Steuerreform Ist "Kirchhof" gerecht?


Viele fürchten, sie gehören bei einer radikalen Steuerreform zu den Verlierern. Der stern zeigt drei typische Fälle und bietet einen Rechner, damit jeder weiß, wie viel er ans Finanzamt zahlen müsste.

Vor zwei Jahren berichtete der stern erstmals über die revolutionären Vorschläge des Juraprofessors Paul Kirchhof zur Vereinfachung der Einkommensteuer ("Weg mit den Steuertricks", stern Nr. 45/2003). Schon damals löste er damit heftige Diskussionen aus: 25 Prozent Einheitssteuersatz, keine Abzugsmöglichkeiten - ist das denn gerecht?

Nach einem möglichen Wahlsieg von Union und FDP könnte der ehemalige Verfassungsrichter der nächste Finanzminister sein. Dann hätte er die Macht, eine Schneise durch das deutsche Steuerrecht mit seinen 418 Ausnahmeregeln zu schlagen und die Einkommensteuer radikal zu vereinfachen.

Der stern hat das aktuelle Steuerrecht mit den Ideen Kirchhofs verglichen. Ergebnis: Fast alle zahlen weniger Steuern, die bisher keine Steuervergünstigungen oder -schlupflöcher nutzen konnten. Besonders günstig ist das Modell für Familien mit Kindern. Aber auch Spitzenverdiener, die bisher nicht getrickst haben, würden von dem niedrigen Steuersatz profitieren.

Jan Boris Wintzenburg

Alleinverdienerin

Ohne Steuersparmöglichkeit

Eine Krankenschwester, die allein lebt und im Jahr 25.000 Euro verdient, zahlt nach dem aktuellen Tarif maximal 3604 Euro Steuern. Das entspricht einem durchschnittlichen Steuersatz von 14,4 Prozent. Sie nutzt in diesem Beispiel nur pauschale Abzugsmöglichkeiten des Steuerrechts (zum Beispiel Arbeitnehmerfreibetrag), hat weder nachts noch am Wochenende gearbeitet und kann auch sonst keine außergewöhnlichen Belastungen absetzen.

Kirchhof-Steuer


Würde die Krankenschwester ihr Einkommen nach den Vorschlägen von Paul Kirchhof versteuern, müsste sie 3000 Euro an den Fiskus zahlen. Das entspricht genau zwölf Prozent Durchschnittssteuersatz. Sie würde also gut 600 Euro weniger zahlen.

Als Alleinverdienerin mit kleinem Einkommen profitiert sie damit nur wenig von dem niedrigen Spitzensteuersatz des Kirchhof-Modells. Auch nach heute geltendem Recht kommt sie in der Spitze (also beim letzten Euro ihres Einkommens) gerade auf 28,2 Prozent Steuerbelastung. Die Einfachheit des Kirchhof-Plans wirkt sich ebenfalls kaum aus, denn sie nutzt nur die Pauschbeträge. Ihre Steuererklärung ist schon heute mit geringem Aufwand und wenig Zeit zu bewältigen.

Ersparnis: 604 Euro

Mit Steuersparmöglichkeiten

Arbeitet die Krankenschwester auch nachts (bekommt also steuerfreie Nachtzuschläge) und hat einen längeren Weg zur Arbeit, ist für sie das geltende Steuerrecht von Vorteil: Bei 25.000 Euro Einkommen (davon 3000 Euro Nachtzuschläge) und 40 Kilometer Anfahrtsweg zahlt sie nur 2093 Euro Steuern. Das sind durchschnittlich 8,4 Prozent vom Einkommen. Nach geltendem Recht kann sie auch die Kosten für ihr Handy (Rufbereitschaft), die Berufskleidung, die Kontoführung und eine Spende von 100 Euro steuerlich geltend machen.

Kirchhof-Steuer


Vom neuen Steuermodell würde die Krankenschwester nicht profitieren. Sie könnte lediglich die so genannte Vereinfachungspauschale von 2000 Euro geltend machen, mehr nicht. Im Vergleich zum geltenden Steuerrecht müsste die Krankenschwester über 900 Euro mehr Steuern zahlen. Besonders die Arbeit nachts und am Wochenende würde sich nicht mehr lohnen. Vermutlich müsste ihr Arbeitgeber mehr bezahlen, um die Nachtarbeit wieder attraktiv zu machen. Dadurch würden möglicherweise sogar die Gesundheitskosten und damit letztlich auch die Krankenkassenbeiträge steigen.

Mehrbelastung: 907 Euro

Facharbeiter-Familie

Ohne Steuersparmöglichkeit

Ein Facharbeiter mit Meisterbrief ist verheiratet, hat zwei Kinder und verdient 60.000 Euro. Nach dem heutigen Steuerrecht zahlt er 10.550 Euro Einkommensteuer, sofern er nur Pauschbeträge (zum Beispiel Arbeitnehmerfreibetrag) in Anspruch nimmt. Der durchschnittliche Steuersatz beträgt in diesem Beispiel 17,6 Prozent.

Kirchhof-Steuer


Nach dem Steuermodell von Paul Kirchhof würde die Familie lediglich 4500 Euro Steuern zahlen. Im Schnitt sind das nur 7,5 Prozent vom Einkommen. Über 6000 Euro Steuern könnte die Familie sparen. Besonders die Freibeträge von 8000 Euro je Kind wirken bei ihr positiv. Der hohe Freibetrag für jedes Kind macht Familien im Kirchhof-Modell häufig zu Gewinnern.

Ersparnis: 6050 Euro

Mit Steuersparmöglichkeit

Ist der Familienvater auch nachts und am Wochenende im Einsatz, kann er heute ganz legal Steuern sparen: Er verdient 60.000 Euro im Jahr, bekommt 7200 Euro steuerfreie Nachtzuschläge. Auch hat er einen langen Arbeitsweg (40 Kilometer) und benötigt zu Hause ein Arbeitszimmer samt PC. Außerdem fallen Kosten für Berufskleidung an. Diese Werbungskosten kann er von der Steuer absetzen, sodass am Ende lediglich 7038 Euro ans Finanzamt zu zahlen sind. Das entspricht einem durchschnittlichen Steuersatz von 11,7 Prozent. Die Bemessungsgrundlage (Betrag, auf den Steuern gezahlt werden) beträgt nur 43.510 Euro.

Kirchhof-Steuer


Werbungskosten für Fahrten oder Arbeitszimmer können nicht abgesetzt werden, steuerfreie Nachtzuschläge gibt es nicht mehr. Trotzdem ist die Steuerbelastung der Familie im Vergleich zum geltenden Recht um 2538 Euro niedriger. Das liegt an den üppigen Freibeträgen, die jedes Familienmitglied erhält. Sie senken die Bemessungsgrundlage auf 24.000 Euro, die mit maximal 25 Prozent versteuert werden.

Ersparnis: 2538 Euro

Geschäftsführer

Ohne Steuersparmöglichkeit

Ein angestellter Geschäftsführer in einem gut gehenden mittelständischen Unternehmen verdient 480.000 Euro und hat Zinseinkünfte von 20.000 Euro im Jahr. Er ist verheiratet, die Kinder sind aber bereits aus dem Haus. Wenn nur die Pauschbeträge für Werbungskosten und Zinsen in Anspruch genommen werden, muss das Paar heute 201.283 Euro Steuern zahlen. Im Schnitt sind das 40,3 Prozent des Einkommens.

Kirchhof-Steuer


Würde das Kirchhof-Modell umgesetzt, gehörte das Paar mit dem 500.000-Euro-Einkommen zu den großen Gewinnern: Es müsste nur noch 118.500 Euro an den Staat abgeben. Das wären mehr als 82.000 Euro weniger als nach heutigem Recht. Die durchschnittliche Steuerbelastung läge bei 23,7 Prozent. Grund der Ersparnis: der niedrige Höchststeuersatz von 25 Prozent.

Ersparnis: 82.783 Euro

Mit Steuersparmöglichkeit

Steuerzahler mit einem Einkommen von einer halben Million nutzen meist Abschreibungsmodelle. In unserem Beispiel beteiligt sich der Geschäftsführer an einem Medienfonds, der Hollywoodfilme finanziert. Er bekommt Verlustzuweisungen von 150.000 Euro pro Jahr, die das zu versteuernde Einkommen senken. Die Gewinne aus dem Fonds werden erst versteuert, wenn er im Ruhestand ist. Außerdem hat er in Ostimmobilien investiert, deren Sanierungskosten mit 105.000 Euro von der Steuer abgesetzt werden können. Nach Abzug der Kosten für Arbeitszimmer, Fachbücher und PC zahlt er lediglich 81.300 Euro Steuern auf ein vor dem Finanzamt kleingerechnetes Einkommen von gut 224.000 Euro. Im Schnitt liegt der Steuersatz nur bei 16,3 Prozent.

Kirchhof-Steuer


Die Kirchhof-Reform macht das wohlhabende Ehepaar mit seinen ganz legalen Steuertricks zu Verlierern: Über 37.000 Euro mehr als bisher müssten sie an Steuern zahlen. Verluste aus Medienfonds und Immobilien dürfen bei Kirchhof nicht mehr vom Einkommen abgezogen werden.

Mehrbelastung: 37.200 Euro

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