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Finanzkrise: Mythos Sparkasse befeuert das Geschäft

Alle Banken haben im Zuge der globalen Finanzkrise das Vertrauen ihrer Kunden verloren. Alle? Nein. Es gibt auch in dieser prekären Situation Gewinner. Denn offenbar sind Sparkassen und Genossenschaftsbanken für Kunden derzeit hochattraktiv - nicht trotz, sondern gerade wegen der Krise.

Von Leonie Seifert

In der Bankenwelt herrscht Untergangsstimmung, in den USA und in Europa. Die Kunden zittern, bangen um ihr Geld. Dennoch scheint es bereits Krisengewinner zu geben: Nicht Oskar Lafontaines kapitalismuskritische Linkspartei, sondern die deutschen Sparkassen. Ebenso wie die Genossenschaftsbanken verzeichnen sie seit Tagen neue Kunden - und zusätzliche Einlagen.

Die positiven Auswirkungen der Finanzkrise auf ihr Geschäft verspüren die Institute seit Mitte September, verstärkt seit der zweiten Oktoberwoche. Die Hamburger Sparkasse, größte von insgesamt 443 Sparkassen in Deutschland, zählt seit Anfang dieser Woche 500 neue Kunden und 500 Millionen Euro mehr Einlagen als Mitte September. Die Haspa fimiert zwar als AG, gehört aber ebenfalls den Sicherungsfonds der Sparkassen an.

Das zweitgrößte Institut, die Sparkasse Köln-Bonn, nahm im gleichen Zeitraum 355 Millionen Euro zusätzlicher Einlagen ein, und die Stadtsparkasse München spricht von 200 Millionen Euro. "Wir merken, dass unser Geschäftsmodell wieder gefragt ist", sagte Michaela Roth, Sprecherin des Deutschen Sparkassen- und Girokontenverbandes, stern.de. Jahrelangen hatten die Sparkassen in Werbung investiert, um ihr verstaubtes Image loszuwerden. Um die Sparkassen als "Krisengewinner" zu bezeichnen, lägen dem Verband aber noch nicht ausreichende Zahlen vor. Nur soviel: "Die Sparkassen wirken stabilisierend in der Bankenkrise", so die Sprecherin.

Regionales Kapital für regionale Investitionen

Der Trend ist nicht neu. Schon im vergangenen Jahr waren die Einlagen der Sparkassen in Deutschland nach Angaben des Sparkassenverbands um drei Milliarden Euro auf nunmehr 717 Milliarden Euro gestiegen.

Auch bei den Genossenschaftsbanken hatte die Finanzkrise positive Auswirkungen. "Unsere Filialen berichten, dass die Zahl der Neukunden und die der Einlagen enorm steigen", sagt ein Sprecher des Bundesverbandes der Deutschen Volksbanken und Raiffeisenbanken. Genaue Zahlen kann der Bundesverband jedoch noch nicht vorlegen.

Nur: Was macht die Sparkassen und Genossenschaftsbanken für Kunden derzeit so attraktiv? Hans-Peter Burghof, Professor für Bankwirtschaft an der Universität Hohenheim, bezeichnet den Wechsel der Kunden zu Sparkassen als einen "sehr logischen Schritt". Die Kunden fühlten sich dort gut aufgehoben, weil die Sparkassen hauptsächlich regionales Kapital regional investiert und nicht an internationalen Märkten spekuliert hätten, behauptet er. Damit seien sie relativ unabhängig von den internationalen Kapitalmärkten und auch von der Finanzkrise. "Früher war dieses Geschäftsmodell als altbacken verschrien, aber heute ist es genau das, was die Kunden als Sicherheit wollen."

"Merkel-Garantie" schützt auch Privatbanken

Dabei ist das Geld der Kunden bei den Sparkassen und Genossenschaftsbanken nicht mehr oder weniger sicher als bei den Privatbanken. Das sagt zumindest Michael Schröder vom Zentrum für europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) in Mannheim. "Das deutsche Bankensystem ist stabil. Bisher waren die Sicherungssysteme der Sparkassen etwas besser, da sie per Definition nicht pleite gehen können - und wenn, dann wäre der Staat eingesprungen", so Schröder. Doch da die Bundesregierung nun für deutsche Spareinlagen eine unbegrenzte Garantie ausgesprochen, seien Privatbanken ebenso sicher. Daher könne er nicht verstehen, warum Menschen ihr Geld nun zu den Sparkassen und den Genossenschaftsbanken tragen.

Bei der Europäischen Union (EU) sind die Sparkassen weniger beliebt als derzeit bei den Kunden. Sie gehören mit wenigen Ausnahmen den Kommunen, sind also öffentlich-rechtliche Institute, ihr Geschäftsgebaren ist dem Gemeinwohl verpflichtet. Gemessen an der Bilanzsumme bilden die Sparkassen mit einem Gesamtanteil von rund 46 Prozent an allen Bankkunden und absolut rund 50 Millionen Kunden den wichtigsten Stützpfeiler des deutschen Bankensystems, neben den Genossenschaftsbanken und den Privatbanken. Sie besitzen ein ausgedehntes Netz an Filialen. Vor einer Pleite ist den Sparkassen die Hilfe von Kommunen, Ländern und Bund garantiert.

Wegen "Wettbewerbsverzerrung" hatte sich die EU-Kommission 2001 mit Bund und Ländern darauf geeinigt, wenigstens zwei Verknüpfungen zwischen Sparkassen und Staat zu kappen: Das Institut der Anstaltslast und die Gewährträgerhaftung. In der Vergangenheit bedeuteten diese Instrumente, dass Kommunen und Länder das wirtschaftliche Risiko mittragen und im Fall der Schieflage eines Instituts für die Verluste geradestehen mussten. Die Folge waren deutlich bessere Refinanzierungsmöglichkeiten für die öffentlich-rechtlichen Kreditinstitute, was vor allem von privaten Banken kritisiert wurde.

Anmerkung der Redaktion: Die Hamburger Sparkasse (Haspa) firmiert zwar als Aktiengesellschaft, ist aber dem Haftungsverbund der Sparkassen-Finanzgruppe angeschlossen. Die Haspa ist eine 100-prozentige Tochter der Haspa Finanzholding. Sie ist damit eine so genannte freie Sparkasse, die keine externen Eigentümer hat und gewissermaßen sich selbst gehört.