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GESPERRT! Rettungsgesellschaft für Lebensversicherungen: Wer steckt hinter der Protektor-AG?

Rund 94 Millionen Lebensversicherungen besitzen die Deutschen. Für diese Policen wurde vor sechs Jahren eine Rettungsgesellschaft gegründet. Ihr Chef übt sich in diskreter Zurückhaltung.

Von Elke Schulze

Jahrzehntelang wurde den Sparern in Deutschland gesagt: "Mach dir keine Sorgen, auf der Bank ist dein Geld sicher. Und wenn etwas schiefgeht, gibt es den Einlagensicherungsfonds, der für alles haftet." Und dann das. Der 5. Oktober 2008. Ein Sonntag. Kanzlerin und Finanzminister stehen vor der Presse - als Retter in der Not. "Wir sagen den Sparerinnen und Sparern, dass ihre Einlagen sicher sind. Dafür steht die Bundesregierung ein", verkündete Angela Merkel. "Dies ist ein wichtiges Signal, damit es zu einer Beruhigung kommt und nicht zu Reaktionen, die unverhältnismäßig wären", sagte Peer Steinbrück. Was er damit meinte, vertraute er später Parteifreunden an: Wenn nur 15 Prozent der Sparer ihre Konten auflösen, dann "bricht der gesamte Geldkreislauf im Land zusammen". Kurzum: Geld weg, Bank weg, Erspartes weg. Eine Finanzkatastrophe.

Gut, dass jetzt der Staat haftet. Und wie ist das eigentlich bei Versicherungen? Was wird aus den rund 94 Millionen Lebensversicherungen, wenn eine Gesellschaft pleitegeht?

Die knappe Auskunft heißt: Erst haftet Protektor. Dann der Staat. Die ausführliche Antwort ist länger, und man erfährt viel über eine verunsicherte Branche.

Vor fünf Jahren, im Frühjahr 2003, passierte das Unmögliche. In Deutschland stand eine Versicherung vor dem Aus. Die Mannheimer Versicherung hatte sich an der Börse verspekuliert und benötigte 370 Millionen Euro. Im schlimmsten Fall hätten die Kunden ihre Ansprüche aus den 340.000 Lebensversicherungen verloren. Der solide Ruf der gesamten Branche war gefährdet.

Die Geburtsstunde

Schon früh trafen sich die Vertreter von Allianz, Axa, Aachen-Münchener und Co. - alle 103 im Versicherungsverband GDV organisierten Unternehmen - zum Krisengipfel. Die Versicherer mussten das Problem gemeinsam lösen. Das war die Geburtsstunde der Protektor-AG.

Die Rettungsgesellschaft für Versicherungen bekam zwei Aufgaben: Sie übernahm die Lebensversicherungsverträge von der klammen Mannheimer. Zum Stopfen der Löcher gaben die gesunden Konzerne 240 Millionen Euro.

Und - noch viel wichtiger - Protektor sollte fortan Kunden vor der Insolvenz eines Lebensversicherers schützen. Konkret heißt das: Verträge werden fortgeführt; die Leistungen für die Altersvorsorge und der Risikoschutz bleiben erhalten. Dieser Schutz gilt für alle Kunden, die ihre Policen bei einer der heute 93 Gesellschaften abgeschlossen haben, die dem Branchenverband GDV angeschlossen sind - von der Aachen-Münchener bis zur Zurich Deutscher Herold Lebensversicherung AG (die komplette Liste finden Sie unter: www.protektor-AG.de).

Zurückhaltender Chef

Nun würde man erwarten, dass der Chef von Protektor - der oberste Beschützer aller Versicherten - jemand ist, der sich in der Öffentlichkeit zeigt, gern Auskunft gibt und für Vertrauen wirbt. Gerade jetzt, in diesen schwierigen Zeiten. Aber Jörg Westphal hält sich lieber bedeckt. "Bloß keinen Personenkult", lässt er ausrichten.

So viel allerdings ist bekannt: Der Mann ist 47 Jahre alt. Von Beruf Kaufmann. Er war bei der Unternehmensberatung KPMG beschäftigt und bei den Wirtschaftsprüfern von BDO. Dort zuständig für den Versicherungsbereich. Zu Protektor kam er gleich nach Gründung. Sein Schreibtisch steht in einem Geschäftshaus in Berlin- Mitte - in den Büros, in denen auch der GDV residiert.

Fragen wir also bei der staatlichen Stelle nach, von der die Solidität der Geschäfte von Banken und Versicherungen überwacht wird, der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht - kurz: Bafin. Dort ist Kathi Schulten für Versicherungen zuständig. Sie sagt: "Die Finanzkrise wird auch bei den Versicherungen ihre Spuren hinterlassen. Aber wir sehen derzeit keine Anzeichen, dass ein deutscher Lebensversicherer seine vertraglichen Verpflichtungen nicht mehr erfüllen kann." Im Zweifel tritt ein Stufenplan in Kraft. Erst wird eine interne Sanierung angestrebt, beispielsweise durch die Mobilisierung stiller Reserven. Gelingt das nicht, wird ein Fusionspartner gesucht. Als letztes Mittel übernimmt Protektor den Vertragsbestand und setzt das Vermögen aus dem Sicherungsfonds ein. Bis zu einem Promille ihrer Rückstellungen müssen die Versicherer in den Fonds einzahlen. Zurzeit sind 680 Millionen Euro im Topf. Im Notfall darf die Bafin noch weiter gehen und sogar Auszahlungen an Versicherte bis zu fünf Prozent kürzen. Darüber hinaus haben sich die Versicherungsgesellschaften freiwillig verpflichtet, bis zu 6,8 Milliarden Euro zur Verfügung zu stellen. Damit kann man viel retten.

Sinkende Zinsen

Dennoch sehen Branchenbeobachter und auch die Finanzaufsicht mit Sorge, wie stark die Versicherer derzeit unter Erfolgsdruck stehen. Sie haben ihren Kunden in den zurückliegenden Jahren hohe Renditen versprochen. Für ältere Verträge gelten sehr hohe Garantiezinsen von bis zu vier Prozent, die am Ende der Vertragslaufzeit gezahlt werden müssen. "Deshalb", so fürchtet Bafin-Expertin Schulten, "könnte das niedrige Zinsniveau den Versicherern mittel- bis langfristig zu schaffen machen, falls die Zinsen nicht wieder steigen."

Laut Branchendienst "Map-Report" liegt die durchschnittliche Verzinsung derzeit bei 4,28 Prozent. Der Ertrag aus den Kapitalanlagen beträgt aber nur noch 3,62 Prozent, wie der Versicherungsverband errechnet hat.

Reichen die Rücklagen denn aus, um eine Versicherung vor dem Kollaps zu bewahren? Lars Gatschke steht als Finanzexperte beim Bundesverband der Verbraucherzentralen auf der Seite der Versicherten. Seine Antwort auf die Sicherheitsfrage fällt verhalten aus: "Für die erste Notlage mag das zurückgelegte Geld bei Protektor reichen. Auf Dauer können aber zusätzliche Belastungen auftreten. Dann müssen alle anderen Versicherungsunternehmen unter Umständen in erheblichem Umfang schnell nachschießen." Aber die Verbraucherschützer wissen auch, dass die Versicherungsbranche alles tun wird, eine Pleite wie 2003 bei der Mannheimer Versicherung zu verhindern.

Und wenn dann doch ein Finanz-Tsunami über die Versicherungswelt hereinbricht? Gatschke sagt, was alle seit dem 5. Oktober 2008 wissen: "Dann muss der Staat als letzte Instanz helfen."

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