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Kinderarmut: Blaue Flecken auf der Seele

Sie haben kaum Selbstbewusstsein und meiden soziale Kontakte, dafür sind sie deutlich öfter verhaltensauffällig und gewalttätig: Offenbar hinterlässt Kinderarmut viel stärkere Spuren in den Seelen der betroffenen Kinder, als bisher angenommen.

Kinderköpfe so weit das Auge reicht. Grau oder weiß kleben sie als Schattenrisse immer als Paar auf farbigen Tafeln. "Meine Ängste" steht auf der einen Seite, "Meine Träume" auf der anderen. Neunjährige Kinder aus Bremen haben die Köpfe ausgefüllt. Die Tafeln sind als Anregung gedacht für die Diskussionen auf der dreitägigen Jahresversammlung des Berufsverbandes für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie (BKIPP), die am Donnerstag in Bremen begann. Im Mittelpunkt der Tagung steht der Zusammenhang zwischen zunehmenden Verhaltensauffälligkeiten und Verhaltensstörungen bei Kindern auf der einen und Armut, Migration und Medienkonsum auf der anderen Seite.

"Geld und Spielzeug und ein Haus"

Die Neunjährigen aus einem sozialen Brennpunkt im Bremer Osten, die ihre Wünsche und Ängste dargestellt haben, geben den Experten auch gern selbst Auskunft. Leon etwa, auf dessen Bild ein schwarzer Mann in Mantel und Kapuze durch die Nacht schleicht. "Bei unseren Nachbarn ist eingebrochen worden. Jetzt habe ich Angst vor Einbrechern und Pistolen", sagt der Junge.

Den Traum der kleinen Sena, "dass alle Kinder, Geld und Spielzeug und ein Haus haben", greift der Bremer Chefarzt Marc Dupont in seinen Begrüßungsworten gern als eigenen Wunsch auf. Denn die Experten für psychische Erkrankungen stellen immer öfter fest, dass die wachsende Armut in Deutschland ihre Spuren in den Seelen der Kinder hinterlässt. Wie wichtig das Thema den Experten war, zeigte die mit fast 650 besonders hohe Zahl der Teilnehmer. Das sind fast 50 Prozent mehr, als üblicherweise zu den Jahrestagungen kommen.

Armen Kindern fehlt das Selbstbewusstsein

Ein Kind mit einem prekären Hintergrund von Arbeitslosigkeit und Armut bekomme oft nicht das nötige Selbstbewusstsein vermittelt, durch das es seine Chancen voll ausschöpfen könne, sagt Dupont. "Ein solches Kind betritt den Ring des Lebens bereits als angeschlagener Boxer." Der könne dann bei Schwierigkeiten nur noch in Deckung gehen.

Auch Stefan Kette, stellvertretender BKJPP-Regionalvorsitzender, berichtete, dass er in seiner Bremer Praxis mit wachsender Armut konfrontiert werde. Mancher kleine Patienten komme am Nachmittag in die Praxis und habe den ganzen Tag noch nichts gegessen. "Da kann ich ihn doch nicht einfach fragen: Was hast Du für Probleme? Da muss ich ihm doch erst was zu essen geben." Anderen Kindern könnten die Eltern keine Regenkleidung kaufen oder hätten nicht das Geld für Bahn oder Bus.

Besonders viele Verhaltensauffälligkeiten

"Armut heißt nicht zwangsläufig, dass es Kindern schlecht gehen muss", betonte die BKJPP-Bundesvorsitzende Christa Schaff. Auffällig sei aber, dass es in Gebieten, in denen die Arbeitslosigkeit groß und das Einkommen der Bevölkerung klein sei, besonders viele verhaltensauffällig und zu Gewalttätigkeit neigende Kinder gebe. Andererseits fehlten in diesen Regionen oft die nötigen Fachkräfte für die Behandlung der seelischen Leiden. Dies gelte vor allem für ländliche Gebiete und für den Nordosten Deutschlands.

Etwa 20 bis 25 Prozent der Kinder und Jugendlichen zeigen nach Angaben der Fachärztin Auffälligkeiten. Etwa sechs bis acht Prozent, das sind 900.000 bis zu einer Million seien behandlungsbedürftig. Tatsächlich durch Fachkräfte versorgt werden könnten jedoch derzeit etwa 500.000. Vorrangig gehe es um Hyperaktivität.

Körperliche Fähigkeiten verkümmern

Kinder mit Schwierigkeiten neigen nach den Erfahrungen der Experten zudem dazu, soziale Kontakte zu meiden und sich verstärkt mit Fernsehen oder Computerspielen zu beschäftigen. Dies könne nicht nur zu suchtartigem Verhalten führen, sondern körperliche Fähigkeiten verkümmern lassen. Zweitklässler einer Bremer Grundschule, die die Psychiater und Psychotherapeuten mit einem in Bewegung umgesetzten Lied begrüßten, zeigten jedoch, dass sie Gestik und Gesang gut in Einklang bringen können. "Das stimmt mich etwas optimistischer", sagte Dupont schmunzelnd.

Katrin Börner/DPA/DPA
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