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Digitalpolitik: Erfolgsmeldungen über Digitalberater der Kanzlerin entpuppen sich als Legenden

Keine dreistelligen Millionen-Umsätze, keine Erfindung des Online-Bankings, kein Sieg bei "Jugend forscht" – über Angela Merkels Digitalberater Chris Boos sind nach Recherchen des stern Falschbehauptungen im Umlauf.

Hans-Christian Boos

Über den Unternehmer Hans-Christian Boos, Mitglied des Digitalrats der Bundesregierung, sind nach stern-Informationen Falschbehauptungen im Umlauf.

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Der Unternehmer Hans-Christian Boos, der auch Mitglied des Digitalrats der Bundesregierung ist, hat nach Informationen des stern in der Vergangenheit zu optimistische Aussagen über die Geschäftsentwicklung seiner Firma Arago gemacht. Boos war in den vergangenen Wochen als Kopf hinter dem Konsortium Pepp-PT bekanntgeworden. Das Projekt sollte europaweite Softwarestandards für die geplanten Anti-Corona-Apps entwickeln. Boos wurde dann aber von beteiligten Forschern ein Mangel an Transparenz vorgeworfen; die Bundesregierung entschied sich gegen sein App-Konzept.

Jetzt gibt es neue Fragen zu seinem Umgang mit eigenen Geschäftszahlen. So antwortete Boos im Mai 2018 einem Branchendienst auf die Frage nach dem Umsatzwachstum: "Wir sind um rund 70 Prozent gewachsen". Tatsächlich waren die Erlöse aber nur von 7,4 auf 10,3 Millionen geklettert. Sie hatten damit lediglich wieder das Niveau aus dem Jahr 2014 erreicht. Boos sagt heute, er habe den "Software-Umsatz" gemeint. Dieser sei um 88 Prozent gestiegen.

"Allgemeine Lösung" für "alle Probleme"

Nach Gesprächen mit ihm vermeldeten verschiedene Zeitungen seit dem Jahr 2016 auch, seine Firma mache dreistellige Millionenumsätze. In den später im Bundesanzeiger veröffentlichten Zahlen lag der Umsatz seit dem Jahr 2013 aber nie höher als bei 11,6 Millionen. Er habe sich "niemals zu Umsätzen geäußert", lässt Boos dazu heute antworten.

Boos und Arago hatten überdies wiederholt erklärt, über "allgemeine künstliche Intelligenz" zu verfügen; Experten halten das für unmöglich. In einem Video im August 2018 erklärte Boos, man habe eine "allgemeine Lösung" für "alle Probleme". Auf Fragen des stern räumte Arago jetzt ein, dass frühere Aussagen missverstanden werden könnten. Man spreche jetzt von "horizontaler" künstlicher Intelligenz.

Hans-Christian Boos: Nie Sieger bei "Jugend forscht"

Boos ließ in einigen weiteren Fällen bestätigen, dass über ihn kursierende Behauptungen falsch seien. So hatten er und seine Firma Arago nicht – wie von der Firma wiederholt erklärt – für die Dresdner Bank die europaweit erste Lösung für Online-Banking entwickelt. "Diese Aussage stammt nicht von Arago", behauptete Boos jetzt. Auch war er nicht, wie von einer Zeitschrift behauptet, als Teenager im Jahr 1988 Sieger bei "Jugend forscht", sondern nur Teilnehmer beim Regionalwettbewerb von "Jugend forscht" für Südbaden/Südwürttemberg.

Boos bestätigte dem stern, dass der US-Investor KKR sich von Arago wieder getrennt hat. Von 2014 bis 2017 hatte der US-Konzern schrittweise über 50 Prozent der Anteile übernommen. Diese kaufte Boos nun mit Vertrag vom 13. Mai zurück.

Vorwürfe wegen Corona-App zurückgewiesen

Boos wies zugleich Vorwürfe zurück, er habe mit dem von ihm vertretenen Pepp-PT-Konsortium zur Entwicklung eines Softwaregerüsts für eine Corona-App eigene wirtschaftliche Ziele verfolgt. Er ließ aber einräumen, dass Arago "ein Angebot für den zukünftigen Betrieb einer Lösung gemacht" habe, die auf dem Modell eines zentralen Datenspeichers basierte.

Kritiker sahen bei einem solchen zentralen Speicher Risiken für den Datenschutz. Unter dem Eindruck der Kritik entschied sich die Bundesregierung Ende April für eine Kehrtwende. Künftig setzt man auf ein dezentrales Modell für die App, die jetzt von SAP und Deutscher Telekom  entwickelt wird.

Bundesamt für Justiz eröffnete Verfahren

Wegen nicht offengelegter Geschäftszahlen im Bundesanzeiger hat Arago überdies Ärger mit dem Bundesamt für Justiz. Wie der stern bereits Ende April berichtet hatte, hat das Bundesamt für Justiz förmliche Ordnungsgeldverfahren gegen Arago eingeleitet. Der Grund: Kapitalgesellschaften müssen laut Handelsgesetzbuch spätestens ein Jahr nach Ablauf eines Geschäftsjahres ihren Jahresabschluss und teils auch Lageberichte im Bundesanzeiger veröffentlichen. Die Boos-Firma ist mit diesen Angaben im Verzug. Für das Jahr 2017 fehlt bis heute ein Lagebericht, für das Jahr 2018 hat die Firma noch gar nichts im Bundesanzeiger veröffentlicht.

Die Arago GmbH war bereits mit der Offenlegung ihres damaligen Abschlusses im Verzug, als Kanzlerin Angela Merkel im August 2018 Boos in ihren Digitalrat berief. Inwiefern Boos‘ Leumund von der Regierung überhaupt geprüft wurde, ist unklar. "Zu geschäftlichen Angelegenheiten der Mitglieder des Digitalrates äußert sich die Bundesregierung nicht", erklärte eine Regierungssprecherin auf eine Anfrage des stern. Die Frage, ob zukünftig besser geprüft werden soll, inwiefern offizielle Berater der Bundesregierung die Gesetze einhalten, ließ die Sprecherin unbeantwortet.

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