Finanzkrise Wie sicher ist unser Geld?


Die Bilder ähneln sich: Die Folgen der globalen Finanzkrise treiben Sparer auch 2007 dazu, sich ihr Geld von der Bank bar auszahlen zu lassen. Die immer schwerer zu durchschauenden und riskanteren Deals der Finanzprofis lassen das Vertrauen schwinden - auch in Deutschland.
Von Jan Boris Wintzenburg

Als Rolf Weiser aus Brühl im Rheinland die Bilder aus England sah, wurde ihm angst und bange: diese vielen Menschen, die die Filialen der angeschlagenen Bank Northern Rock stürmten, um ihr Geld zu retten. "Das erinnerte mich an die Nachkriegszeit, als wir überall anstehen mussten, um zu überleben", sagt er. Weiser weiß, was es bedeutet, alles zu verlieren: Seine Familie stand vor dem Nichts, als das Wohn- und Geschäftshaus seiner Eltern gegen Kriegsende im Bombenhagel vernichtet wurde. Jetzt sorgt auch er sich um sein Geld. Seit 40 Jahren ist der ehemalige Einzelhandelskaufmann Kunde der Kreissparkasse Köln. Stets vertraute er dem Institut blind. Seine gesamten Ersparnisse hat er hier angelegt. Als sich die Bankenkrise in den USA wegen der vielen faulen Hauskredite zuspitzte und "viele Menschen viel Geld verloren", schwand sein Zutrauen. Schließlich besitzt er auch eine Immobilie samt Kredit. Sie ist ein wichtiger Teil seiner Alterssicherung: "Nicht auszudenken, wenn damit irgendetwas passieren würde."

Weiser handelte: Er ließ sich einen Termin bei Wolfgang Eckert, dem Bezirksdirektor der Kreissparkasse, geben. Rolf Weiser ist nicht der einzige Kunde, den der Banker in diesen Tagen beruhigen muss: "Die Fragen, ob das Geld noch sicher ist, häufen sich." Vor allem die älteren seiner 13.000 Kunden fühlen sich an die Pleite der privaten Kölner Herstatt-Bank erinnert, die 1974 nach Milliardenverlust bei Devisenspekulationen zahlungsunfähig wurde. "Die Bilder von besorgten Kunden, die die Herstatt-Filialen stürmen, ähneln verblüffend denen aus England", sagt Eckert. Auch andere Banken bekommen in diesen Tagen häufiger als sonst Besuch von ihren Kunden. Manch Hochbetagter kann sich sogar noch an die Weltwirtschaftskrise der 30er Jahre erinnern, in der in Deutschland Banken zahlungsunfähig wurden und die zu ähnlichen Schlangen führte wie jetzt in England. "Es gibt einen verstärkten Beratungsbedarf ", heißt es etwa aus Kreisen der Dresdner Bank. "Allerdings herrscht keine Panik oder Hysterie. Die Kunden wollen einfach erklärt bekommen, was die aktuellen Entwicklungen für ihr Vermögen bedeutet." Plötzlich sind Fragen, wo vorher Vertrauen war. Langsam kriecht die Furcht vor einer globalen Finanzkrise in die Herzen der Bürger. Auch wenn der Kopf ihnen sagt, dass kaum irgendwo das Geld sicherer ist als auf deutschen Bankkonten, nagen doch unbestimmte Zweifel am guten Gefühl.

Misstrauen entsteht nicht im Kopf, sondern im Herzen

Wenn irgendwelche überschuldeten Hausbesitzer aus den USA in Windeseile namhafte Banken wie die Deutsche Industriebank (IKB) und die sächsische Landesbank (Sachsen LB) fast in die Pleite treiben, wenn die mächtige Deutsche Bank gigantische 29 Milliarden Euro an Krediten "neu bewerten" muss, was womöglich zu Milliardenverlusten führt, was kommt dann als Nächstes? Misstrauen entsteht nicht im Kopf, sondern im Herzen. Und Misstrauen ist genau das, was Finanzmärkte ins Wanken bringt: Die britische Bank Northern Rock geriet auch deshalb in Schwierigkeiten, weil Kunden sich in wenigen Tagen umgerechnet mehr als 2,87 Milliarden Euro auszahlen ließen. Der Grund: Die Bank hatte einen Kredit bei der Notenbank abgerufen. Das gilt als Zeichen von Schwäche. Northern Rock konnte nicht anders, weil zurzeit kaum eine Bank einer anderen noch Geld leiht. Auch Banker sind misstrauisch geworden. Wenn schon Finanzprofis zweifeln, wer will es Menschen wie Rolf Weiser verdenken? "Jede Bank ist pleite, wenn die Kunden das Geld zurückwollen." Diesen Satz hat Josef Ackermann, Chef der Deutschen Bank, in der vergangenen Woche in der ZDF-Talkshow von Maybrit Illner gesagt. Ackermann nahm dabei sein Institut keineswegs aus. Es ist eine simple Wahrheit, doch sie zeigt: Es geht auf den Weltfinanzmärkten nur vordergründig um Euro oder Dollar, faule Kredite und Fehlkalkulationen. Eigentlich geht es immer nur um eines: Vertrauen.

Finanzexperten geben deswegen auch nur ungern zu, dass die Krise noch keineswegs ausgestanden ist. Zu unübersichtlich sind die Risiken, die in den Büchern der Banken stehen. Lloyd Blankfein, Chef der US-Investmentbank Goldman Sachs, sagte dem "Manager-Magazin": "Die Märkte haben eine gewaltige Bereinigung erlebt, und ich halte es für sehr wahrscheinlich, dass es noch zu weiteren Anpassungen kommt." Solch düstere und doch vage Aussagen sind kaum geeignet, um Sparer zu beruhigen. Einer Umfrage des Forsa-Instituts für den stern zufolge denken immerhin 15 Prozent der Deutschen, dass ihr Geld momentan auf der Bank nicht sicher ist. Tendenz: mit zunehmendem Alter steigend. 31 Prozent können sich sogar vorstellen, aus Sorge um die Sicherheit ihrer Ersparnisse Geld von der Bank abzuheben. Das bedeutet: Rund 20 Millionen Kontoinhaber haben schon mal mit dem Gedanken gespielt, sich im Ernstfall in eine Schlange vor ihrer Bank einzureihen. Die Flucht in vermeintlich sicherere reale Werte hat längst begonnen: Münzhändler berichten von steigendem Absatz von Gold- und Silbermünzen. Die Königlich- Kanadische Münze meldet, die Nachfrage habe sich verfünffacht. Die Feinunze Gold erreichte vergangene Woche mit 735 Dollar den höchsten Stand seit 28 Jahren. "Unsere Umsätze sind im August und September um 100 Prozent gestiegen", sagt Edelmetallhändler Robert Hartmann von der Firma Pro Aurum. "Zurzeit gibt es Probleme mit der Verfügbarkeit des Krügerrands. Das gab es seit 25 Jahren nicht. Kunden müssen bis zu eine Woche warten."

Internationaler "Casino- Kapitalismus".

Der Wunsch, Edelmetall zu besitzen, ist ein Rückgriff auf Zeiten, als das Geld noch mehr als eine Vertrauenssache war, weil Münzen einen echten Goldwert hatten. Doch Münzen aus reinem Gold gibt es im Zahlungsverkehr schon lange nicht mehr. Früh erkannten Kaiser und Könige, dass der Glanz des Goldes ausreicht, um das Vertrauen der Bürger zu behalten. Münzgold wurde immer mehr gestreckt - der Anteil des Edelmetalls sank auf ein Minimum. Später ersetzte der sogenannte Gold-Standard die Goldmünzen: Die Notenbank verpflichtete sich, jederzeit das ausgegebene Bargeld in eine bestimmte Menge Gold umzutauschen. Heute gibt es nur noch für einen Bruchteil des Euro-Bargelds Goldreserven. Der Bürger muss sich auf eine rechtliche Zusage verlassen: Der Euro ist in Deutschland gesetzliches Zahlungsmittel. Er muss jederzeit zur Bezahlung akzeptiert werden. Ein festes Umtauschverhältnis in Gold hatte schon die D-Mark seit 1973 nicht mehr. Das moderne Finanzsystem hat das Geld noch abstrakter gemacht: In der Regel werden Gehalt oder Rente aufs Girokonto überwiesen. Geld ist nur noch eine elektronische Information, bestenfalls etwas Tinte auf dem Kontoauszug. Aber das Geld hat einen Wert, solange man jederzeit per Überweisung oder Barauszahlung darüber verfügen kann. Genau das muss eine Bank garantieren.

Doch in unserem Finanzsystem ist es nicht vorgesehen, dass viele Menschen gleichzeitig ihre Konten räumen und das Bargeld nach Hause tragen, so wie bei Northern Rock. Gerade noch für zehn Prozent der Euro-Geldmenge sind Banknoten und Münzen vorhanden. Und das ist richtig so, denn das Geschäft einer Bank besteht ja gerade darin, die Einlagen der Kunden als Kredit wieder auszuleihen. Behielte sie das Geld ständig im Tresor, würde sie nichts verdienen und könnte den Anlegern keine Zinsen bezahlen. Banken wären dann reine Schließfächer, mehr nicht. Einige Banken haben es zuletzt offenkundig mit dem Ausleihen übertrieben. Wenn Bundesfinanzminister Peer Steinbrück in diesen Tagen die globalen Finanzmärkte und ihre neuesten Produkte ins Visier nimmt, findet er deutliche Worte: "Auf Deutsch gesagt: Das sind alles Wundertüten, in denen Knallfrösche stecken, die irgendwann explodieren können, und keiner weiß wo", sagte er vergangene Woche in der feinen Repräsentanz der Dresdner Bank am Brandenburger Tor in Berlin. Er sprach von internationalem "Casino- Kapitalismus". Die Komplexität, Anonymität und Dynamik dieser Märkte habe "etwas fast Unheimliches". Es macht nachdenklich, wenn der Finanzminister einer der wichtigsten Wirtschaftsnationen der Erde sich vor Finanzgeschäften ängstigt, weil er sie nicht versteht. Doch kein Finanzexperte kritisierte ihn dafür. Denn längst haben auch sie den Überblick verloren. Deutsche-Bank-Chef Ackermann gestand: "Wir haben in der Euphorie Fehler gemacht. Diese Produkte sind hoch kompliziert, ihre Bewertung ist sehr schwierig."

Peer Steinbrück zeichnet ein dramatisches Bild von der Stimmung der Deutschen: "Es gibt weitverbreitete Verliererund Verlustängste. Diese Stimmungslage in der Bevölkerung ist sehr ernst zu nehmen", sagte der Finanzminister. "Die Menschen fühlen sich als kleines Rädchen in der Welt anonymer Spekulanten." Aber es sind eben nicht nur die globalen Finanzmärkte, die Anlegern Verluste bringen. Auch in Deutschland verlieren Kunden bei Bankenpleiten immer wieder Geld, wie das Beispiel der BFI-Bank in Dresden zeigt: Die BFI hatte stets "blitzsaubere" Geschäftsberichte vorgelegt, erinnert sich Karl-Uwe Panse, Bürgermeister von Zella- Mehlis in Thüringen. Rating-Agenturen gaben ihr ein "AA", hielten sie also für sehr vertrauenswürdig. Die 12.000-Einwohner- Gemeinde vertraute deshalb der BFI Überschüsse von 2,8 Millionen Euro an. Dann verspekulierten die Banker sich. 2003 ging die Bank in Konkurs. "Ich fiel damals aus allen Wolken", sagt Bürgermeister Panse. Das Problem für die 80.000 Gläubiger der Bank: Die BFI gehörte lediglich der gesetzlichen Einlagensicherung an, durch die Privatkunden bis maximal 20.000 Euro abgesichert sind. Nach Jahren bekam Zella-Mehlis 430.000 Euro vom Insolvenzverwalter zurück.

"Stimmungslage in der Bevölkerung ist sehr ernst zu nehmen"

Die BFI war eines der wenigen Institute, die dem Sicherungsfonds der Privatbanken nicht beigetreten war, der Einlagen zu 100 Prozent garantiert. Der Fonds wurde nach den Verlusten der Herstatt-Pleite gegründet. Ähnliche Regelungen gibt es auch für Volks- und Raiffeisenbanken und Sparkassen. Damit hat Deutschland eines der sichersten Finanzsysteme der Welt. Selbst den Ausfall einer größeren Bank könnte dieses System wegstecken. Eine - zurzeit kaum vorstellbare - Serie von Bankpleiten allerdings würde den Sicherungsfonds überfordern. Dann müssten Bundesbank und Regierung einspringen. Zustände wie in der Bankenkrise 1931, als sich die Ersparnisse vieler Deutscher in Luft auflösten, sind heutzutage wohl ausgeschlossen. Doch jede Rettungsaktion kostet Geld: das der Anleger, die Kursverluste hinnehmen müssen. Das der Kunden, die höhere Gebühren zahlen oder niedrigere Zinsen bekommen. Und auch das der Steuerzahler, wenn der Staat eingreift. Am Ende schließlich sind auch Arbeitsplätze gefährdet, wenn die Finanzkrise das Wachstum der Wirtschaft dämpft.

Die aktuelle US-Hypothekenkrise zeigt, wie schnell sich regionale Probleme heute weltweit verbreiten: Als sie vor einigen Monaten begann, ging es zunächst nur um Kredite für überteuerte US-Immobilien, die von den überschuldeten Besitzern reihenweise nicht mehr zurückgezahlt werden konnten. Vor ein, zwei Jahrzehnten hätte die Geschichte an dieser Stelle geendet: Einige tausend amerikanische Hausbesitzer hätten ihre Wohnungen verloren, und einige zu risikofreudige US-Hypothekenbanken wären pleite gewesen. Heute geht die Geschichte an dieser Stelle erst richtig los: Hedgefonds und Investmentbanken haben aus den riskanten Krediten riesige Pakete geschnürt und mit Gewinn verscherbelt. Gute Sicherheiten wurden mit weniger guten gemischt. So sei das Ausfallrisiko geringer, sagten die Finanzprofis. Die Baufinanzierer verteilten munter weiter Kredite an nahezu jeden, der Geld brauchte. Sicherheiten wurden immer nebensächlicher. Motto: Man muss die Risiken nur gut mischen - und dann möglichst schnell wieder loswerden. Etwa so wie beim Kartenspiel "Schwarzer Peter". Die internationalen Finanzmärkte saugten die angeblich sicheren und gut verzinsten Anlagen gierig auf, ohne lange über die Gefahren zu grübeln. Die Knallfrösche, von denen Finanzminister Steinbrück spricht, waren in der Welt.

Verluste drücken sich in Pleiten, verlorenen Pensionen und gefeuerten Mitarbeitern aus

Päng, päng, päng. Als die Kredite reihenweise platzten, saßen auch viele deutsche Banken auf den Risiken. IKB und Sachsen LB mussten mit Milliardenspritzen gerettet werden. Doch auch große Häuser wie Dresdner, Deutsche, Commerzbank oder West LB müssen riesige Beträge abschreiben. Ein so verwobenes Finanzsystem braucht strenge Regeln und noch strengere Kontrollen. Aber genau daran mangelt es derzeit. Angetrieben von immer höher steigenden Provisionen und Erfolgsprämien, ist in den vergangenen Jahren ein so komplexes System entstanden, dass selbst seine Erfinder, die Investmentbanker, den Überblick verloren haben. Die Mittel, mit denen die Zentralbanken der aktuellen Krise begegnen, wirken hilflos: Sie senken - wie jüngst in den USA - die Zinsen. Das befeuert die Aktienmärkte, schwächt aber die eigene Währung, was auch anderen Probleme bereitet: Der Euro stieg in der vergangenen Woche auf 1,41 Dollar. Das macht auch deutschen Exporteuren langsam zu schaffen. An den eigentlichen Problemen aber hat sich dadurch wenig geändert: Noch immer haben die Finanzprofis keinen Überblick - und kein gegenseitiges Vertrauen. Das vorsichtige Handeln früherer Tage ist einem Casinobetrieb gewichen. Leider sind die Einsätze echt: Verluste drücken sich in Pleiten, verlorenen Pensionen und gefeuerten Mitarbeitern aus.

Die Große Koalition in Berlin hat immerhin erkannt, dass es so nicht weitergehen kann. Diskutiert werden intern Gesetze zur besseren Offenlegung der Risiken, eine strengere Bankenaufsicht und eine stärkere Kontrolle der Ratingagenturen, die bisher zu leichtfertig ihre Gütesiegel an Schuldner vergeben haben. Außerdem könnten künftig die Eigenkapitalanforderungen an Banken für riskante Kreditgeschäfte heraufgesetzt werden. Das würde allzu mutige Investmentbanker an ihrer empfindlichsten Stelle treffen: den Kosten. Ihre Deals würden so teurer. Noch im Oktober will Finanzminister Steinbrück einen Vorstoß wagen, denn so etwas lässt sich nur global regeln: zunächst beim Rat der Europäischen Finanzminister in Luxemburg, danach auf der Herbsttagung von Internationalem Währungsfonds und Weltbank in Washington. Ihn erwartet kräftige Gegenwehr aus Großbritannien und den USA, wo die Finanzindustrie volkswirtschaftlich eine große Rolle spielt. Der globale Finanzmarkt hat vor allem den Vereinigten Staaten viele Vorteile gebracht. Jahrelang hat das Land prächtig auf Pump gelebt. Die vielen Kredite ließen die amerikanische Wirtschaft boomen. Das Geld dafür stammte vor allem von Gläubigern aus dem Ausland. Jetzt endet das große Spiel, und es zeigt sich, dass die USA die Karten gut verteilt haben. Die Schwarzen Peter liegen längst in aller Welt - auch in Deutschland.

Mitarbeit: Stefan Braun, Tilman Gerwien, Silke Gronwald, Roman Heflik, Rolf-Herbert Peters, Doris Schneyink, Elke Schulze, Matthias Weber

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