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Rentendebatte: "Fehler im System": Fünf Frauen verraten, welch mickrige Rente sie zu erwarten haben

Sie arbeiten, ziehen Kinder groß – und werden nicht mehr als ein paar Hundert Euro Rente bekommen. Fünf Frauen verraten, was auf ihrem Rentenbescheid steht und warum sie das wütend macht.

Rente

Die zu erwartende staatliche Rente fällt vor allem bei Frauen häufig gering aus

Getty Images

Seit Monaten streiten Union und SPD über die Ausgestaltung einer neuen Grundrente. An diesem Sonntag soll nun endlich eine Einigung erzielt werden (mehr zu den inhaltlichen Details hier). Klar ist aber: Egal, wie die Zusatzrente für Geringverdiener mit vielen Beitragsjahren letztlich aussieht. Es werden weiterhin viele Menschen durchs Raster fallen - und zwar vor allem Frauen. Denn Frauen verdienen nicht nur im Schnitt weniger, sie haben auch mehr Brüche in ihrem Lebenslauf, schließlich bekommen sie die Kinder, nehmen mehr Elternzeit und tragen meist die Hauptlast der Erziehungsarbeit.

Wie dramatisch sich das im Einzelfall auf die zu erwartende Rente auswirkt, zeigen die persönlichen Renteninformationen, die zahlreiche Frauen in den letzten Tagen auf Twitter öffentlich gemacht haben. Die unter dem Hashtag #meineRenteninformation verbreiteten Zahlen gehen auf einen Aufruf der Bloggerin und Buchautorin Christine Finke zurück. "Habe immer gearbeitet, aber zu selten eine Festanstellung gefunden. Kein Geld zum Sparen. Pech gehabt", schrieb die 53-Jährige. Die dreifache Mutter erwartet laut ihrer aktuellen Renteninformation eine staatliche Rente von gerade mal 577,81 Euro – und auch das nur, wenn sie bis zum offiziellen Renteineintritt weiter arbeitet und in die Rentenkasse einzahlt.

"Übers Geld reden wir in Deutschland ja nicht so gerne. Aber Altersarmut und Rente bei Frauen (speziell Müttern) ist zu wichtig, als dass wir schweigen wollten", schrieb Finke dazu – und rief andere Frauen auf, ebenfalls ihre Renteninformation zu teilen. Zwar sind die zu erwartenden Rentenzahlungen, die auf den geposteten Bescheiden stehen, unter Vorbehalt zu genießen. Sie können aufgrund von Gehaltssteigerungen, Rentenanpassungen oder nachgereichten Ansprüchen am Ende höher ausfallen – müssen andererseits aber auch noch versteuert werden. Dennoch geben sie einen Eindruck, wie schlecht viele Frauen im Alter finanziell dastehen.

Der stern hat mit einigen der Frauen, die ihre Renteninformation öffentlich gemacht haben, über ihre Lebenssituation gesprochen. Hier sind ihre Geschichten:

Sina, Friseurin, zwei Kinder, zu erwartende Rente: 767,06 Euro

"Ich wollte transparent machen, dass es vielen Frauen so geht, dass sie eine geringe Rente haben werden. Ich habe als Friseurin gearbeitet und diese Berufsgruppe war lange Zeit unter dem Mindestlohn und jetzt auch nur knapp drüber. Im Moment mache ich eine Umschulung zur Ergotherapeutin, hoffe also, meinen Rentenanspruch dann noch etwas steigern zu können. Ich bin alleinerziehend, erst mit zwei Kindern, jetzt ist noch eins bei mir, da meine Tochter mit 21 schon ausgezogen ist. Ich wünsche mir, dass alle einzahlen müssen und dass es eine Mindestrente gibt, die der Lebensarbeitszeit gerecht wird. Aber eigentlich bin ich sogar für ein Bedingungsloses Grundeinkommen."

Andrea, 45 Jahre, Biologin, zwei Kinder, zu erwartende Rente: 498,29 Euro

"Ich empfinde den Rentenbescheid als unfair, weil ich immer viel gearbeitet habe, allerdings häufig unbezahlt, und da ich dieses Schicksal mit vielen Frauen teile, scheint es einen Fehler im System zu geben. Ich habe lange im Umweltbildungsbereich gearbeitet und habe Projektarbeit gemacht, d.h. ich hatte keine unbefristeten Stellen und musste oft in Vorleistung gehen (z.B. wenn ich Projektanträge geschrieben habe und für diese Zeit nicht bezahlt wurde). Da es kaum Stellen für Biologen gibt, hatte ich keine Wahl. Die wenigsten Biologen arbeiten als solche. Zuletzt bin ich für eine Teilzeitstelle 2-3 Tage in der Woche 90 km weit gependelt, dass war aber mit der familiären Situation kaum vereinbar und auch wirtschaftlich völliger Schwachsinn. Zur Zeit arbeite ich in Teilzeit als Vertretungslehrerin und hoffe, das zu verstetigen (Seiteneinstieg), allerdings ist in meiner Region der Markt irrsinnigerweise und entgegen des allgemeinen Trends zurzeit gesättigt. Mein aktueller Vertrag geht noch bis Ende August 2020. Ich habe kürzlich ein bisschen Geld geerbt, außerdem riestere ich auf niedrigstem Niveau und habe eine kleine Kapitallebensversicherung - es wird vermutlich trotzdem vorne und hinten nicht reichen. Ja, ich fürchte mich. Ich würde von der Grundrente vermutlich profitieren. Der Staat muss mehr tun. Es geht nicht, dass man ein Leben lang arbeitet und dann zur Tafel muss. Die Probleme, die speziell Frauen haben, müssen aber noch an anderen Stellen gelöst werden, z.B. müssen typische Frauenberufe besser bezahlt werden, das Elterngeld muss für Männer auch für 12 Monate bezahlt werden etc.pp."

Sabine, Industriekauffrau, 41 Jahre, vier Kinder, zu erwartende Rente: 748,77 Euro

"Es war mir wichtig die Info zu teilen, damit diese Renten sichtbar werden. Meiner Meinung wird in Deutschland zu wenig über reale Gehälter und Renten gesprochen. Alle schweigen über ihre eigenen Renten/Gehälter. Aber erst wenn es transparent ist, was wer wieso verdient, kann etwas verändert werden.

Ich arbeite in der Finanzbuchhaltung und habe Industriekauffrau gelernt. 2 Jahre Ausbildung (98-2000) 5 Jahre Vollzeit bei 2 AG mit befristeten Jobs 6 Monate Elternzeit und parallel arbeitslos. Ab 7.2006 bis heute 19,25 Stunden, unbefristeter Vertrag im öffentlichen Dienst. Ich riestere und habe eine VBL-Rente und eine Betriebsrente. Ich hoffe, es wird reichen. Auf die Rente meines Mannes will ich nicht spekulieren. (Er ist Landwirt, eher kleine Rente, Altersvorsorge durch Betriebsverkauf wenn er in Rente geht.)

Bei der Grundrente bin ich gespalten. Ich befürworte die Absicherung vor Altersarmut. Ich habe Angst knapp über der Grundrente zu landen und 450 Euro Dauerjobber werden mir nahezu gleichgestellt. Arbeit muss sich lohnen, die daraus resultierende Rente auch.

Ich würde mir von der (Renten-)Politik wünschen, dass Frauen mit Kindern die Wahl haben zwischen Vollzeit und Teilzeit. Dies ist aber durch mangelnde Kinderbetreuung (auf dem Dorf) nicht gegeben. Hier geht nur Teilzeit. Die Kinderbetreuung ist der begrenzende Faktor. Ferienbetreuung kostet Geld."

Friederike, Pädagogin, Ende 30, fünf Kinder, zu erwartende Rente: 345,20 Euro

"Es war mir wichtig zu teilen, weil ich finde, dass an die Öffentlichkeit muss, dass gemessen an zu erwarteten Rentengeldern den Staat einen Dreck interessiert, dass ich als Alleinerziehende hier mit viel Professionalität und Ehrgeiz seine Zukunft groß ziehe! Insbesondere ärgert es mich, dass ich nicht nur meine selbst gemachten, sondern als professionelle Pflegemutter auch Pflegekinder mit sehr vielen Besonderheiten groß ziehe und dafür nicht entlohnt oder angemessen sozial versichert werde. Warum die Rente so niedrig ist, müssen Sie die Politik fragen. Ich bin Diplom Pädagogin und ziehe Pflegekinder mit Traumafolgestörungen groß. ZT habe ich zusätzlich außer Haus gearbeitet. Wegen der Kinder und ihrem hohen Bedarf an Begleitung zu Therapien, Ärzten, auch Alltagsbegleitung geht das aber immer nur für wenige Stunden und je nach Kind auch oft gar nicht. Ich wünsche mir eine Grundrente für alle. Und ich wünsche mir, dass Erziehungsarbeit angemessen anerkannt und vergütet wird.

Als Pflegemutter bekommen Sie kein Gehalt. Sie sind nicht versicherungspflichtig beschäftigt. Das ist quasi ein Ehrenamt. Oder ein Hobby. Was natürlich ein Irrsinn ist bei 27/7 hoch verantwortungsbesusstem Arbeitseinsatz. Care Arbeit muss sozial abgesichert werden!"