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Buchauszug

"Vögeln fürs Vaterland?": Babybonus im Job? Das wäre verfassungswidrig!

Jobs für Eltern zuerst, fordern Experten. Das bedeutet die Abschaffung der Berufsfreiheit, sagt stern-Reporterin Kerstin Herrnkind.

Eine schwangere Frau schiebt einen Ordner ins Regal (Symbolbild)

Eine Bevorzugung von Eltern im Berufsleben findet unsere Autorin verfassungswidrig (Symbolbild)

Ein Kind als Eintrittskarte für den Job? Es gibt Experten, die genau das fordern. Kinderlose sollen sich nicht nur – wie beim Familienwahlrecht – an der Wahlurne hinten anstellen, sondern auch auf dem Arbeitsmarkt. Bundesverdienstkreuzträger, Universitätsprofessor und Verfassungsrechtler Paul Kirchhof will junge Eltern "von Rechts wegen" bei der Bewerbung um Arbeitsplätze "vorrangig" berücksichtigt wissen. Welch ein Glück, dass seine politische Karriere zu Ende war, noch bevor sie begonnen hatte. Auf der Homepage des "Vordenkers und Nachdenkers" sind Sätze zu lesen wie: "Ohne Nachwuchs verdorrt eine Gesellschaft." Außerdem sagte er: "Zu einem erfüllten Leben gehören normalerweise Kinder." Kirchhof hat vier Kinder und zwölf Enkel.

Der Jurist steht mit seiner Idee nicht alleine. Auch Bevölkerungswissenschaftler Herwig Birg, Jahrgang 1939, der früher als Dauergast in Talkshows sein verbales Unwesen trieb, würde kinderlose Frauen offenbar liebend gern zugunsten von Müttern aus dem Büro jagen. "Ein neuer Ansatz wäre, freie Arbeitsplätze bei gleicher Qualifikation bevorzugt an Eltern zu vergeben", sagt er und empfiehlt "eine Mütterquote statt der geplanten Frauenquote". Denn: "Letzteres ist ein Karriereprogramm für Kinderlose". Birg hat 2015 auf dem AfD-Parteitag in Bremen einen Vortrag über Demografie gehalten. Da wurde deutlich, wes’ Geistes Kind er ist. Seitdem ist es erheblich stiller um ihn geworden.

Eltern im Job bevorzugt?

Der Text ist ein Auszug aus dem Buch "Vögeln fürs Vaterland? Nein, danke!" von Kerstin Herrnkind, das jetzt im Westend-Verlag erschienen ist. Vorangegangen waren zwei Artikel im stern.

Der Text ist ein Auszug aus dem Buch "Vögeln fürs Vaterland? Nein, danke!" von Kerstin Herrnkind, das jetzt im Westend-Verlag erschienen ist. Vorangegangen waren zwei Artikel im stern.

Doch es sind nicht nur ältere Herren, die für solche Ideen werben: Der Journalist Malte Welding, Jahrgang 1974, hat ein Buch geschrieben: "Seid fruchtbar und beschwert euch!" Stück für Stück weist der Journalist nach, wie schwer es Frauen und Männern in diesem Land als Eltern gemacht wird. Es ist ein gutes Buch. Eigentlich. "Es wird keine Unterteilung geben in egoistische Kinderlose und altruistische Kinderreiche, weil beide Zuschreibungen völliger Blödsinn sind", verspricht Welding im Vorwort seines Buches. Auf Seite 136 wirft er diesen Vorsatz allerdings über Bord und fordert einen "Babybonus" wie Kirchhof und Birg. "Bei gleicher Qualifikation bekäme der mit Kind eine Stelle. Das wäre hart gegenüber Kinderlosen, gerade gegenüber ungewollt Kinderlosen, aber die gegenwärtige Situation ist hart gegenüber denen mit Kindern – und die müssen schließlich noch ein Kind mit versorgen." Frauen sollen sich also erst mal im Kreißsaal qualifizieren, bevor alle Schranken zum Arbeitsmarkt fallen. Erst dann dürften sie richtig arbeiten, könnten alle Möglichkeiten ausschöpfen, um ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Je nach Arbeitsmarktlage könnte das im Extremfall bedeuten: Erst wenn alle qualifizierten Jobs mit Müttern und Vätern besetzt sind, kämen kinderlose Frauen und Männer zum Zuge. Wenn sie Pech haben, bleiben für sie nur noch Hilfsjobs. Oder Jobs, für die sie überqualifiziert sind. Ein Kind als Eintrittskarte für den Arbeitsmarkt, wieder so ein verfassungswidriger Vorschlag, den die Befürworter aussprechen, ohne rot zu werden. Sie fordern nichts anderes als die Abschaffung der Berufsfreiheit, die im Grundgesetz garantiert ist. "Alle Deutschen haben das Recht, Beruf, Arbeitsplatz und Ausbildungsstätte frei zu wählen", steht in Artikel 12 Grundgesetz, der ebenfalls unter die Ewigkeitsklausel fällt.

Natürlich träfe das auch kinderlose Männer. Aber da für Frauen in Deutschland das Kinderkriegen viel riskanter ist, träfe es sie auch härter. Weldings Buch ist übrigens mit einem Platz im Shop der Bundeszentrale für politische Bildung geadelt worden, jene Bundesanstalt also, die den Bürgern helfen soll, ein besseres "Verständnis für politische Sachverhalte" zu entwickeln. Zeigt, wie hoffähig solche Ideen inzwischen sind. Neu sind sie nicht. 

Die Nazi-Keule

Ja, ja, man muss vorsichtig sein, wenn man die Nazi-Keule schwingt. Aber es geht nicht anders. Schon die Nazis griffen zu Maßnahmen, Frauen aus dem Job ab ins Kinderzimmer zu scheuchen: Im April 1933 trat das "Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums" in Kraft. Ein willkürliches Gesetz, das in 18 Paragrafen festlegte, wen die Nationalsozialisten aus dem Staatsdienst entlassen konnten: "Beamte, die nicht arischer Abstammung sind, sind in den Ruhestand zu versetzen", hieß es in Paragraf 3. Laut Paragraf 6 konnten "zur Vereinfachung der Verwaltung ... Beamte in den Ruhestand versetzt werden, auch wenn sie noch nicht dienstunfähig sind." Dieser Passus wurde vor allem Frauen zum Verhängnis, die tausendfach entlassen wurden.

Propagandaminister Joseph Goebbels machte keinen Hehl daraus, was er wirklich unter "Vereinfachung der Verwaltung" verstand. "Die Entfernung der Frauen aus dem öffentlichen Leben, die wir vornehmen, geschieht nur, um ihnen ihre Frauenwürde zurückzugeben", sagte er. "Die Frau hat die Aufgabe, schön zu sein und Kinder auf die Welt zu bringen." Berufstätige Frauen, deren Männer im öffentlichen Dienst arbeiteten, wurden entlassen. Frauen müssten halt Opfer bringen, "um den Arbeitsmarkt zu entlasten", sagte Kölns Nazi-Oberbürgermeister Günter Riesen. Und nun sollten Kinderlose Opfer bringen, um Platz zu schaffen für Eltern? Ab 1936 wurden Frauen nicht mehr als Richterinnen oder Anwältinnen zugelassen. Frauen und Juden wurden aus dem Staatsdienst entlassen. Ohnehin waren Frauen im Dritten Reich erst mit der Heirat vollwertige Staatsbürgerinnen. "Das deutsche Mädchen ist Staatsangehörige und wird mit ihrer Verheiratung erst Bürgerin", sagte Hitler. Frauen sind Staatsangehörige und Arbeitsplatzanwärterinnen. Erst mit der Geburt eines Kindes wird ihnen der Zutritt zum gesamten Arbeitsmarkt gewährt. Klingt das so viel anders?

"Verheiratet, ein Kind. Sieben Jahre alt!"

Heute erleben wir in Deutschland den umgekehrten Skandal. Mütter bekommen keine Jobs, weil sie Kinder haben. Wie die 28-jährige Bürokauffrau, die sich in Nordrhein-Westfalen bei einem lokalen Radiosender beworben hatte. Sie bekam eine Absage. Zu seiner "Entlastung" schickte der Sender ihr die Bewerbungsunterlagen zurück. Die Papiere waren verräterisch. Als sich die Frau ihren Lebenslauf, den sie zuvor an den Sender geschickt hatte, noch einmal genauer ansah, glaubte sie zu wissen, warum sie die Stelle nicht bekommen hatte. "Verheiratet, ein Kind", hatte sie in ihrer Vita angegeben. "7 Jahre alt!", hatte ein unbekannter Personalsachbearbeiter mit der Hand danebengekritzelt, ein Ausrufezeichen dahintergesetzt und den ganzen Passus unterstrichen. "Verheiratet, ein Kind. Sieben Jahre alt!", stand nun da.

Die Frau zog vor Gericht, klagte auf 6000 Euro Entschädigung wegen Diskriminierung. In der ersten Instanz, vor dem Arbeitsgericht Siegen, verlor sie den Prozess. "Selbst wenn die Beklagte die Klägerin nicht eingestellt haben sollte aufgrund der Tatsache, dass sie Mutter eines siebenjährigen Kindes sei, liegt keine Ungleichbehandlung wegen des Geschlechts vor", begründeten die Richter ihr Urteil. Die Frau legte Berufung ein. Und bekam schließlich 3000 Euro zugesprochen.

"Sie haben sich eben für das Kind und gegen die Stelle entschieden!"

Doch selbst wenn Frauen klagen und recht bekommen, ist der Preis hoch, wie der Fall von Barbara S. zeigt. Die Betriebswirtin arbeitete für eine renommierte Plattenfirma und hatte sich auf einen höher dotierten Posten beworben. Doch dann wurde sie schwanger. Ein männlicher Kollege bekam den Job. "Sie haben sich eben für das Kind und gegen die Stelle entschieden!", sagte ihr Chef. Barbara S. klagte. Ihr Chef habe diese Äußerung doch nur als "Trostpflaster" gemeint, musste sie sich von den Richtern des Landesarbeitsgerichts anhören. Ihre Klage wurde abgeschmettert.

Doch Barbara S. gab nicht auf. Sechs Jahre dauerte ihr Kampf, bevor die Plattenfirma verurteilt wurde, Barbara S. eine Entschädigung von rund 17.000 Euro zu zahlen. Das Geld wog den Schaden, den Barbara S. erlitten hatte, nicht einmal ansatzweise auf. Die Plattenfirma hatte ihr noch während des Mutterschutzes gekündigt, obwohl das verboten ist. Lange fand die Betriebswirtin keinen neuen Job. Ihr Name war durch die Presse gegangen und im Internet leicht zu googeln. Fünf Jahre blieb Barbara S. zu Hause bei ihrem Kind. Eine Zwangspause, die sie nicht geplant hatte. Inzwischen lebt sie im Ausland, hat einen neuen Job. Solange Frauen auf dem Arbeitsmarkt derart benachteiligt werden, weil sie Kinder haben, müssen sich Politiker in diesem Land nicht darüber wundern, dass sie sich gegen Kinder entscheiden. Doch auch Frauen, die keine Kinder haben, werden im Arbeitsleben diskriminiert, einfach weil sie Frauen sind.

Auch Vätern wird es im Job schwer gemacht

Die bislang wohl höchste Entschädigung erstritt eine Frau 2008 vor dem Landesarbeitsgericht Berlin. Die Richter verurteilten ihren Arbeitgeber dazu, 48.000 Euro zu zahlen, weil die Frau bei der Beförderung übergangen worden war. Mit Hilfe eines mathematischen Gutachtens trat die Klägerin den Beweis an, dass sie mit einer Wahrscheinlichkeit von 99 Prozent diskriminiert worden war. Die Richter fanden das nachvollziehbar. "Heute ist ein Stück Frauendiskriminierung in Deutschland abgebaut worden", freute sich ihr Anwalt. Er freute sich zu früh. Nur weil so wenig Frauen bei einer Firma in den Chefsesseln säßen, müsse das noch lange nicht bedeuten, dass Frauen diskriminiert würden, entschied das Bundesarbeitsgericht 2010. Statistiken reichten nicht aus, um eine Diskriminierung wegen des Geschlechts zu beweisen.

Doch nicht nur Müttern, auch Vätern wird es im Job schwer gemacht, wenn sie wegen der Kinder pausieren wollen. Der 43-jährige Jens L. blieb ein Jahr zu Hause, um sich um Tochter Lotte (1) und Sohn Jurek (2) zu kümmern. Als er an seinen Arbeitsplatz zurückkehren wollte, war sein Job weg. "Ich kam am 1. September ins Büro. Da saß plötzlich ein Neuer. Er hatte gerade seinen ersten Tag bei uns", erzählte Jens L. der "Bild"-Zeitung. Man habe halt nicht so lange auf ihn warten können, soll sein Chef gesagt haben. Und ihm eine andere Stelle angeboten haben, die deutlich schlechter bezahlt war. Ein Außendienstmitarbeiter kündigte seinem Chef in einer Mail an, dass er Vater werde und Elternzeit nehmen wolle. Anstatt ihm zu gratulieren, bekam der Mann die Kündigung. Der Mann zog vors Arbeitsgericht Iserlohn und bekam Recht. Die Firma musste am Ende Gehälter für zwei Jahre und vier Monate nachzahlen. Elternzeit kann also auch für Väter zum riskanten Geschäft werden. Zwar nehmen immer mehr Väter Elternzeit – allerdings nur zwei Monate. 90 Prozent wollen schnell zurück in den Job. Das Institut für Demoskopie in Allensbach befragte 2015 über 3000 Eltern. 45 Prozent, also fast die Hälfte, berichteten davon, dass die Chefs ihnen keine familienfreundlichen Arbeitszeiten eingeräumt hätten. Über ein Drittel der Väter, die Elternzeit genommen hatten, gaben an, es sei beruflich schwierig gewesen. 19 Prozent, also fast ein Fünftel der Väter, verzichtete lieber ganz auf Elternzeit. Aus Angst vor beruflichen Nachteilen. Mehr als die Hälfte der Väter wünschte sich, die Kinderbetreuung teilen zu können. Nicht mal jedem fünften Vater ist das gelungen. So lange es in diesem Land so schwer ist, Kinder zu haben, dürfen sich Politiker nicht wundern, wenn Menschen auf Kinder verzichten. Ein Familienwahlrecht oder Eltern einen bevorzugten Zugang zum Arbeitsmarkt zu verschaffen, sind keine Lösungen. Diese Vorschläge sind nicht nur verfassungswidrig. Sie spalten die Gesellschaft.

Horst von Buttlar: Der Capitalist: Angst vor Altersarmut? Drei Tipps gegen die Renten-Panik

Der Text ist ein Auszug aus dem Buch: "Vögeln fürs Vaterland? Nein, danke! Bekenntnisse einer Kinderlosen" von Kerstin Herrnkind. Anstoß für den Westend-Verlag, das Buch herauszubringen, waren zwei Texte auf stern.de.