Blick ins Ausland Pillen von der Tankstelle


Apothekenketten, Dumpingpreise, Wettbewerb: In anderen Ländern profitieren die Verbraucher vom liberalen Arzneihandel.

Hohe Gewinnmargen für die Apotheker und eine strenge Regulierung - der deutsche Arzneivertrieb ist teuer und abgeschottet. Der stern hat über die Grenzen geschaut, wie es die anderen machen.

In den

Niederlanden

werden nur die rezeptpflichtigen Medikamente ausschließlich von Apotheken verkauft, ihre Preise werden von den Unternehmen festgelegt und sind überall gleich. Andere Produkte wie Aspirin und Hustensäfte werden zum Beispiel auch von Drogerien angeboten, hier gibt es keine Preisbindung. Neuerdings sind Ketten erlaubt - solange ein Apotheker pro Filiale die Verantwortung trägt, aber auch diese Beschränkung dürfte bald fallen. Es gibt 1.650 Apotheken plus 500 Hausärzte, die Medikamente liefern. Rund 8.000 Einwohner teilen sich eine Apotheke - mehr als doppelt so viele wie in Deutschland.

In

Frankreich

gibt es Arzneimittel nur in der Apotheke. Für verschreibungspflichtige Mittel wird der Preis von den gesetzlichen Krankenkassen festgelegt, bei allen anderen gibt es keine Preisbindung und entsprechend häufig Sonderangebote. Gerade große Apotheken locken gern mit Dumpingpreisen. Ein Apotheker soll nur eine Apotheke besitzen, allerdings wird dieses Gebot gern umgangen: Ehefrau oder Tante besitzen auch ein Geschäft, beliebt sind auch Minderheitsbeteiligungen von 49 Prozent. Statistisch versorgt eine Apotheke nur 2.700 Einwohner. Der Gesetzgeber versucht, die Überversorgung zu beschränken.

In Großbritannien kann rezeptfreie Arzneien jeder verkaufen, der eine entsprechende Lizenz besitzt: Das sind neben Apotheken auch Drogerien, Supermärkte, Tante-Emma-Läden und sogar Tankstellen. Verschreibungspflichtige Medikamente dürfen nur Apotheken mit einer Lizenz des örtlichen Primary Care Trust (das sind regionale Abteilungen des National Health Service) vertreiben. Doch diese Lizenzen besitzen auch Supermarkt- und Drogerieketten, die in ihren Filialen oft einen Apothekenschalter haben. Womöglich dürfen demnächst - zum Schrecken der etablierten Konkurrenz - sogar Allgemeinärzte in ihren Räumen eine Apotheke betreiben. Eine Preisbindung gibt es nur für rezeptpflichtige Arzneien. Rund 4.000 Briten teilen sich eine Apotheke.

Das System in

Italien

ist dem deutschen ähnlich: Arzneimittel werden ausschließlich in Apotheken vertrieben. Ketten sind verboten, und wer eine Apotheke besitzt, darf sich ansonsten nicht in der Branche betätigen - weder in der Produktion noch im Zwischenhandel. Die Preise werden einheitlich vom Nationalen Sanitätsservice festgelegt, Preissenkungen müssen genehmigt werden. Auf eine Apotheke kommen statistisch 3.500 Italiener.

Die

Vereinigten Staaten

regeln ihren Pharmavertrieb gewohnt liberal: Rezeptfreie Pillen und Säfte werden auch in Supermärkten verkauft. Verschreibungspflichtige Arzneien gibt es zwar nur in lizenzierten Apotheken, doch die sind durchaus in supermarktähnlichen Ketten organisiert. Eine Apotheke ist statistisch für 5.000 US-Bürger da. Es existiert keine Preisbindung, auch wenn die pharmazeutische Industrie sehr darauf drängt. Bislang unterscheiden sich die Preise nicht nur von Bundesstaat zu Bundesstaat, sondern auch von Apotheke zu Apotheke. In einem anderen Punkt sind die Amerikaner allerdings sehr streng: Der Patient erhält nur exakt so viele Pillen, wie ihm der Arzt verschrieben hat. Die werden in Papiertütchen abgezählt.

Arne Daniels, Albert Eikenaar, Laura Geramb, Tilman Müller, Dagmar Seeland, Michael Streck

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