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Trauriger Trend: Zwischen 2000 und 2005 ist die Höhe der Bezüge für Neurentner um zehn Prozent gesunken
Trauriger Trend: Zwischen 2000 und 2005 ist die Höhe der Bezüge für Neurentner um zehn Prozent gesunken
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... und ich sag dir, wie hoch deine Rente ist. Laut einer neuen Studie dürfen sich Rentner freuen, die im Osten oder einem der großen Ballungszentren in den Ruhestand starten, - sie bekommen die höchsten Durchschnittsrenten in Deutschland.
Von Karin Spitra

Chancengleichheit auch bei der Rente? Pustekuchen! Erstmals haben Forscher die durchschnittliche Höhe der neuen Versicherungsrenten und das Eintrittsalter für alle Landkreise und Städte Deutschlands ermittelt. "In einigen Regionen zahlt die Rentenkasse je Neurentner fast doppelt so viel aus wie andernorts. Und in manchen Gebieten gehen die Versicherten vier Jahre früher in den Ruhestand als sonstwo in der Republik", heißt es in einer am Montag veröffentlichten Studie, die das Internationale Institut für Empirische Sozialökonomie für die EU-Kommission und die gewerkschaftsnahe Hans-Böckler-Stiftung erstellt hat. Kurz gesagt: "Bei der Rentenhöhe und dem Eintrittsalter gibt es in Deutschland extreme regionale Unterschiede," wie der Studien-Mitautor Professor Ernst Kistler erläutert. Dabei wurden immer die Verhältnisse der Neurentner untersucht.

Dafür wertete das Forschungsteam regionale Renten-, Arbeitsmarkt- und Bevölkerungsdaten aus - und wollte so Informationen für eine bessere Integration von älteren Arbeitnehmern gewinnen. Der Blick auf den dabei entstandenen "Rentenatlas" zeigt, dass in manchen Landkreisen die Menschen um bis zu vier Jahre früher in Rente gehen, als anderswo. Auch die Zahlungen schanken deutlich: Ein Rentner aus dem Landkreis Höxter oder Lippe bekam bei seinem Renteneintritt 2004 deutlich weniger, als einer aus Düsseldorf. "Generell gilt, dass ein Durchschnittsrentner in vielen ländlichen Gegenden Westdeutschlands nur etwa die Hälfte dessen bekommt, was in Ballungsräumen und weiten Gebieten Ostdeutschland gezahlt wird", so Kistler.

Die höchsten Renten wurden 2004 demnach in Potsdam gezahlt. Hier bekamen Neurentner durchschnittlich 787 Euro im Monat, im Hochtaunuskreis bei Frankfurt am Main waren es 787 Euro, im Landkreis Bitburg-Prüm in der Eifel gab es hingegen nur 495 Euro. Auch das Rentenalter variiert laut Kistler stark: "Die jüngsten Rentner Deutschlands hat der vorpommersche Kreis Demmin mit durchschnittlich 57,3 Jahren. Im schwäbischen Landkreis Alb-Donau startete der Rentenabend dagegen erst mit 61,6 Jahren."

Große Unterschiede zwischen Ost und West

Die Studienautoren liefern natürlich auch Gründe für diese starken regionalen Differenzen. Laut Kistler liegen die Unterschiede vor allem an folgenden Auslösern: "Ganz entscheidend ist, ob und in welchem Umfang auch Frauen in diesen Regionen arbeiten. Die vergleichsweise hohen Neurenten in Ostdeutschland liegen schlicht an der hohen Erwerbstätigkeit von Frauen und den allgemein konstanteren Erwerbsbiographien in der früheren DDR." Doch auch die aktuelle Arbeitsmarktlage und die gängigen Arbeitsbedingungen und -belastungen sowie die Wirtschaftsgeschichte beeinflussen laut der Studie dieses Rentenniveau.

Beneidenswert sind die ostdeutschen Rentner dennoch nicht, denn die höheren Altersbezüge lassen keineswegs auf mehr Wohlstand im Alter schließen. "Ältere Ostdeutsche verfügen seltner über Vermögen oder Betriebsrenten," so die Autoren der Studie. "2004 setzte sich das Einkommen eines Ostrentners zu 90 Prozent aus der gesetzlichen Rente und nur zu zehn Prozent aus Betriebsrenten und Miet- oder Kapitaleinkünften zusammen. Im Westen lag der Anteil dieses sonstigen Alterseinkommens im Schnitt immerhin bei 35 Prozent," erklärt Kistler. Dabei bekommt jemand, der heute in Rente geht, sowieso weniger, als in den Vorjahren. Laut Kistner ist die Höhe der Neurenten zwischen 2000 und 2005 bundesweit um zehn Prozent gesunken. Hauptgrund dafür seien die 1997 eingeführten Abschläge, die bei einem vorzeitigen Renteneintritt greifen.

Männer bekommen mehr als Frauen

Dies macht sich besonders in westdeutschen Bundesländern mit Problemen im Strukturwandel bemerkbar. "Hier mussten Nordrhein-Westfalen und das Saarland die stärksten Einbußen hinnehmen," heißt es dazu in der Studie. An der Saar sackten die durchschnittlichen Rentenauszahlungen zwischen 1996 und 2004 von 747 Euro auf 565 Euro.

Ob Stadt oder Land, ob Ost oder West - überall fallen die Männerrenten höher aus. Doch auch hier haben es die Frauen aus dem Osten besser: Rentnerinnen erhalten in Frankfurt/Oder immerhin 85 Prozent der lokalen Männerrente, in ganz Ostdeutschland erreichen die Frauenrenten 75 Prozent. Dafür wird in den alten Bundesländern dieser Wert teilweise weit unterschritten. Auch in Gegenden mit einem ausgeprägten Dienstleistungssektor rangieren die Renten der Frauen nur bei knapp 60 Prozent der Männerrenten. "Noch weiter rutscht diese Marke nur im ländlichen Raum ab, weil hier das traditionelle Familienmodell ausgeprägter ist", so Kistler. So seien viele westdeutsche Frauen nach der Familienphase nicht wieder ins Erwerbsleben zurückgekehrt - oder nur mit einem niedrigeren Gehalt.

Großstadtrentner haben's besser

Am wenigsten zahlte die Rentenkasse übrigens in den Flächenländern Rheinland-Pfalz, Bayern und Saarland aus, da stehen die Ruheständler in Berlin und Hamburg deutlich besser da. Das führen Kistler und sein Team auf die höhere Beschäftigungsquote höher qualifizierter Älterer zurück, es gehen weniger Rentner mit Abschlägen in den Ruhestand. Den gleichen Effekt haben die Experten auch in anderen Ballungsräumen beobachtet: "Die Renten in und um München fallen deutlich höher aus als in den Randlagen des Freistaats," so Kistler.

Dabei droht selbst in so wohlhabenden Gegenden wie dem Landkreis Garmisch-Partenkirchen Altersarmut. Denn die oft prekären Arbeitsverhältnisse im Tourismus und in der Landwirtschaft sichern den Menschen keine ausreichenden Rentenansprüche. "Ein Befund, der übrigens für viele Urlaubsregionen in Deutschland gilt," so Kistler. "Da wo die Rentenhöhe jetzt schon niedrig ist, wird es so bleiben," prophezeiht Kistler. Es sei denn, die älteren Arbeitnehmer würden gefördert und die Rahmenbedingungen würden sich ändern: "Sonst droht im Alter eine zunehmende Spaltung der Gesellschaft."


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