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Steuerflucht: Nie wieder Liechtenstein

Für manche Reiche geriet die Steuerflucht in den Zwergstaat zum Horrortrip. Wie in diesem Fall: Erst gab es Streit in der Familie, dann wurden die Kontodaten verraten, dann stand die Steuerfahndung vor der Tür. Am Ende bekam der Fiskus doch einen Großteil des gebunkerten Geldes.

Von Roman Heflik

Es war gegen neun Uhr morgens, als Hans Schockhoff* ein Vermögen im Wert einer größeren Villa und mehrerer Luxuslimousinen verlor. Als die Steuerfahnder an seinem Anwesen klingelten, ging dem betagten Firmenpatriarchen auf, dass er wohl einen Fehler gemacht hatte. Die Fahnder waren höflich, aber bestimmt: "Herr Schockhoff, wir wissen von Ihren Liechtenstein-Geldern. Es wäre besser, Sie kooperieren mit uns."

Letzer Ausweg: Kooperieren

Und Schockhoff kooperierte. In Anwesenheit der Beamten und seines Anwalts rief der frühere Industrielle seine Bank, die LGT in Vaduz, an und bat um alle verfügbaren Akten. Die Unterlagen bestätigten den Ermittlern, was sie dank einem ehemaligen LGT-Mitarbeiter schon zum großen Teil wussten.

Vor mehr als 30 Jahren hatte Schockhoff einen Teil seines Unternehmens verkauft und die Erlöse heimlich nach Liechtenstein gebracht. Dort gründete die LGT Treuhand für ihn eine anonyme Stiftung, die sein Geld auf einem Schweizer Nummernkonto und in geheimen Fonds deponierte. Der Besitzer des Geldes war damit unkenntlich gemacht. Das Kapital hatte Schockhoff für seine Tochter und deren Mann angelegt. Es sollte beiden später als luxuriöse Altersvorsorge dienen.

Ehrlich verdientes Geld

Schockhoffs Steuerberater verrät, was die Fahnder bis dahin nicht wussten: "Als es 2004 vom Staat das Angebot einer umfassenden Steueramnestie gab, wollten sich Tochter und Schwiegersohn eigentlich melden." Denn immer wieder gelangten die Behörden an Datensätze von Steuersündern in Liechtenstein. Der Industriellen-Nachwuchs wurde nervös und drängte den Patriarchen, eine Selbstanzeige zu stellen. Doch der war stur: "Wieso soll ich ehrlich verdientes und versteuertes Geld beim Vererben noch mal versteuern?"

Reuigen Steuersündern bot der Fiskus damals einen Deal an: 15 Prozent des bis dahin versteckten Einkommens gingen letztlich an ihn, danach war das Geld "weiß", also kein Schwarzgeld mehr. Erträge mussten freilich in Zukunft brav abgeführt werden. Aber Schockhoff pokerte lieber hoch - und verlor noch höher. Der weit über 80-Jährige erhielt eine empfindliche Strafe: Rund 50 Prozent des Schwarzgeldes musste er an das Finanzamt überweisen, zudem noch sämtliche Zinserträge. Alles in allem mehr als drei Millionen Euro. "Die Beziehung zwischen Schwiegersohn und Schwiegervater war danach etwas angespannt", formuliert es der Steuerberater vornehm.

"Fast erleichtert, als wir klingelten"

Reinhard Kilmer arbeitet seit 21 Jahren für die Steuerfahndung Bochum. Er ist Sprecher der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi für den Fachbereich Betriebsprüfung und Steuerfahndung und kennt zahlreiche Schockhoff-Fälle. "Zum Beispiel wollte ein Industrieller Geld für seinen Nachwuchs deponieren, den er mit der Haushälterin gezeugt hat." Kilmer ermittelte schon Anfang 2000 gegen Steuerflüchtlinge in Liechtenstein. Einmal habe eine Familie erst bei der Testamentseröffnung von der Vaduzer Stiftung erfahren, sich aber nicht getraut, das Geld zu versteuern. "Die waren fast erleichtert, als wir klingelten." Nach 30 Jahren konnten sie das Geld, das nach Zahlung der Strafe übrig blieb, endlich ausgeben.

Doch trotz vieler Ermittlungserfolge strahlt Kilmer nicht vor Optimismus: "Es liegt noch immer sehr, sehr viel Geld bei Liechtensteiner Stiftungen beziehungsweise auf Schweizer Nummernkonten." Zwar haben inzwischen offenbar viele Kunden ihr Geld von Instituten wie der LGT abgezogen. "Aber das heißt noch nicht, dass das Steuerschlupfloch Liechtenstein gestopft wäre", sagt auch Rechtsanwalt und Steuerexperte Jörg Schauf.

"Zumwinkel-Effekt"

Fahnder Kilmer tröstet sich damit, dass die öffentlichkeitswirksame Festnahme eines prominenten Topmanagers zumindest die Nervosität unter den Steuerflüchtlingen erhöht hat: "Von den 800 LGT-Datensätzen sind 600 bislang in Arbeit. Aus Angst, der eigene Name könne auf der CD sein, haben sich aber noch mal 250 Leute gemeldet, von denen die Behörden gar nichts wussten." Kilmer lacht: "Wir nennen das 'den Zumwinkel-Effekt'."

* = Name geändert

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