HOME
Interview

Historiker Gregor Schöllgen: Warum Helmut Kohl ein großer Staatsmann war

Adenauer, Schmidt, Brandt - wo sortiert sich Helmut Kohl unter den Kanzlern der Bundesrepublik ein? Als ein großer Staatsmann, urteilt der Historiker und Kanzler-Kenner Gregor Schöllgen.

Der französische Staatspräsident François Mitterrand und Helmut Kohl reichen sich 1984 über den Gräbern von Verdun die Hand.

Kleine Geste, große Wirkung: François Mitterrand und Helmut Kohl reichen sich 1984 über den Gräbern von Verdun die Hand

Herr Professor Schöllgen, war ein großer Kanzler?

Helmut Kohl hat in entscheidenden Situationen – vor allem, aber nicht nur 1989/90 – einen herausragenden politischen Instinkt, gepaart mit einem imponierenden Durchsetzungswillen, an den Tag gelegt. Das macht ihn zu einem bedeutenden Kanzler. 

Wie definieren Sie als Geschichtswissenschaftler historische Größe?

In einem Moment, den viele erst später als entscheidend und historisch wahrnehmen, die Chance zu wittern und couragiert, entschlossen und umsichtig zu handeln, das nenne ich groß. Insofern war Helmut Kohl ein großer Staatsmann.

Porträt von Professor Gregor Schöllgen

Der Kanzler-Kenner unter den Geschichtsforschern: Gregor Schöllgen, 65, Professor an der Uni Erlangen

Als "groß" gelten neben Kohl, vor allem Konrad Adenauer und Willy Brandt. Welchen Stellenwert hat Kohl für Sie in dieser Ahnengalerie bedeutender Kanzler?

Adenauer und haben über viele Jahre ein als richtig erkanntes Ziel verfolgt und schließlich realisiert: Adenauer die Verankerung der Bundesrepublik im Westen, Brandt die Aussöhnung mit dem Osten. Brandt hatte sie schon ins Auge gefasst, als er noch gar nicht Kanzler war. 1989 kam es darauf an, in einer unerwarteten Situation zu handeln, bevor sich das Fenster schloss und die Gelegenheit zur Erlangung der deutschen Einheit womöglich wieder verstrich. Anders als Adenauer oder Brandt hatte Kohl dafür keine Strategie entwickeln können. Denn ein Zusammenbruch der DDR galt als unvorstellbar. Als genau das dann doch passierte, handelte er instinktsicher und überlegt. Kein anderer deutscher Kanzler war in einer vergleichbaren Situation. So gesehen ist er eine singuläre historische Figur.

Kohl-Kritiker sagen, der Mann habe vor allem gehabt: In seiner Zeit kollabierte der Ostblock, so stand das Tor zur deutschen Einheit offen. Er musste nur noch hindurchgehen.

Er hatte Glück, keine Frage. Allerdings zahlte sich 1989/90 auch aus, dass Kohl zuvor über Jahre konsequent persönliche Freundschaften mit wichtigen Partnern aufgebaut hatte. Auf dieses Netzwerk konnte er in entscheidenden Momenten zurückgreifen. Wenn man sieht, wie dieser massige Mann aus der auf Frankreichs Präsident François Mitterrand, einen ja eher feingliedrigen Mann, zugegangen ist, dann hat man auch heute noch Respekt vor der persönlichen und historischen Sensibilität: Vor diesem Mann und dem Land, für das er stand, brauchte man keine Angst zu haben. Das war die Botschaft.

Wie hat Kohl das gemacht?

Wenn man sich die Aufzeichnungen der Gespräche ansieht, die er als Kanzler mit den führenden Staatsmännern und -frauen der Zeit geführt hat, stellt man rasch fest: Er ist immer gleich vorgegangen, hat zunächst von sich und seiner Familie erzählt, von seinem Bruder, der im Krieg gefallen ist, von seinen Eltern und natürlich von seinem Land. Dann ist er auf die Biografie des anderen zu sprechen gekommen – Kohl war immer sehr gut vorbereitet: Wie hat deine Familie das erlebt – Krieg, Zerstörung, Tod und Vertreibung? Was hat das für unsere Länder bedeutet? Und welche Lehre ziehen wir daraus? Kohl war eben auch ein gelernter und im Übrigen sehr sattelfester Historiker.

Waren die Deutschen undankbar, als sie Kohl 1998 nach 16 Jahren Kanzlerschaft abwählten?

Dankbarkeit ist in der Politik keine Kategorie, die zählt. Es gibt gute Gründe, warum die Amtszeit zum Beispiel amerikanischer oder französischer Staatspräsidenten auf zwei Wahlperioden begrenzt ist. Nach acht oder zehn Jahren schleicht sich Routine ein, das Misstrauen gerade auch gegenüber langjährigen Weggefährten nimmt zu. Kohl war da keine Ausnahme, im Gegenteil. Auf dem Bremer Parteitag standen die Putschisten Mitte September 1989 ja schon in den Startlöchern. Aber dann hat Kohl ihnen gezeigt, wozu er fähig ist, als wenige Wochen später die Mauer fiel. So gesehen begann für ihn 1989 eine zweite Kanzlerschaft – mit ihren typischen Problemen, innenpolitische Stagnation und Reformstau inklusive.

In linken und bildungsbürgerlichen Kreisen wurde Kohl oft verachtet: Er war "Birne", seine Strickjacke galt als peinlich.

Seine tatsächliche oder vermeintliche Provinzialität hat er ja auch kultiviert. Wohl wissend, dass er damit die Mehrzahl der Deutschen ansprach und erreichte, die ähnlich lebten wie er: Frau, zwei Kinder, Eigenheim, schlichte Anzüge, bodenständige Küche. Da konnte es ihm egal sein, was Intellektuelle über ihn dachten und das Feuilleton über ihn schrieb. Aber gekränkt hat es ihn schon. Kohl war ja, allen Vorurteilen zum Trotz, ein gebildeter Mann.

Euro, Brexit, Flüchtlinge, Rechtspopulisten: Europa steckt in einer tiefen Krise. Verspielt die gegenwärtige Politiker-Generation das Erbe des Europäers Kohl?

Das von heute ist nicht mehr das Europa Helmut Kohls. Er wuchs in das Europa des Kalten Krieges hinein: Der große Gegner im Osten hielt das westliche Europa mit zusammen. Dieses einigende Moment gibt es so nicht mehr. Gleichzeitig – und vielleicht auch deshalb – erleben wir eine Rückbesinnung auf den Nationalstaat. Wie die Konjunktur des Populismus zeigt, können die Grenzen zum Nationalismus fließend sein. Helmut Kohl war das verdächtig. Er war kein Nationalist. Er war ein Patriot. Schwer zu sagen, ob die heutige Politiker-Generation diesem Patriotismus noch etwas abgewinnen kann. Aber zwischen dem, was Kohl als Patriotismus empfand, und dem Schicksal Europas gab und gibt es einen Zusammenhang.


Kohls Traum war es, über den Euro Europa unumkehrbar zur Einheit zusammenzuzwingen. Heute spaltet die Eurokrise den Kontinent eher. Ist Kohl also einem historischen Irrtum unterlegen?

Die beschleunigte Einführung des Euro war wichtige Voraussetzung, um Franzosen und andere für das Projekt deutsche Einheit zu gewinnen. Damit war die Sorge vom Tisch, das vereinigte Deutschland könne Europa mithilfe der starken D-Mark – gewissermaßen durch die Hintertür – dominieren. Es fehlte und fehlt allerdings die politische Union, also der politische Unterbau. Insofern ist auch der große Europäer Helmut Kohl ein Unvollendeter geblieben.

In der CDU-Spendenaffäre offenbarten sich Abgründe in der Persönlichkeit Kohls. Er hat sich und das den Spendern gegebene "Ehrenwort" über das Gesetz gestellt. Hat er damit sein Lebenswerk zerstört?

So weit würde ich nicht gehen. Aber sicher hat er seinem Lebenswerk schweren Schaden zugefügt. Sein Verhalten in der Spendenaffäre war hochproblematisch. Die Art und Weise, wie die damalige Generalsekretärin der CDU, Angela Merkel, ihn Ende 1999 mit ihrem berühmten Beitrag in der "FAZ" aufgefordert hat, die Konsequenzen zu ziehen, war ein Tiefschlag. Für Helmut Kohl war seine Partei alles. Die CDU war seine Heimat, seine zweite Familie.

Hätte er den Friedensnobelpreis verdient gehabt? Oder wäre das zu viel Personenkult gewesen?

Das ist eine schwierige Frage.

Obama hat ihn am Anfang seiner Amtszeit bekommen. Viele haben sich gefragt: Wofür?

Wenn man sich die Reihe der Friedensnobelpreisträger seit dem Zweiten Weltkrieg anschaut, muss man sagen: Der Mann hätte jedenfalls in die engere Auswahl gehört. Und da war er ja wohl auch.