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Aktivistin Vanessa Nakate "Afrika ist den Folgen des Klimawandels am heftigsten ausgeliefert"

Vanessa Nakate am Tagebau Garzweiler
Vanessa Nakate am Tagebau Garzweiler
© Vanessa Nakate / Twitter
Vanessa Nakate, die bekannteste Klimaschutzaktivistin Afrikas, hat den Tagebau Garzweiler besucht. Im Interview spricht sie über ihre klimapolitischen Erwartungen an Deutschland und die Besetzung von Wäldern durch Aktivisten.
Jonah Lemm

Es ist ungewöhnlich warm an diesem Oktobersamstag, 19 Grad, die Sonne wirft ihre Strahlen auf den Tagebau Garzweiler, dieses riesige Braunkohleabbauloch nordwestlich von Köln. Vanessa Nakate blickt über die Abbruchkante, unter ihr fressen sich die Bagger immer weiter in den Boden, am Horizont drehen sich die Windräder ins Himmelblau.

"We cannot eat coal" ist auf ihren Pullover gedruckt. Kohle können wir nicht essen. Nakate, 24 Jahre alt, die bekannteste Klimaschutzaktivistin Afrikas, ist aus Uganda angereist, um sich dieses kleinstadtgroße Nichts einmal selbst anzusehen, eine Handvoll Aktivisten von "Fridays For Future" begleiten sie dabei.

Vanessa Nakate vor dem Tagebau Garzweiler
Vanessa Nakate vor dem Tagebau Garzweiler
© Vanessa Nakate / Twitter

Einige Minuten stehen sie so da, gucken hinunter und in Kameras, dann kommt ein Truck angefahren, Männer in Signalfarben steigen aus. Securitys, die hier für den Energieversorungskonzern RWE aufpassen. Sie bitten, überraschend unaggressiv, das doch bitte jetzt hier mal sein zu lassen, es sei zu gefährlich, nicht, dass jemand noch abrutscht. Der Trupp zieht also weiter, nächster Halt: ein kleiner Wald, der sich an das Dorf Keyenberg löffelt. Beides, das Dorf und der Wald, sollen ebenjenem Tagebau weichen, spätestens 2027.

Deswegen haben Protestler hier Baumhäuser errichtet, manche in über 20 Metern Höhe. Ein Hambi-light. Hier nimmt sich Nakate, die 2019 über Monate hinweg allein vor dem ugandischen Parlament streikte und in Deutschland doch vor allem durch einen Vorfall vor anderthalb Jahren bekannt wurde, als die Nachrichtenagentur Associated Press sie aus einem Foto mit Greta Thunberg und Luisa Neubauer einfach herausschnitt, Zeit für ein Interview.

Frau Nakate, zuletzt haben Sie beim Jugendklimagipfel in Mailand gesprochen. Jetzt sind sie durch Europa unterwegs, um in verschiedenen Ländern andere Aktivisten zu treffen. Warum das viele Reisen?
NAKATE: Weil ich über die Folgen des Klimawandels für mein Heimatland und den gesamten Kontinent Afrika aufklären will, denn ich habe das Gefühl, die werden in Europa von vielen Menschen noch immer nicht gesehen. Afrika ist den Folgen der Klimakrise am heftigsten ausgeliefert, allerdings - historisch gesehen - für gerade einmal drei Prozent der globalen Emissionen verantwortlich. Der Konzern RWE verursacht allein 0,5 Prozent der globalen Emissionen. RWE zerstört also nicht nur die Dörfer hier im Rheinland, sondern auch in meiner Heimat.

Inwiefern?
NAKATE: RWE hat maßgeblichen Anteil daran, dass sich die Erde bereits um 1,2 Grad erwärmt hat. Das führt dazu, dass wir in Uganda mit extremen Regenfällen genauso wie mit extremen Dürren zu kämpfen haben. Wir erleben schon jetzt Flutkatastrophen, die ganze Landstriche zerstören, genauso wie Nahrungsknappheit. Existenzen, Menschenleben werden ausgelöscht.

 Der deutsche Anteil an den weltweiten CO2-Emissionen beträgt allerdings nur zwei Prozent. Manch einer mag sagen: Was immer hier passiert, es macht kaum einen Unterschied.
NAKATE: Deutschland trägt die Verantwortung, so schnell wie möglich Klimagerechtigkeit zu schaffen. Allein schon, weil Deutschland ein so mächtiger Staat ist, muss das Land als gutes Beispiel voran gehen. Sich danach auszurichten, was und wie viel andere Staaten machen, ist der falsche Weg. Ich weiß nicht, ob den deutschen Politikkern der Ernst der Lage schon so bewusst ist. Aber ich habe Hoffnung, dass Deutschland etwas verändern kann und wird, denn hier ist die Klimabewegung sehr stark, so viele junge Menschen gehen auf die Straße und treten für den Klimaschutz ein. Das finde ich sehr wichtig und nötig.

Wir stehen hier in einem Wald, den Aktivisten aus Protest gegen die bevorstehende Rodung besetzt haben. Das ist ja doch ein bisschen radikaler, als "auf die Straße" zu gehen. Wie stehen Sie zu solchen Formen des Aktivismus?
NAKATE: Aktivismus ist vielfältig. Wenn es nötig ist, einen Wald zu besetzen, dann ist das Aktivismus. Genauso wie es Aktivismus ist, Demonstrationen zu veranstalten oder auch Bildungsarbeit zu betreiben. Ich denke, die Menschen sollten sich auf die Art und Weise einsetzen, die sich für sie am besten anfühlt.

 Sie waren auch schon am Tagebau Garzweiler. War Ihnen schon klar, was hier passiert, bevor sie herkamen?
NAKATE: Andere Aktivisten haben mir davon erzählt. Aber hier vor Ort zu sein, das war noch einmal etwas anderes. So etwas habe ich noch nie in meinem Leben gesehen, so viel bewusste Zerstörung an einem Ort. Zu wissen, dass es, bevor die Bagger kamen, überall in der Region so aussah wie in diesem Wald oder in den übrig gebliebenen Dörfern, und zu wissen, dass die bald so aussehen sollen wie der Tagebau - das bricht mir das Herz.

Die letzte Station ihrer Tour ist Lützerath, ein Dorf, das nur noch aus einem Hof und einem Widerstandscamp von Aktivisten besteht. Hier liest Nakate vor vielleicht 80 Menschen aus ihrem Buch, das Ende Oktober in Deutschland erscheinen soll. Auf dem Cover sieht man sie mit einem Megafon in der Hand. Jetzt aber spricht sie eher zurückhaltend in das Mikro. Ein Zuschauer ruft: "Can you turn up the volume?", Könnt ihr mal lauter machen? Kurz lacht Nakate verlegen, dann dreht jemand am Rädchen des provisorisch aufgestellten Lautsprechers. Hinter ihr liegt der Tagebau wie ein müdes Tier. Die Bagger stehen gerade still, nur ein Motor lärmt. Die Security fährt schon wieder Streife.

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