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Finanzen: Argentinien gewinnt Schuldenpoker mit IWF

Nur Stunden vor Ablauf der Zahlungsfrist ließ er am Dienstag 3,1 Milliarden Dollar (2,5 Mrd Euro) an den Fonds überweisen und vermied damit den Sündenfall der Zahlungsunfähigkeit.

Im Schuldenpoker mit dem Internationalen Währungsfonds (IWF) hat Argentiniens Präsident Néstor Kirchner die Nerven behalten. Nur Stunden vor Ablauf der Zahlungsfrist ließ er am Dienstag 3,1 Milliarden Dollar (2,5 Mrd Euro) an den Fonds überweisen und vermied damit den Sündenfall der Zahlungsunfähigkeit. Seine Entscheidung fiel aber erst, nachdem der IWF zugesichert hatte, dass der Betrag umgehend wieder in das hochverschuldete südamerikanische Land zurückfließen werde. Aus den Devisenreserven wollte Kirchner die Rate nicht begleichen. Er hatte offen mit Zahlungsverweigerung gedroht.

Stolperstein waren neue IWF-Forderungen

Dabei ging es bei dem tagelangen Tauziehen nicht so sehr um das Verhältnis zwischen dem IWF und dem überschuldeten Argentinien. Denn alle fiskalpolitischen Bedingungen, die das Land bei der Zusage des IWF-Beistandskredites über 12,5 Milliarden Dollar im vergangenen September akzeptierte, hat es erfüllt. Als Stolperstein erwiesen sich argentinischen Medienberichten zufolge stattdessen neue Forderungen des IWF zu Gunsten privater Gläubiger.

Viele Kleinanleger betroffen

Sie halten Bonds und andere argentinische Wertpapiere in einem Umfang von etwa 88 Milliarden Dollar und gucken seit Januar 2002 in die Röhre. Damals erklärte sich Argentinien im Verhältnis zu den privaten Gläubigern für zahlungsunfähig. Vergangenen Herbst schockierte Wirtschaftsminister Roberto Lavagna tausende Kleinanleger und Fondsmanager mit der Ankündigung, nur 25 Prozent der Schulden zurückzahlen zu wollen. Schon vor einem Jahr hatte Kirchner im Wahlkampf verkündet, er werde die "Schulden nicht mit dem Hunger der Argentinier" begleichen.

Fonds kann Nachbesserung nicht durchsetzen

Der Versuch des Fonds, eine Nachbesserung zu erzwingen, konnte indessen kaum gut gehen. Denn das Land am Rio de la Plata, das früher Fantasiezinsen versprach, um an frisches Geld zu kommen, setzt inzwischen kaum noch auf ausländisches Kapital. Notfalls pfeift es auch auf den IWF, dem die Regierung Kirchner eine erhebliche Verantwortung für die horrende Verschuldung des Landes anlastet. Im vergangenen Jahr wuchs die Wirtschaft um mehr als acht Prozent, und das ganz ohne Finanzhilfen. Nach Einschätzung von Finanzexperten hätte ein Bruch mit dem IWF kaum noch unmittelbare Folgen gehabt.

"Spielcasino" für die Anleger

Zwar versichern Regierungspolitiker in Buenos Aires immer wieder, dass Argentinien an "normalen" Beziehungen zum Fonds interessiert sei und eine gütliche Einigung mit seinen Gläubigern wolle. Priorität aber hat für Kirchner die Ankurbelung der Wirtschaft und die Bekämpfung der Armut, unter der mehr als 50 Prozent der Bevölkerung leiden. Die Mehrheit seiner Landsleute sieht das ähnlich. Die Anleger hätten ja gewusst, dass sie sich in eine Art "Spielkasino" begeben, als sie argentinische Bonds kauften, sagte er kürzlich und löste damit wütende Proteste der Gläubiger aus.

Argentinien ist drittgrößter IWF-Schuldner

Der IWF kann es sich aber kaum leisten, sein in Argentinien gebundenes Kapital abzuschreiben. Nach Brasilien und der Türkei ist das Land der drittgrößte Schuldner, in das der Fonds 15 Prozent seines Kapitals investiert hat. Besonders US-Präsident George W. Bush käme es im Wahljahr höchst ungelegen, wenn er Milliardenbeträge beim IWF abschreiben oder sogar nachschießen müsste.

Jan-Uwe Ronneburger / DPA