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Kinderloses Leben: Vögeln fürs Vaterland? Nein, danke!

Für Frauen kann das Kinderkriegen in diesem Land noch immer zur gefährlichen Falle werden. Die Hetze gegen Kinderlose lenkt ab von den Fehlern der Politik und spaltet die Gesellschaft.

Frauke Petry warf Angela Merkel ihre Kinderlosigkeit vor - unsere Autorin erklärt, wieso die Debatte frauenfeindlich ist.

Frauke Petry warf Angela Merkel ihre Kinderlosigkeit vor - unsere Autorin erklärt, wieso die Debatte frauenfeindlich ist.

Gestatten Sie, dass ich mich vorstelle? Ich bin eine "Sozialschmarotzerin". Meine Arbeitswoche hat in der Regel mehr als 40 Stunden. Fast die Hälfte meines Gehaltes überlasse ich dem Staat an Steuern. Selbstredend füttere ich auch die Rentenkasse mit Höchstsätzen. Die Pflegeversicherung kriegt von mir einen Extrazuschlag. Und als freiwilliges Mitglied der gesetzlichen Krankenversicherung zahle ich jeden Monat ein paar hundert Euro. Klar, würde ich als Privatpatientin viel Geld sparen. Aber ein Wechsel kommt für mich nicht infrage.  Ich bin eine Anhängerin des Solidarprinzips.

Nicht einen Tag meines nun schon über ein halbes Jahrhundert währenden Lebens war ich auf staatliche Leistungen angewiesen. Glück gehabt, denn das hat man ja nicht immer in der Hand. Keinen Cent Arbeitslosengeld, Wohngeld, Bafög, geschweige denn Sozialhilfe oder Hartz IV, wie es heute heißt. Noch was? Ach ja, mein Bundeszentralregisterauszug ist rein wie mein Gewissen.

Gott, was für eine Streberin, denken Sie jetzt vielleicht. Aber da irren Sie gewaltig. Dass ich brav meine Steuern zahle und mich an Gesetze halte, reicht nicht. Ich bin, das sagen jedenfalls andere Leute, "egoistisch" und "schamlos". Sie würden mich am liebsten von meinem Arbeitsplatz vertreiben. Mir die Rente streichen und mein Wahlrecht einschränken. Ja, diese Leute machen mich sogar für den drohenden Untergang Deutschlands verantwortlich. Warum? Weil ich diesem Land kein Kind geschenkt habe.

Frauke Petrys Vorwurf an Angela Merkel

"Ich habe vier Kinder bekommen", lobt sich Frauke Petry (AfD) selbst und hält Kanzlerin Angela Merkel (CDU) ihre Kinderlosigkeit vor. Der Protest bleibt aus.  Warum? Auf Kinderlose einzudreschen, ist gesellschaftsfähig geworden. "Wer keine Kinder bekommt, ist egoistisch", sagt der Papst. Mir wäre allerdings neu, dass schon mal ein heiliger Papa Vater geworden wäre.

Bevölkerungswissenschaftler Herwig Birg sieht die Apokalypse über Deutschland heraufziehen. "Schlimmer als der Dreißigjährige Krieg" würde sich die niedrige Geburtenrate auf Deutschland auswirken, prophezeit er. Frauen wie mir würde er wohl am liebsten den Job wegnehmen. "Ein neuer Ansatz wäre, freie Arbeitsplätze bei gleicher Qualifikation bevorzugt an Eltern zu vergeben", sagt er und empfiehlt "eine Mütterquote statt der geplanten Frauenquote". Denn: "Letzteres ist ein Karriereprogramm für Kinderlose".

Frauen sollen also erst mal ihre völkische Pflicht, wie Frauke Petry es vermutlich nennen würde, erledigen und ein Kind bekommen. Erst dann hätten sie uneingeschränkten Zugang zum Arbeitsmarkt. Nicht ganz neu, die Idee. Auch die Nazis bestraften Kinderlose. Sie erhöhten ihre Steuern. Und Staatsdienerinnen im gebärfähigen Alter mussten Einschränkungen ihrer Berufstätigkeit hinnehmen. Ab 1939 wurde das Mutterkreuz verliehen.

Ein Sturm gegen Kinderlose

Der Ökonom Hans-Werner Sinn will mir an die Rente. "Wir brauchen von der Kinderzahl abhängige Rentenansprüche". Journalistenkollege Sven Kuntze, der Kinderlose "schamlos" nennt, wird deutlicher: "Wer kinderlos bleibt, hat sein Recht auf Rente verwirkt!". Auch CSU-Familienexperten Silke Launert findet es "gerecht", "wenn Eltern, die die Beitragszahler von morgen großziehen, einen niedrigeren Rentenbeitrag leisten als Kinderlose." Offenbar haben Herr Kuntze und Frau Launert noch nie etwas vom "Äquivalenzprinzip" gehört. Wer in die Rentenversicherung einzahlt, erwirbt Entgeltpunkte. Und die sind sogar verfassungsrechtlich geschützt.

Hans-Werner Sinn will die Rentenansprüche an die Anzahl der Kinder koppeln.

Hans-Werner Sinn will die Rentenansprüche an die Anzahl der Kinder koppeln.


Warum blasen Politiker, Experten und sogar Journalisten zum Sturm gegen Kinderlose? Ganz einfach: Weil wir uns in diesem Land ein Rentensystem leisten, das auf Neubürger angewiesen ist. "Kinder kriegen die Leute immer", sagte Konrad Adenauer 1957 und begründete damit den Generationenvertrag. Seitdem zahlen die Jungen für die Alten. Die Pille machte Adenauer ab 1960 einen Strich durch die Rechnung. Doch anstatt diesen Rechenfehler zu korrigieren, zum Beispiel durch eine vernünftige Einwanderungspolitik, schliefen Politiker jahrzehntelang. Und wir sollen nun vögeln fürs Vaterland, damit die Kasse wieder stimmt.

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Eine frauenfeindliche Debatte

Was verschwiegen wird: Die Kritik an Kinderlosen ist eine zutiefst frauenfeindliche Debatte. Zwar gibt es in Deutschland mehr kinderlose Männer als Frauen. Aber für Frauen ist das existenzielle Risiko größer als für Männer. "Kinder sind in Deutschland nach wie vor ein Risiko fürs Berufsleben von Frauen", schreibt Jutta Allmendinger in ihrem Buch: "Verschenkte Potenziale? Lebensläufe nicht erwerbstätiger Frauen." Denn wenn eine Frau nach der Geburt in Teilzeit geht oder ihren Job aufgibt, verliert sie Geld, Unabhängigkeit und Rentenansprüche. Mitunter verlieren Frauen ihre Arbeitsstelle sogar, wenn sie Mutter werden, wie die Designerin Astrid F. aus Bremen, über die der stern 2010 berichtete. "Sie werden hier nicht mehr glücklich", drohte ihr Chef nach der Elternzeit.

Kinder können also zum Armutsrisiko werden. Vor allem, wenn Frauen ihre Kinder alleine durchbringen müssen. In Deutschland lebten 2011 fast 1,6 Millionen Alleinerziehende, die mindestens ein Kind zu versorgen hatten, das jünger als 18 Jahre alt war. Über 90 Prozent waren Mütter. Viele Väter zahlen keinen Unterhalt. Mit 840 Millionen Euro Unterhaltsvorschuss musste der Staat den Müttern 2014 aushelfen. Kinderkriegen kann in diesem Land für Frauen also zur gefährlichen Falle werden. Vögeln fürs Vaterland? Kein Wunder, wenn Frauen abwinken: Nein, danke.

Übrigens ist es ein Menschenrecht, selbst zu bestimmen, ob man Kinder kriegt oder nicht. Festgezurrt 1968 in der Teheraner Proklamation. "Eltern haben ein grundlegendes Menschenrecht, frei und selbstverantwortlich über Zahl und zeitliche Planung ihrer Kinder zu entscheiden sowie ein Recht, darüber eine angemessene Erziehung und Information zu erhalten", heißt es dort. Es ging in der Debatte damals zwar mehr um Entwicklungsländer und um den fehlenden Zugang zu Verhütungsmitteln, trotzdem gilt der Passus auch andersrum.

Club of Rome fordert Prämie für Kinderlose

Global gesehen ist das Vögeln fürs Vaterland übrigens keine so gute Idee: Mit dem Jahreswechsel 2015 auf 2016 lebten fast 7,4 Milliarden Menschen auf der Erde. 83 Millionen mehr als im Vorjahr. Die Erdbevölkerung wächst und wächst. Vor allem in den ärmsten Ländern der Welt. Prognosen gehen davon aus, dass die Erdbevölkerung in den nächsten 80 Jahren auf 10 Milliarden ansteigen wird. "Wo soll die Nahrung herkommen, die jeder Einzelne täglich zum Überleben benötigt, und von der ja bereits heute jeder Sechste zu wenig hat", fragt Valentin Thurn in seinem Kinofilm: "10 Milliarden. Wie werden wir alle satt?" Die Zukunftsforscher des Club of Rome haben deshalb vor wenigen Tagen sogar eine Prämie für kinderlose Frauen ab 50 gefordert.

Auch das Familienwahlrecht ist so eine beliebte Forderung. Dafür warb sogar schon Bundesfamilienministerium Manuela Schwesig (SPD). Wer kein Kind hat, soll in diesem Land weniger zu sagen haben.  Eltern bekämen dann pro Kind eine Stimme mehr. Mit demokratischer Wahl hätte das allerdings nichts mehr zu tun. Die sind frei, allgemein, geheim, gleich und unmittelbar. Schon vergessen, was das heißt? Allgemein bedeutet, dass alle Bürger grundsätzlich das gleiche Wahlrecht haben. Unabhängig von Beruf, Vermögen, Steueraufkommen, Geschlecht oder Schulbildung. Also auch unabhängig von der Zahl ihrer Kinder. Wahlen sind gleich. Bedeutet: Jeder Wähler hat gleich viele Stimmen. In einer Demokratie geht alle Staatsgewalt vom Volke aus. Und das sind alle Bürger, nicht nur die Familien. Jeder, der ein Familienwahlrecht fordert, will Kinderlose zu Bürgern zweiter Klasse machen.

Kinderkriegen darf nicht zur Falle werden

Die schwedische Schriftstellerin Ninni Holmqvist beschreibt in ihrem Roman "Die Entbehrlichen" eine Gesellschaft, in der Mitglieder nur als produktiv gelten, wenn sie sich vermehren. Kinderlose sind "die Entbehrlichen". Sie werden mit 50 in ein geschlossenes Sanatorium eingewiesen, wo sie als Organspender doch noch zu nützlichen Mitgliedern der Gesellschaft werden. "Der fiktive Roman lässt vor den Augen des Lesers eine Welt entstehen, von der wir nur hoffen können, dass sie nie Wirklichkeit wird", schreibt Top-500-Rezensent Joko. Zum Glück denkt niemand daran, Kinderlose auszuweiden. Nur finanziell sollen sie bluten. Und weniger Rechte haben sollen sie auch. Oder?

Lasst uns zusammenhalten, Leute. Und gemeinsam streiten für ein gerechteres Land. Ein Land, in dem Kinderkriegen für Frauen nicht zur Falle wird. In dem Eltern es nicht so schwer haben, Familie und Beruf zu vereinbaren. Und in dem man sich nicht zu rechtfertigen braucht, wenn man keine Kinder hat. Die Hatz auf Kinderlose ist nicht nur ungerecht. Sie ist gefährlich. Weil sie die Gesellschaft spaltet. In Kinderlose und Familien. Politikern kommt das sehr gelegen. Sie brauchen Sündenböcke, um davon abzulenken, dass sie über Jahrzehnte versagt haben.

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