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Politik mit demografischem Wandel: Brauchen wir wirklich mehr Kinder?

Mit dem demografischen Wandel wird Angst, und mit der daraus resultierenden Angst wird Politik gemacht. Dabei sind viele Experten sicher: Die Sozialsysteme könnte man auch mit weniger Menschen retten.

Angela Merkel auf einem Pressetermin mit einem Baby

Auch Bundeskanzlerin Angela Merkel, hier auf einem Pressetermin für eine Kinderbetreuungsinitiative, musste sich ihre Kinderlosigkeit bereits vorwerfen lassen

Die Deutschen werden immer älter. Es werden zu wenig Kinder geboren. Das gefährdet den Wohlstand. Und ruiniert die Sozialsysteme. Vermutlich wird diese Leier schon in Abi-Klausuren abgefragt. Wie sonst ist es zu erklären, dass so viele junge Leute Angst vor dem demografischen Wandel haben? 2013 fragte das Institut für Demoskopie Allensbach für das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend bei 1097 Männern und Frauen im Alter von 20 bis 34 nach, was ihnen zum demografischen Wandel einfiele. Drei Viertel der jungen Erwachsenen, also fast alle, wussten, wovon die Rede war. Und sie haben Angst. "Über zwei Drittel der 20- bis 34-Jährigen betrachten den demografischen Wandel als ernsthaftes Problem (69 Prozent)", heißt es im Ergebnis der Befragung. Mehr als die Hälfte, nämlich 56 Prozent, machen sich sogar ernsthafte Sorgen. Nur 23 Prozent, also nicht mal ein Viertel, erhofft sich vom demografischen Wandel bessere Chancen auf dem Arbeitsmarkt. Das einzig Positive: Die Jungen sind nicht sauer auf die Alten: "Der Blick auf die demografischen Veränderungen in der Gesellschaft führt bei den meisten jungen Erwachsenen nicht zu Ressentiments gegenüber den älteren Generationen." Bei den Älteren ist es nicht anders. "Kaum ein Thema hat bei den Bürgern aber auch so viele Ängste hervorgerufen", liest man auf den Seiten der Bundeszentrale für politische Bildung. Das Volk hat also Angst.

Die Deutschen hatten eigentlich schon immer Angst vor dem demografischen Wandel. Sie wurde ihnen regelrecht eingeimpft. Der Historiker Thomas Bryant hat sich mit der Geschichte der Demografie in Deutschland befasst. Die Diskussion sei in vielen "vornehmlich westeuropäischen Ländern" nicht immer rational verlaufen, schreibt er. Aber "vor allen in Deutschland" sei die Debatte "durch eine geradezu außergewöhnliche Dramatisierung gekennzeichnet" gewesen. Die Diskussion sei überschattet von "apokalyptischen Untergangsängsten". Viele Wissenschaftler, Politiker und andere Personen des öffentlichen Lebens hätten "die sinkenden Geburtenraten" als "nationale Tragödie" inszeniert. Bryant warnt: "Auch künftig" werde "die gefährliche Nähe von Demografie und Demagogie – gerade im Zeitalter der (massen)medialen Demokratie – sicherlich alenthalben zu beobachten sein."

Eine Politik der Angst

Genau das geschieht jetzt wieder. "Politik machen, bedeutet, den Leuten so viel Angst einzujagen, dass ihnen jede Lösung recht ist", soll der 1925 geborene Journalist Wolfgang Weidner gesagt haben. Wenn die Angst regiert, kann man die Sozialsysteme umbauen, wie es Kanzler Schröder mit seiner Agenda 2010 getan hat, also den Kündigungsschutz lockern, den Arbeitnehmern mehr Sozialabgaben aufbrummen, die Arbeitslosenunterstützung kürzen. "Wir müssen anerkennen und aussprechen, dass die Altersentwicklung unserer Gesellschaft, wenn wir jetzt nichts ändern, schon zu unseren Lebzeiten dazu führen würde, dass unsere vorbildlichen Systeme der Gesundheitsversorgung und Alterssicherung nicht mehr bezahl- bar wären", sagte Kanzler Schröder 2003, um das Land auf die Agenda 2010 einzustimmen.

Der Text ist ein Auszug aus dem Buch "Vögeln fürs Vaterland? Nein, danke!" von Kerstin Herrnkind, das jetzt im Westend-Verlag erschienen ist. Vorangegangen waren zwei Artikel im stern.

Der Text ist ein Auszug aus dem Buch "Vögeln fürs Vaterland? Nein, danke!" von Kerstin Herrnkind, das jetzt im Westend-Verlag erschienen ist. Vorangegangen waren zwei Artikel im stern.

Wenn die Angst regiert, kann man die Lebensarbeitszeit erhöhen, wie es die Große Koalition 2006 getan hat. Man kann die Leute dazu anhalten, privat vorzusorgen mit Riester und Rürup, wovon vor allem die Versicherungsbranche profitiert hat. Und man kann eine Hatz auf Kinderlose eröffnen und so tun als seien sie die Schuldigen.

Aber sind die Ängste vor dem demografischen Wandel wirklich berechtigt? Sind die Auswirkungen wirklich so dramatisch? Brauchen wir wirklich mehr eigene Kinder, um die Sozialsysteme am Laufen zu halten? Der verstorbene Soziologe Karl Otto Hondrich hat das bestritten: "So wenig man für Strom ein Elektrizitätswerk im eigenen Haus braucht, so wenig benötigen wir für die Systeme der sozialen Sicherung eigene Kinder." Sie könnten auch mit "Frauen, Fremden" und "künstlichen Kinder", also einer gesteigerter Produktivität am Laufen gehalten werden.

Mehr Produktivität, mehr Wohlstand

Gesteigerte Arbeitsproduktivität bedeutet, vereinfacht gesagt, dass pro Arbeitsstunde in Deutschland immer mehr Waren und Dienstleistungen geschaffen werden. Und diese Arbeitsproduktivität der arbeitenden Bevölkerung wächst seit Jahrzehnten. Wir werden also immer produktiver. In den frühen 1960er Jahren, so schreibt die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi, arbeiteten die Menschen in Deutschland im Schnitt noch 1000 Stunden pro Jahr. Heute sind es noch 700. Trotzdem ist das Bruttoinlandsprodukt (BIP) pro Person gestiegen. Laut Verdi-Angaben von 13.000 Euro pro Kopf auf über 34.000 Euro. Zwischen 1991 und 2011, also innerhalb von 20 Jahren, stieg die Produktivität um satte 22,7 Prozent. Wohlstand wird also nicht nur von Neubürgern geschaffen, die in die Sozialsysteme einzahlen, sondern auch durch gesteigerte Produktivität und Wirtschaftswachstum.

Der Mathematiker und Sozialwissenschaftler Gerd Bosbach ("Lügen mit Zahlen: Wie wir mit Statistiken manipuliert werden") glaubt, dass die steigende Produktivität den demografischen Wandel auffangen könnte und bringt es auf die simple Formel: "Produktivität schlägt Demografie".

Der Tagesschau gab er im Mai 2013 ein sehenswertes Interview: "Ich schaue in die Vergangenheit, ins letzte Jahrhundert. Schon damals sind wir älter geworden. Der Jugendanteil ist gesunken und der der Rentner hat sich mehr als verdreifacht. Trotzdem sind wir nicht ausgestorben und der Sozialstaat wurde auch nicht abgebaut. Im Gegenteil: Der Sozialstaat wurde massiv ausgebaut, die Arbeitszeit verkürzt und der Wohlstand für alle erhöht", sagte er und warnte. Politiker würden "mit nackten Bevölkerungszahlen für die nächsten 50 Jahre Angst machen".

Dahinter vermutet Bosbach System: "Die Arbeitgeber haben ... ein großes Interesse daran, die Lohnnebenkosten zu senken. Die Beiträge für die Rente sind der größte Posten der Lohnnebenkosten. Ohne die Angst vor dem demografischen Wandel wären die Arbeitgeber nie aus der paritätischen Finanzierung der gesetzlichen Rentenversicherung herausgekommen", sagt er. Die Profiteure: Unternehmen, Finanzdienstleister und Versicherungen.

Riesterrente - eine "Altersvorsorge für den Berater"

Tatsächlich sind von 2002 bis März 2016 16,5 Millionen Riester-Verträge in Deutschland abgeschlossen worden. Der Versicherungsbranche ist 2001 vom Bundestag unter einer rot-grünen Bundesregierung ein Produkt zugeschanzt worden, das vom Staat bezuschusst und beworben wird. Für die Branche ist das mehr als das, was für den Privatmann ein Sechser im Lotto wäre. Die Riesterrente sei eine "Altersvorsorge für den Berater", spottet die "Zeit". 25 Milliarden Euro hat der Staat seit 2002 in die Riester-Rente gesteckt. Für Geringverdiener, deren Rentenlücken eigentlich gestopft werden sollten, lohnt es sich allerdings nicht zu riestern. Es gibt Berechnungen, wonach sie mindestens 90 Jahre alt werden müssen, um ihre Beiträge rauszukriegen. Stattdessen profitieren vor allem die Besserverdienenden, wie eine Untersuchung des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung und der Freien Universität Berlin (FU) gezeigt hat. "Ich halte die Riester-Rente für eine Art Betrug", sagte Ex-Arbeitsminister Norbert Blüm bei Markus Lanz. Da ist der Konservative ganz auf einer Linie mit Sarah Wagenknecht von den Linken. "Die von Rot-Grün vor 15 Jahren beschlossene Teilprivatisierung der Rente hat die Taschen der Versicherungskonzerne gefüllt", liest man auf ihrer Homepage. "Riester? Abwickeln!", fordert sie. Doch Andrea Nahles will an dieser Zusatzrente festhalten. Waren ja auch ihre Genossen, die den Bürgern Riester eingebrockt haben.

Hatz auf Kinderlose gefährdet Gesellschaft

Die Hatz auf Kinderlose ist gefährlich. Sie spaltet die Gesellschaft. Mütter gehen auf Kinderlose los. Kinderlose auf Mütter. Eltern auf Kinderlose und umgekehrt. Selbst Kanzlerin Merkel muss sich ihre Kinderlosigkeit immer wieder vorwerfen lassen. Auch von AfD-Politikerin Frauke Petry musste sich Merkel Vorwürfe wegen ihrer Kinderlosigkeit anhören. "Ich habe vier Kinder, Angela Merkel hat keine," sagte die AfD-Chefin Frauke Petry kürzlich zum stern. "Kinder veranlassen einen, über den eigenen Lebenshorizont hinaus zu sehen. Und das tut Merkel eben nicht."

Nun schickt sich die AfD an, in den Bundestag einzuziehen, will nach Möglichkeit sogar regieren. Was Kinderlosen dann blüht, mag ich mir gar nicht vorstellen. Einen Vorgeschmack bekommt man, wenn man sich anschaut, was die AfD Sachsen-Anhalt fordert. Sie will "die Aufnahme einer ausgeglichenen Geburtenbilanz als Staatsziel in unser Grundgesetz". In den Schulen sollen die Lehrer und Lehrerinnen "Familienkundeunterricht" geben. Und mit ihren Klassen alle "sozialen, biologischen, medizinischen und politischen Fragen des Ehelebens" durchnehmen. Die AfD will Eltern mit einem Darlehen belohnen, das mit jedem Kind getilgt ist, und zwar mit 25 Prozent. Nach vier Kindern soll das Darlehen abbezahlt sein. Beim fünften Kind soll es von der Bundesbank einen Hauskredit geben. Ein Vorschlag aus der Mottenkiste der Geschichte. Es ist eine Neuauflage des Ehestandsdarlehens der Nazis.

Horst von Buttlar: Der Capitalist: Angst vor Altersarmut? Drei Tipps gegen die Renten-Panik

Der Text ist ein Auszug aus dem Buch: "Vögeln fürs Vaterland? Nein, danke! Bekenntnisse einer Kinderlosen" von Kerstin Herrnkind. Anstoß für den Westend-Verlag, das Buch herauszubringen, waren zwei Texte auf stern.de.