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Dramatische Lage Der Hunger in Ostafrika ist wieder da – wie kann das sein?

Viehhirten aus dem Volk der Samburu in der Provinz Marsabit im Norden von Kenia. Die Region erlebt eine dramatische Dürre, mehrere hunderttausend Menschen sind von einer Hungersnot bedroht.
Viehhirten aus dem Volk der Samburu in der Provinz Marsabit im Norden von Kenia. Die Region erlebt eine dramatische Dürre, mehrere hunderttausend Menschen sind von einer Hungersnot bedroht.
© TONY KARUMBA / AFP
Die Regierung von Kenia hat wegen der Dürre den "nationalen Katastrophenfall" ausgerufen. Auch in Äthiopien, dem Südsudan oder Madagaskar ist die Lage von hunderttausenden Menschen dramatisch. Wie kann das sein? War Hunger nicht ein Thema von gestern? Das ist die Erklärung.

Als ein Team des stern im Sommer im Südosten Kenias in der Provinz Kitui unterwegs war, kündigte sich die dramatische Lage bereits an. Auf den Feldern verdorrten die Pflanzen. Es knisterte unter den Füßen, die vertrockneten Blätter raschelten im Wind. Kaum eine der Maispflanzen würde einen Kolben hervorbringen, das war klar, den Bohnen oder Linsen erging es kaum besser, nur ein paar vereinzelte Exemplare rieselten aus dürren Schoten in die Hand.

Wenn wir mit Bauern sprachen, war der Tenor stets gleich: Der Regen werde immer unberechenbarer. Der Rhythmus der Dürren immer kürzer. Die Lage immer schwieriger – und dieses Jahr sei es besonders dramatisch.

Normal ist hier schon lange nichts mehr

In normalen Zeiten ist der Frühsommer in Ostafrika eine Zeit des Grünens und des Wachsens, in Kenia ist es das Ende der großen Regenzeit, der "Long Rains". Drei Monate haben kräftige Niederschläge die rote Erde durchwässert, haben Mais, Hirse, Bohnen oder Linsen gedeihen lassen, genug, um die anstehenden schwierigen Monate zu überbrücken – in normalen Zeiten.

Doch normal ist hier schon lange nichts mehr. Nur ein paar Mal hatte es etwa im Südosten Kenias in dieser Regenzeit überhaupt geregnet.

Schon damals, im Frühsommer, sagten uns die Bauern: Wir wissen nicht, wie wir den Herbst überstehen sollen.

Inzwischen hat Kenias Regierung wegen der Dürre den "nationalen Katastrophenfall" ausgerufen. Bis zu 2,1 Millionen Menschen sind akut von einer Hungersnot bedroht. Internationale Hilfsorganisationen mobilisieren ihre Teams, um gerade in den besonders betroffenen Gebieten im Norden des Landes, in den Provinzen Turkana oder Marsabit, Soforthilfe zu leisten.

Kenias Situation fügt sich ein in das Gesamtbild von Ostafrika. In Äthiopien sind mehrere hunderttausend Menschen vom Hunger bedroht, vor allem weil die Kämpfe in der Provinz Tigray die lokalen Märkte haben zusammenbrechen lassen.

In Madagaskar hatte die UN schon im Frühjahr mehr als zehntausend Menschen im Süden des Landes in die dramatischste Stufe der Hungerklassifizierung eingeordnet, im sogenannten "Integrated Food Security Phase Classification"-System wurde zum ersten Mal Level fünf ausgerufen, das heißt, die Lage ist "katastrophal". Für Donnerstag hat nun UN-Generalsekretär Guterres im Rahmen der UN-Vollversammlung einen Sondergipfel einberufen.

Die vertrockneten Felder in Kenia, die beispiellose Dürre in Madagaskar, das ist auch ein Ergebnis des Klimawandels, darin sind sich Experten einig. Die Regenfälle werden unberechenbar, die Ernten schwieriger – einer der Gründe, die zu einer verhängnisvollen Entwicklung geführt haben: Der Hunger kehrt zurück.

Die Gespenster der Vergangenheit sind zurück

Es ist ein genauso erstaunlicher wie beängstigender Trend. Lange Zeit schien die Menschheit auf dem Weg, den Hunger zu einer Geißel von gestern zu machen. Die aufgeblähten Bäuche der Kinder aus der nigerianischen Provinz Biafra in den 1960ern, aus den Bürgerkriegsgebieten Äthiopiens in den 1970er und 80er Jahren, das waren Gespenster der Vergangenheit – schien es.

Doch die Geister kehren zurück. Nahm die Zahl der unterernährten Menschen etwa bis 2015 beständig und gleichmäßig ab, hat sich dieser Trend zuerst stark verlangsamt – und nun umgekehrt. Etwa 270 Millionen Menschen sind dieses Jahr von lebensbedrohlicher Nahrungsmittelknappheit betroffen; nahezu eine Verdopplung im Vergleich zur Vor-Corona-Zeit. Mehr als 40 Millionen Menschen stehen knapp vor einer Hungersnot. "Ich habe es weltweit noch nie so schlimm gesehen", sagt Amer Daoudi, Senior Director of Operations beim World Food Programm (WFP) der Vereinten Nationen.

Und wieder einmal ist Afrika davon am stärksten betroffen. Auf dem Kontinent gelten zurzeit 20 Prozent der Menschen als unterernährt – bis 2030 prognostizieren die Vereinten Nationen einen Anstieg auf 25 Prozent. Das ist umso erstaunlicher, haben doch die meisten Länder Afrikas, anders als das Klischee es will, seit der Jahrtausendwende eine verblüffende Entwicklung hingelegt. In Städten wie Lagos, Kigali oder Nairobi gibt es inzwischen eine boomende Start-up-Szene mit Gründerinnen und Gründern, denen der Pitch beim Risikokapitalgeber näher ist als die Lage auf dem Maisfeld.

Klimawandel und Naturkatastrophen

Warum aber kehrt der Hunger zurück? Der Klimawandel ist ein wichtiger Faktor. Denn die immer unberechenbareren Regenfälle führen nicht nur zu Dürren oder, im Gegenteil, bisweilen auch zu Überflutungen — auch eine weitere Naturkatastrophe in Ostafrika ist darauf zurückzuführen.

Seit zwei Jahren verheeren riesige Heuschreckenschwärme die Region. Dahinter steht eine Kettenreaktion, die begann, als es 2018 ungewöhnlich stark auf der arabischen Halbinsel regnete. Dort entwickelten sich die Schwärme der gefräßigen Insekten und trieben mit den Winden nach Afrika. Und hinter dem anfänglichen Regen in der Wüste steckte, so urteilen Experten, auch wieder der Klimawandel.  

Mehrere hunderttausend Menschen in Ostafrika sind von einer Hungersnot bedroht. Wir leiten Ihre Spende an Organisationen weiter, die nachhaltige Konzepte gegen den Hunger entwickeln und von deren Arbeit sich die Redaktion vor Ort überzeugt hat. Dazu zählt unter anderem die Welthungerhilfe. Hier können Sie spenden.
Mehrere hunderttausend Menschen in Ostafrika sind von einer Hungersnot bedroht. Wir leiten Ihre Spende an Organisationen weiter, die nachhaltige Konzepte gegen den Hunger entwickeln und von deren Arbeit sich die Redaktion vor Ort überzeugt hat. Dazu zählt unter anderem die Welthungerhilfe. Hier können Sie spenden.

Zu diesen Naturkatastrophen kommt die Covid-19-Pandemie hinzu. Mangels Vakzinen liegt die Impfquote etwa in Kenia bei unter zwei Prozent, und die so nötigen Lockdowns haben die Einkommensgrundlage von Millionen Menschen zerstört. In den Armenvierteln der Städte aber auch genauso auf dem Land. Denn auch viele Familien in den Dörfern leben von den Überweisungen von Vätern, Brüdern oder Onkeln, die in den großen Städten arbeiten.

Schon im Frühsommer, als das Team des stern in Kitui unterwegs war, hatten die meisten Familien begonnen, Mahlzeiten auszulassen. Morgens Tee. Nichts zu Mittag. Abends meistens nur Ugali, der typische Maisbrei der Region. Lehrer berichteten von Schülern, die mangels Schwäche kaum mehr dem Unterricht folgen konnten, auch Früchte und Gemüse für das Schulessen konnten die wenigsten mitbringen. Das war im Juni.

Inzwischen dürfte sich die Lage dramatisch verschärft haben.


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