Kredite Wir müssen draussen bleiben


Wer ins Seniorenalter kommt, sollte alle seine Träume verwirklicht haben. Denn viele Banken drehen dann den Kredithahn zu.

Zwei Tage vor dem Notartermin platzte das Geschäft. "Sie sind zu alt", beschied die SEB-Bank vor zwei Jahren ihrem treuen Kunden Peter Conradi, 70. Der pensionierte Bundestagsabgeordnete, heute Präsident der Bundesarchitektenkammer, wollte eine Wohnung in Stuttgart kaufen. Doch seine Bank verweigerte ihm die 200.000 Euro Hypothek mit dem Hinweis, dass man das "Todesfallrisiko nicht außer Acht lassen" könne. "Unglaublich demütigend" fand Conradi diese Begründung - denn schließlich bot er alle Sicherheiten: eine Doppelhaushälfte, Bundesschatzbriefe, übernahmewillige Erben. Die SEB blieb hart, ihre Begründung ist branchenüblich.

Hanne Schweitzer vom Kölner Büro gegen Altersdiskriminierung erhält fast täglich neue Klagebriefe: Da ist die 63-Jährige aus Düsseldorf, der mit dem Eintritt in den Ruhestand der Dispo-Kredit gestrichen wurde. Da ist die Seniorin, die zwar 300.000 Euro auf dem Sparbuch hat, aber keine Kreditkarte bekommt. Oder der 72-jährige Hausbesitzer aus Freiburg, der für 379 Euro eine Digitalkamera kaufen wollte, aber bei Real mit dem Wunsch nach Ratenkauf scheiterte. Begründung: Für das angepriesene Finanzierungsangebot der Citibank sei er zu alt. "Leuten über 71 geben wir in Warenhäusern grundsätzlich keine Sofortkredite", bestätigt Citibank-Sprecher Matthias Dezes. "Und wer bei uns am Schalter ein Darlehen aufnimmt, sollte es bis zum 78. Geburtstag abbezahlt haben."

Die Angst der Banken, dass Kunden sterben, bevor sie ihre Schulden getilgt haben, ist verständlich. Aber sie rechtfertigt nicht den Ausschluss nach Schema F - zumal viele Kredite für die Geldinstitute fast risikofrei sind. Bei Hypothekendarlehen beispielsweise hat die Bank die Immobilie als Sicherheit. Mit Altersgrenzen stoßen die Banken nicht nur ihre alten Kunden vor den Kopf, sondern sie lassen sich auch ein gutes Geschäft entgehen und bremsen obendrein die Konjunktur.

Denn die Deutschen leben immer länger. Schon jetzt ist jeder Sechste jenseits der 65. Um das Jahr 2030 herum wird es fast jeder Dritte sein. Aber als Wirtschafts-chance werden die konsumfreudigen "neuen Alten" noch immer nicht begriffen. Wer für die Wellness-Kur, das neue Auto oder den Treppenlift nicht gleich ans Ersparte will, muss verzichten. Denn Kaufen auf Pump ist oft nicht mehr drin: Die HypoVereinsbank gibt Konsumentenkredite nur für Leute unter 70. Bis zu dieser Grenze muss auch der "Auto-Cash-Kredit" bei der Nürnberger Direktbank Entrium abbezahlt sein. Die Commerzbank verlangt bei Baudarlehen die Absicherung über eine Risiko-Lebensversicherung - aber die bekommt man nur bis 60.

"Einen Skandal, über den niemand spricht", nennt Hanne Schweitzer diese Kreditpraxis. "Diskriminierung aufgrund des Alters ist in Deutschland legal." Anders in den USA, in der Schweiz oder in Finnland. Da dürfen Kunden und Konsumenten, nur weil ihre Geburtstagstorte einem Fackelzug ähnelt, nicht abgewiesen werden. In Deutschland verschwand ein entsprechender Gesetzentwurf voriges Jahr in der Schublade, nach Protesten von Wirtschaftsverbänden - angeblich aus Sorge um das Verfassungsprinzip der Vertragsfreiheit. Aber bis spätestens 2006 muss Deutschland eine EU-Richtlinie umsetzen, die ein Verbot jeglicher Altersdiskriminierung vorschreibt. Bis dahin können sich Senioren damit trösten, dass schon die alten Chinesen arm dran waren. Ein Sprichwort heißt: "Geld im Alter ist wie Schnee im Juni."

Udo Taubitz print

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