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Nettolöhne: Zahlensalat für Fortgeschrittene

Die "Bild"-Zeitung hat mit ihrem Bericht über angeblich sinkende Nettolöhne in Deutschland Panikmache betrieben - zu Unrecht. Das Boulevardblatt hat die Zahlen und Statistiken schlichtweg falsch gelesen und bewertet. Das Arbeitsministerium spricht von "tendenziös interpretierten Daten".

Von Tonio Postel

Das Bundesarbeitsministerium hat einen Bericht der "Bild"-Zeitung, wonach die Nettolöhne im vergangenen Jahr mit 15 845 Euro im Jahr so niedrig waren wie seit 20 Jahren nicht mehr, teilweise entkräftet.

Das Blatt bezog sich auf neue Zahlen des Ministeriums. Nach dem Abzug von Steuern, Sozialbeiträgen und der Berücksichtigung der Preisentwicklung sei der so genannte "Nettorealverdienst" etwa auf dem Niveau von 1986, schreibt "Bild". Demnach waren die Abzüge vom Bruttolohn im vergangenen Jahr mit 9291 Euro so hoch wie nie. 1986 hätten die Beiträge noch bei 5607 Euro gelegen, sie seien also um 66 Prozent gestiegen, während die Bruttolöhne nur um 48 Prozent von 22.333 Euro auf 33.105 Euro im Jahr geklettert seien. Trotz höherer Bruttolöhne bleibe den Arbeitnehmern aber wegen der Inflation weniger Geld übrig: Die Löhne hätten in den letzten fünf Jahren zwar um 4,1 Prozent zugelegt, die Preise jedoch gleichzeitig um 7,1 Prozent. So dass der Bürger unterm Strich in etwa so viel rausbekomme wie 1986. Trotz des starken Wirtschaftsaufschwungs. Der Vergleich hinke, schreibt das Arbeitsministerium in einer Presserklärung, weil es sich 1986 um Erhebungen handelte, die den Westen betrafen, und die Werte 2006 für den Gesamtdeutschen Bereich erhoben wurden. Außerdem habe der Staat bei den Steuern nicht "seit 10 Jahren stärker zugegriffen", wie "Bild" behauptet, denn die Nettoquote, also das Verhältnis aus Nettolohn zu Bruttolohn, sei "seit 10 Jahren stabil". Erstmals seit 1995 liege durch die Abgabensenkung der Großen Koalition der Gesamtsozialversicherungsbeitrag sogar wieder unter 40 Prozent, heißt es.

Stagnierende Nettolöhne "tragisch"

Der Nettorealverdienst sei zudem ein "Gesamtwirtschaftlicher Faktor", der "weder überinterpretiert noch unsachgemäß behandelt" werden dürfe, heißt es in dem Papier. "Bild" verstoße dagegen in mehrfacher Hinsicht, da die Daten "verkürzt wieder gegeben und einseitig tendenziös interpretiert" worden seien. Richtig sei, dass die Löhne "langsam gestiegen" und die Lohnabschlüsse hinter der Preisentwicklung zurückgeblieben seien. Die Lohnquote sei in den letzten 10 Jahren um 4 Prozent Punkte zurückgegangen. "Demgegenüber hat sich im gleichen Ausmaß der Anteil der Unternehmens- und Vermögenseinkommen am Volkseinkommen erhöht". Hier gebe es in Deutschland also "eine deutliche Unwucht".

Florian Zinsmeister vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin, hält die stagnierenden Nettolöhne für "in gewisser Hinsicht tragisch", da die Kaufkraft der Menschen darunter leide. Diese setze sich durchschnittlich zu einem größeren Teil aus Lohn- und einem kleineren Teil aus dem Gewinneinkommen der Unternehmen zusammen. Während das Gewinneinkommen im Zuge der starken Wirtschaft der letzten zwei Jahre "stark gestiegen" sei, stagnierte das reale Lohneinkommen, welches den wesentlichen Teil des Einkommens der Bürger ausmache, sagt Zinsmeister. "Dadurch wird die Produktion gedämpft und das hat irgendwann Auswirkungen auf die Beschäftigung." Er und sein Institut hätten schon seit längerem auf diese Entwicklung hingewiesen.

Gustav Horn, wissenschaftlicher Direktor am Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) der Boeckler-Stiftung sieht das ähnlich. Seit "vier bis fünf Jahren" sei dies bereits absehbar und auch der Grund für die Konsumschwäche in Deutschland. Besonders die weniger wohlhabenden Bürger bekämen die Auswirkungen dieser Entwicklung zu spüren, glaubt Zinsmeister vom DIW. "Reichere Haushalte profitieren eher von Dividenden und dem Ertrag ihrer Wertpapiere, wohingegen die mittleren- und unteren Einkommensschichten auf das Lohneinkommen angewiesen sind", sagt Zinsmeister.

Verdienst pro Stunde gestiegen

Generell sieht er aber bessere Zeiten anbrechen, weil die Unternehmen die Bürger bald an ihren "großen Gewinnen" teilhaben lassen würden. "Die Lohnabschlüsse für dieses Jahr weisen darauf hin, dass die Leute spätestens 2008 wieder mehr Geld in der Tasche haben werden und die Kaufkraft dann wieder steigt", sagt Zinsmeister. Voraussetzung hierfür allerdings sei eine entsprechende Lohnpolitik. Mindestlöhne hält Zinsmeister in diesem Zusammenhang nicht für angebracht, da diese "nur in manchen Branchen greifen" würden.

Ökonom Horn hingegen sähe in Mindestlöhnen "vor allem im Dienstleistungsbereich" sowie einer "generellen Stärkung der Tariftreue" sehr wohl eine Lösung. Auch das Arbeitsministerium erhoffe sich, dass sich die "gute gesamtwirtschaftliche Entwicklung" bald in steigenden Löhnen widerspiegelt. Damit das Geld auch "überall ankommt" sei die Einführung eines Mindestlohns "unabdingbar".

Roland Döhrn, Leiter Wachstum und Konjunktur beim Rheinisch Westfälischen Institut für Wirtschaftsforschung (RWI) in Essen, hält die Rechnung der Bild-Zeitung ebenfalls für "problematisch". Nach seiner Rechnung hat sich der Verdienst pro Stunde "seit 20 Jahren um 18 Prozent erhöht." Auch habe sich seither "die Struktur der Arbeitnehmer" geändert. "Es gibt beispielsweise Minijobber und Teilzeitarbeiter", sagt Döhrn. Zudem sei die Zahl der Verdiener in einer Familie gestiegen, weshalb ein Vergleich nur schwer möglich sei. Ein weiterer von "Bild" außer Acht gelassener Kostenpunkt sei die Wiedervereinigung gewesen. "Der Haushalt wurde durch Rentenzahlungen und die Arbeitslosigkeit der Menschen im Osten belastet", sagt Döhrn.