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Autoindustrie: Rabattschlachten - und kein Ende in Sicht

Hier eine Klimaanlage gratis, dort ein Rabatt von zehn Prozent: Wer zurzeit einen Neuwagen kaufen will, darf sich die Hände reiben. Fluch oder Segen für Hersteller, Händler und Käufer - das wird sich noch zeigen.

Hier eine Klimaanlage gratis, dort ein Rabatt von zehn Prozent und mehr: Wer in Deutschland momentan einen Neuwagen kaufen will, darf sich die Hände reiben. Doch spätestens beim Verkauf des vierrädrigen Gefährten gibt es lange Gesichter: Die Rabatte drücken den Wiederverkaufswert. "Preisnachlässe wirken sich innerhalb kürzester Zeit auf die Gebrauchtwagen der gesamten Modelllinie aus", hat die Unternehmensberatung Booz Allen Hamilton (BAH) beobachtet.

Ob diese Entwicklung sich letztlich als Fluch oder Segen für Hersteller, Händler und Käufer entpuppen wird, mag dahingestellt bleiben. Eines scheint aber schon jetzt festzustehen: "Der Preiskampf wird unvermindert weitergehen", prognostizierte BAH-Autoexperte Peter Soliman bei der Vorstellung einer Marktstudie in Frankfurt am Main. "Die zu beobachtenden Rabattschlachten sind Symptome der strukturellen Probleme der Automobilindustrie."

Preiskampf Folge von Überkapazitäten

Der aktuelle Preiskampf ist nach Ansicht der Marktanalysten eine "zwangsläufige Folge" von Nachfragerückgang und Überkapazitäten. In der Autoindustrie gibt es laut Soliman Überkapazitäten von rund 30 Prozent. Diese Verknüpfung von Überkapazitäten und stagnierender Nachfrage führe zu einem heftigen Verdrängungswettbewerb und zu Preisverfall.

Der Preis hat mittlerweile nach Beobachtung der BAH-Experten als Kriterium beim Neuwagenkauf an Bedeutung gewonnen (plus 17 Prozent) - auf Kosten von Merkmalen wie Zuverlässigkeit und Qualität. Auch die Treue zu einer bestimmten Marke sinkt europaweit.

Hoher, stabiler Restwert gefragt

Aus Kundensicht wird die Markenpositionierung laut Studie vor allem durch zwei Faktoren getrieben: Die Halte- und Nutzungskosten - dazu zählen auch der Wiederverkaufswert - und das Produkt- und Serviceangebot. Die Überlegung "Wie viel ist mein Auto bei einem Verkauf in ein paar Jahren noch wert?", kann die Kunden laut BAH veranlassen, zu einer luxuriöseren Marke zu wechseln, da ein hoher, stabiler Restwert bereits nach wenigen Jahren einen geringeren Kaufpreis ausgleicht.

"Da tickt eine Zeitbombe"

Betrachtet man die Situation vieler Autohändler, verdüstert sich das Bild der Branche weiter. Viele legen nach BAH-Angaben schon seit Jahren drauf. Und die Schnäppchenjagd wird immer intensiver. So ergab jetzt eine Umfrage des Internet-Automarktes mobil.de und der Citibank, dass 92 Prozent der Autofahrer beim nächsten Wagenkauf um den Preis feilschen wollen. Die - zumeist mittelständischen - Händler geraten dabei immer mehr in Gefahr, dass ihnen ihre Banken oder Sparkassen den Geldhahn zudrehen. "Da tickt eine Zeitbombe, auf der die ganze Industrie sitzt", warnte BAH-Experte Steffen Schick.

Selbst amerikanische Verhältnisse - in den USA werden Käufer mit Bargeld-Rabatten von 4.000 Dollar (3.200 Euro) und mehr zum Vertragsabschluss gelockt - sind auf dem deutschen Automarkt nicht mehr auszuschließen. Allerdings werde dies von dem jeweiligen Fahrzeugmodell und dessen Lebenszyklus abhängen, betonte Soliman. In den nächsten zwei Jahren sei eine derartige Entwicklung hier zu Lande aber noch nicht zu erwarten, ergänzte Schick.

Michael Bauer, AP / AP