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Geldanlage Stell dir vor, du hast 20.000 Euro


Was empfehlen Banken, wenn man Geld anlegen will? stern-Autorin Beate Flemming hat's ausprobiert. Ergebnis: jede was anderes.

Der Auftrag: "Erstens, stell dir vor, du hast 20.000 Euro." Angenehmer Auftrag. "Zweitens, gehe zu sechs Banken und lass dich beraten, wie du das Geld anlegen sollst." Wieso anlegen? Raushauen! Da bin ich Fachmann. "Übrigens: Wir kamen auf dich, weil du ja keine Ahnung von Geldanlage hast." Bingo.

Montag, 9.30 Uhr. Rein in die Deutsche Bank ("Leistung aus Leidenschaft"), Filiale Waiblingen. Stehe am Schalter an. Nach einer halben Minute erscheint eine zusätzliche Mitarbeiterin und spricht mich an. "Ich habe 20.000 Euro", raune ich über den Vordermann hinweg, "und würde mich gerne von Ihnen beraten lassen." Sofort winkt mich die Bankerin ins Separée.

"Wie möchten Sie das Geld denn anlegen?" "Mittelfristig." "Was verstehen Sie unter mittelfristig?" "Na, so für fünf Jahre. Wäre aber kein Fehler, ich käme notfalls vorher ran. Man weiß ja nie, was einen für Wünsche packen."

Die Bankerin schlägt einen Sparbrief vor. Für fünf Jahre angelegt gibt es 2,65 Prozent Zinsen, pro Jahr. "Ah, ja." So billig wollen die also an mein Geld. An der Wand lehnt ein Pappschild, auf dem steht: "Mit bis zu 4,1 Prozent Zinsen wird Sparen jetzt richtig prickelnd."

"Haben Sie nicht was Prickelnderes?", frage ich. Jetzt entschuldigt sie sich und kommt mit einem Stapel Computer-Farbausdrucken zurück. Titel: "db PrivatMandat Invest". Ich könne meine 20.000 Euro auch managen lassen, erklärt die Frau. Das hat nur Vorteile, sagt sie, und zählt auf: "Komfort, Individualität, Transparenz, Kompetenz." Die "Private & Business Clients" haben die Wahl zwischen fünf verschiedenen Dachfonds namens "Substanz" (klingt langweilig), "Einkommen" (krieg ich bereits vom Arbeitgeber), "Balance" (klingt nach Margarine), "Dynamik" (hört sich irgendwie nervös an). Aber "Wachstum" gefällt mir. Meine 20.000 Euro sollen einfach nur auseinandergehen und fett werden wie Jabba aus Star Wars. Bis zu 90 Prozent Aktien sind in dem Fonds, sagt sie, "das ist was für risikobewusste Anleger", und empfiehlt "Substanz", einen zinsorientierten Dachfonds mit einer Durchschnittsrendite von vier Prozent.

"Ich werde die Papiere mal durcharbeiten", verspreche ich in Fluchthaltung. Plötzlich prickelt es bei ihr: "Für Neukunden haben wir ein Sonderangebot: Sie können für sechs Monate ihr Geld anlegen und bekommen vier Prozent Zinsen." Wenn ich jetzt 20.000 Euro hätte: Ich würde sie ihr sofort geben.

Zweimal um die Ecke zur Dresdner Bank ("Die Beraterbank"). Die Empfangsdame fragt: "Haben Sie ein Konto bei uns?" "Nein." "Dann müssen Sie eins eröffnen." Verdammt. Ich werde über schlammgrauen Teppich ans hintere Ende der Bank geführt, direkt vors Direktorenzimmer. Eine junge Frau - Finanzberaterin steht auf ihrem Briefblock - fragt: "Mineralwasser? Kaffee?" Und: "Was für ein Anlagetyp sind Sie?" Während ich versuche, zu einer glaubwürdigen Selbsteinschätzung zu kommen, hält sie ein Impulsreferat: über Märkte, die sich seitwärts bewegen, über laufende Umschichtungen, die das Vermögensmanagement der Dresdner Bank vornehme, um auf diese Seitwärtsbewegungen zu reagieren. Broschüren und Farbausdrucke werden ausgebreitet, darin Kurse und Kurven, die ausschließlich aufwärts klettern, dank der "professionellen Anlagespezialisten, die immer mit einem Ohr an den internationalen Märkten sind". Bin von so viel Professionalität komplett eingelullt.

Dieser sympathischen Finanzberaterin, die sogar den Direktor, der in meinem Rücken auf sie lauert, wegen mir Kleinsparer ungebührlich lange warten lässt, würde ich alles abkaufen. 12.000 Euro sollte ich in den Allianz Flexi Rentenfonds stecken, Durchschnittsrendite 3,97 Prozent, rät die Finanzberaterin, die restlichen 8000 Euro für sechs Monate als Festgeld zu fünf Prozent parken. Damit würde ich den Ausgabeaufschlag wieder fast wettmachen. "Ausgabeaufschlag?", frage ich. Von den 20.000, die ich anlegen will, kassieren die Fondsbetreiber erst mal 3,5 Prozent, also 420 Euro. Für 420 Euro kriegt man ein schönes Sofa. Oder eine Woche Antalya.

Mal gucken, was die Citibank Stuttgart sagt: "Live Richly" lese ich im Wartesessel, in dem ich sitzen soll, bis ich aufgerufen werde. 11.45 Uhr. Im Prinzip ist das hier wie beim Arzt. Eine Viertelstunde später werde ich ins Obergeschoss geführt. Mineralwasser. Ein Banker, der aussieht wie ein Grundschullehrer, nimmt ein Blatt Papier und malt hastig ein Dreieck auf. Schreibt an die drei Ecken: "Sicherheit. Liquidität. Ertrag."

Ich soll mich jetzt irgendwo in das Dreieck zeichnen. Ich setze mein Kreuzchen stark ertragsorientiert. Auf das nächste Blatt kommt ein Kreis. "Depression, Boom, Abschwung, Aufschwung", kritzelt der Banker um den Kreis herum. Ich soll den Punkt zeigen, an dem wir gerade sind. Was soll die Nummer? Das wissen ja nicht mal die fünf Wirtschaftsweisen. Während das Citibank-Computerprogramm mein Risikoprofil erstellt, versucht der Banker, mich mit einer Citi-Investment-Rente zu verarzten, denn "vorausgesetzt, Sie erwerben innerhalb der nächsten zwei Jahre eine Immobilie, dann könnten Sie in zwölf Jahren mit der gesparten Rente eine Sondertilgung machen". Oder ich bekomme am 1. April 2032 bei einer angenommenen Wertsteigerung von sechs Prozent 110.794 Euro, vorausgesetzt, ich beginne jetzt, der Citibank monatlich 200 Euro zu über-weisen. Hilfe! Das hatte ich eigentlich nicht vor.

Was die 20.000 betrifft: Der Computer empfiehlt als Anlagestrategie "konservativ". Verschiedene Fondskategorien werden vorgeschlagen: europäische Staatsanleihen, hochverzinsliche europäische Unternehmensanleihen, offene Immobilienfonds und ein paar Aktien. Aus 10.000 angelegten Euro sollen laut Computer in fünf Jahren 13.231 werden. "Wissen Sie denn überhaupt, was das heißt, in Renten investieren?", fragt der Grundschullehrer-Banker. "Äh, ich leihe dem Staat Geld, damit er seine Rentner bezahlen kann, und irgendwann zahlt der Staat zurück, mit Zinsen", stammele ich.

"Genau!", lobt der Banker. Befriedigt, total verwirrt, aber mir dabei irre schlauer vorkommend, löhne ich im Parkhaus die Gebühr für die einstündige BankBehandlung: 3,50 Euro.

14.30 Uhr. Die Commerzbank ("Ideen nach vorn") hat genau eine Idee für meine 20.000 Mäuse: den DWS Vermögensbildungsfonds R, ein "Rentenportfolio" mit "überschaubaren Kursrisiken". Der Fonds ist ungefähr so alt wie ich und soll in fünf Jahren um 36 Prozent zulegen. Und obendrauf auf dem Ausdruck ist auch noch ein TÜV-Stempel. Den will ich.

Aber auf der Laufliste steht ja noch die Postbank ("Leistung ohne Umwege"). Um 14.45 Uhr betrete ich die Post- und Postbank-Filiale in der Kleinstadt Schorndorf bei Stuttgart. "Sehr geehrte Kunden, bitte wenden Sie sich an die Kollegen an der Theke zur Terminabsprache", steht am geschlossenen Postbankschalter. Ich geselle mich in die Schlange hinter Paketaufgeber und Nachsendeantragssteller und erhalte einen Termin am nächsten Tag um 9.30 Uhr. Bis dahin rufe ich die Diba ("Die neue Generation Bank") an. Eine freundliche Telefonstimme, die in Hannover sitzt, empfiehlt mir einen Sparbrief für fünf Jahre, verzinst mit drei Prozent. Ich frage nach Fonds. Da soll ich im Internet gucken, wir machen "execution only". - "Wie bitte?" - "Ex-e-cu-tion-on-ly, nur Ausführung, wir dürfen nicht beraten." Ach so. Nach nur zwei Minuten ist das Gespräch schon wieder vorbei.

Drei Prozent krieg ich auch bei der Postbank. Aber bevor mir das eröffnet wird, müssen wir, das heißt die gerade anzulernende Postbankberaterin, ihre Ausbilderin und ich, uns vom Postbank-Computer terrorisieren lassen. Er will meinen Namen, er will meine Anschrift, er will mein Geburtsdatum, er will meine Telefonnummer. Mooooment mal...

Die Beratung besteht darin, dass die gerade anzulernende Beraterin ihre Beratung vom Computer abliest, synchronisiert in Hinterwäldler-Schwäbisch: "Mir hen nur guete Immobilie, in Berlin und so ... där Ausgabeaufschlag, jetzetle ..." In fünf Jahren macht der "Postbank CS Euroreal immerhin 27,7 Prozent", verspricht der Prospekt. Außerdem hat die Postbank gerade eine Festgeld-Aktion. Man bekommt sechs Prozent, wenn man sich in einen der "Top-Fonds" einkauft. Und jetzetle? Lesen Sie die sternBewertung, welche Beratung was taugte.

Beate Flemming print

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