf für ihre Freiheit gerechtfertigt wurde. Auf Twitter erinnert die Parlamentarierin Fausia Kufi daran, dass die Taliban offiziell noch gar nichts zu sagen haben: "Es besteht kein Anlass, die Taliban zu fragen, was sie davon halten, dass Frauen in den Medien präsent sind. Diese Dinge sind im Gesetz geregelt. Wenn man sie danach fragt, stellt man sie über die Vereinbarungen unserer Gesellschaft."

Mahbouba Seraj gehört zu den prominentesten Frauenrechtlerinnen des Landes. Nach 26 Jahren im Exil ist sie 2003 nach Afghanistan zurückgekehrt und will auch jetzt unbedingt dort bleiben. "Warum sollte ich fliehen oder mich verstecken? Ich habe nichts falsch gemacht. Ich habe die Korruption angeprangert, den Präsidenten kritisiert, die Amerikaner, die Nato und, ja, auch die Taliban. Die Menschen hier, besonders die Frauen, brauchen mich." In ihrer Wohnung in Kabul erzählt sie am Telefon von dem Vakuum, das nun entstanden sei. Die Taliban hätten bisher nur ihre Fußsoldaten geschickt. "Das ist sehr schlecht. Das ist Anarchie." Seraj, eine ehrwürdige Dame mit langem silbergrauem Haar, gibt zu bedenken, dass die Taliban ohne die Unterstützung der Frauen nicht weit kämen. "Ich bin bereit, mit den Befehlshabern zu sprechen. Wir Frauen wissen, wie wir ein Land aufbauen könnten. Wir denken anders, nicht an Tod und Zerstörung, sondern an Fortbestand und Überleben. Wenn sie clever sind, nehmen sie unser Angebot an. Mit dem Sterben muss es endlich vorbei sein."

Hasin Fatima ist keine Aktivistin. Sie ist 19 Jahre alt und gehört einer Generation an, der so viel versprochen wurde. Bildung, Fortschritt, ein modernes Leben. Es gab Momente, da hat sie, eine hochbegabte Schülerin, daran geglaubt. Als wir sie vergangenen Sonntag telefonisch erreichen, steht sie gerade vor dem Tor des Kabuler Flughafens, man hört die Schreie der Menschen um sie herum. Es ist ihr dritter Versuch, zu einem der Gates zu kommen. Vergebens. Sie hat nur einen Rucksack mit Kleidung und zwei offizielle Einladungsschreiben bei sich, aus Spanien und aus Italien. Sie steht auf den Evakuierungslisten beider Länder.

Frauen wie Hasin gehörten zu den Erfolgsgeschichten des "Nation Building"; junge, freie Afghaninnen. Dass sie im Land allmählich wieder zu Zielscheiben wurden, dass die Burkas ebenso zurückkehrten wie die Bärte, wurde während der Verhandlungen mit den Taliban in Doha genauso ausgeblendet wie die Anschläge auf Bildungseinrichtungen, Journalistinnen und Aktivistinnen.

Kurz nach der Machtübernahme in Kabul: Aktivistinnen demonstrieren vor dem Präsidentenpalast für Frauenrechte
Kurz nach der Machtübernahme in Kabul: Aktivistinnen demonstrieren vor dem Präsidentenpalast für Frauenrechte
© Sayed Khodaiberdi Sadat/Anadolu Agency / Getty Images

Die Tür zur Welt ist verschlossen

Am 8. Mai 2021 hat Hasin das Attentat auf die Sayed-ul-Schuhada-Schule in Kabul überlebt. Einer von vielen Anschlägen, mit denen die Taliban angeblich nichts zu tun hatten. Die Autobombe wurde gegen 16 Uhr gezündet, zu einer Zeit, in der ausschließlich Mädchen unterrichtet werden. Mehr als 80 Menschen starben, die meisten Schülerinnen und kaum 15 Jahre alt.

"Die Taliban haben sich nicht geändert. Wir haben das in den vergangenen Jahren zu spüren bekommen, wie sollen wir jetzt etwas anderes glauben?" Mit diesen Worten hatte sich Hasin nach dem letzten persönlichen Treffen vom stern-Team in Kabul verabschiedet. Es war die erste Woche im August, eine Woche vor dem Zerfall der Regierung. Hasin erzählte, wie ihre Zukunftsträume nach und nach zusammengesackt seien: Vor drei Jahren konnte sie dank eines Stipendiums für ein Schuljahr nach Oxford. Es war ein kurzer Blick in die Welt, die für sie möglich gewesen wäre, wenn sie nicht aus Afghanistan käme. Nach ihrer Rückkehr gab es solche Stipendien nicht mehr. Ihre Mutter ist alleinerziehend, sie hat kein Geld. Die Tür zur Welt war zu.

Sahra Azimi* ist 23 und TV-Journalistin. Vergangene Woche hat sie im Studio zwei Taliban interviewt. "Die Geschäftsführung hat uns angewiesen, die Taliban nicht zu kritisieren und unsere Kopftücher so zu tragen, dass wir nicht provozieren", sagt sie. Ihre Gesprächspartner hätten das Interview absolviert, ohne sie anzusehen; der eine höflich, der andere wütend und voller Zorn. "Alles fühlt sich an wie der Tod unserer Gesellschaft", sagt Sahra. "Die Taliban wissen, wie man kämpft, tötet und stirbt. Aber sie haben keine Ahnung, wie man schreibt, redet oder aufbaut." Sie möchte das Land verlassen. Viele ihrer Kollegen sind bereits raus. "Meine Mutter sagt auch, ich müsse gehen. Sie hat die Taliban-Herrschaft in den 90er Jahren erlebt. Wir Frauen haben keine Zukunft mehr in Afghanistan."

Rückkehr der Ehemänner

Die Rückkehr der Taliban – für viele Frauen bedeutet das nichts anderes als die Rückkehr brutaler Ehemänner oder deren Cousins und Brüder. Die Hauptstadt Kabul war ein Schutzschild, hinter dem sie ein anderes Leben führen konnten. Wenn sie jetzt gefunden werden, kann das ein Todesurteil sein.

Halima Mohammadi* war 13, als ihr Vater sie an einen entfernten Verwandten verheiratete. "Schon vor der Geburt des ersten Kindes fing er an, mich zu schlagen. Er würgte mich, prügelte mit Fäusten, Flaschen, Holzstücken auf mich ein. Ich glaube, er ist geistig krank. Auch die Kinder hat er ständig geschlagen."

Halima ist inzwischen 33 Jahre alt und vierfache Mutter. Vor einigen Monaten ist sie weggelaufen. "Jetzt sucht er mich. Er hat gesagt, dass er den Taliban bereits Dokumente weitergereicht habe. Wir müssen ständig das Versteck wechseln. Langsam geht uns das Geld aus. Wovon sollen wir leben? Wer soll uns retten?"

In Hamburg verzweifelt Zahra Ahmadi* an ähnlichen Fragen. Sie lebt seit 1996 in Deutschland. Ihre Schwester Faezeh* ist in Kabul – und auf der Flucht vor ihrem Mann und seiner Familie.

"Vergangenen Samstag war sie die ganze Nacht am Flughafen. Sie hat mir Sprachnachrichten geschickt und nur noch geweint. Sie sagte mir: ,Wir haben keine Chance, Zahra. Wir kommen hier nicht raus."

Die Zukunft der Frauen

Faezeh wurde als junge Frau entführt und mit einem Anhänger der Taliban verheiratet. Vor etwa 15 Jahren konnte sie mit den Kindern entkommen. "Meine Schwester ist eine selbstbewusste Frau", sagt Zahra. "Sie arbeitet für die Polizei. Sie hat öffentlich über das gesprochen, was ihr Mann ihr angetan hat. Sie hat die Verletzungen gezeigt, die er ihr zugefügt hat. Das ist überall dokumentiert." Vorher habe sich der Ehemann mit seinen Leuten nicht nach Kabul getraut. Jetzt schicke er ihrer Schwester Nachrichten aufs Handy: "Wir finden dich."

"Faezeh fragt mich: ,Was soll ich machen? Soll ich warten? Soll ich es Richtung Iran versuchen? Wo soll ich hin?‘" Zahra weiß nicht, was sie sagen soll. Vielleicht ist es besser, wenn die Schwester in Kabul bleibt. Vielleicht ist es ihr Tod.

In Hamburg schreibt Zahras Sohn Mails an die Krisenadresse des Auswärtigen Amtes, um seine Tante und ihre Angehörigen auf die Evakuierungsliste zu setzen. Er studiert, er kann sich gut ausdrücken, sagt seine Mutter. Von den Behörden haben sie noch nichts gehört.

Wie wird es weitergehen? Am wichtigsten sei es nun, die humanitäre Hilfe im Land aufrechtzuerhalten, sagt Christina Ihle vom Afghanischen Frauenverein. Sie plädiert für Pragmatismus. Es werde viel über die Evakuierungen geredet, sagt sie. "Aber die meisten werden nicht die Chance haben, das Land zu verlassen." Der bisherige Weg habe einen Scherbenhaufen hinterlassen, sagt Laila Noor. "Mit den Taliban wurde das Ende des Militäreinsatzes verhandelt. Mit den Frauen muss es nun um die Zukunft gehen."

* Zum Schutz der Frauen wurden einige Namen von der Redaktion geändert

Erschienen in stern 35/2021

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