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Tauschbörsen: Weiter Streit zwischen Musik-Industrie und Internet-Szene

Zwar läuft der Musiktausch übers Internet meist anonym, aber die Industrie fängt an gegen besonders aktive "Uploader" vorzugehen. Unterdessen schlägt Attac eine Pauschalgebühr für Datei-Downloads vor.

Böse Menschen hätten keine Lieder, heißt es im Volksmund. Wenn Leute, die im Internet Musik-Dateien tauschen, wirklich böse Menschen sind, dann muss die Spruchweisheit als widerlegt gelten: Zehntausende Lieder, von der Klaviersonate bis zum HipHop-Song, hat Florian S. auf seinem Computer gespeichert. Den Großteil davon hat er über eine Internet-Tauschbörse bezogen - ohne zu bezahlen, versteht sich. Als böser Mensch fühlt sich der Publizistik-Student aber keineswegs.

Ewiggleiche Gegenargumente

Ein Verhalten, das Gerd Gebhardt auf die Palme bringen könnte. Gebhardt ist Präsident der Deutschen Phonoverbände, der Dachorganisation der deutschen Musikindustrie. Musik zu kopieren, die urheberrechtlich geschützt ist, nennt er Diebstahl. "Was wäre, wenn man Autos genauso leicht kopieren könnte?", fragt er. "Dann würden sich die Leute das Auto ihrer Wahl mal eben kurz ausleihen, kopieren und zurückgeben. Dann wäre die Auto-Industrie am Ende." In der Tat ist es kinderleicht, seine Musik-Sammlung übers weltweite Datennetz kostenlos aufzustocken. Tausch-Programme wie "Kazaa", "eMule" oder "eDonkey" sind gratis und völlig legal im Internet herunterzuladen und lassen sich fast so leicht bedienen wie eine Suchmaschine: Einfach die Musikwünsche eingeben, online gehen - den Rest macht das Programm. "Saugen" nennt sich das im Jargon der Computer-Freaks, die ihre Rechner oft Tag und Nacht das Netz nach Dateien durchforsten lassen. Die deutsche Musikindustrie schätzt die Zahl der Musik-Downloader auf über sieben Millionen. 600 Millionen Lieder hätten sie 2003 illegal herunter geladen.

Schon 68 Anzeigen erstattet

Die Industrie belässt es nicht mehr bei Appellen ans Unrechtsbewusstsein der Internet-Nutzer. Seit vergangener Woche geht sie gegen besonders aktive so genannte "Uploader" vor, die besonders viele Lieder in Internet-Tauschbörsen anbieten. In 68 Fällen haben die Phono-Verbände Anzeige gegen unbekannt erstattet - wegen Urheberrechtsverletzungen. Zweck des Strafverfahrens ist aber vor allem, die Namen der Übeltäter herauszubekommen. Denn nur die Ermittlungsbehörden dürfen von Internet-Anbietern die Offenlegung ihrer Kundendaten verlangen. Sind die Musik-Freaks erst einmal bekannt, sollen Schadenersatzklagen folgen. Und das könnte für sie teuer werden. Rechtsanwalt Clemenz Rasch, der die Musikwirtschaft in dieser Sache vertritt, rechnet vor: Anzahl der angebotenen Titel mal Anzahl der Downloads multipliziert mit dem handelsüblichen CD-Preis. Wer also - wie Florian S. - Nacht für Nacht zehntausende Titel zum Download im Internet freigibt, muss mit Forderungen in sechsstelliger Höhe rechnen.

Legale Angebote zu teuer

S. zeigt sich davon wenig beeindruckt, meldet er sich doch bei Tauschbörsen nur über Benutzerkennung an, anhand derer er nicht identifiziert werden kann. Dass sein exzessiver Musiktausch illegal ist, ist ihm klar. "Aber die legalen Angebote der Musikindustrie sind einfach nicht attraktiv genug", sagt der 23-Jährige. Sowohl Musik-CDs als auch kommerzielle Download-Angebote im Internet seien ihm schlechterdings zu teuer.

Ob die Phonoverbände mit den Strafverfahren Erfolg haben werden, ist keineswegs sicher. Selbst wenn sich einige Uploader überführen lassen - inwieweit das Anbieten einer geschützten Musikdatei eine Straftat darstellt, ist umstritten. Oliver Moldenhauer von Attac hält die Strategie der Musikwirtschaft für falsch: "Da wird eine ganze Generation kriminalisiert". Dagegen vorzugehen sei "wie das Verbot von West-Fernsehen in der DDR".

Attac will Pauschalgebühr

Attac schlägt vor, den Bezug von Dateien aus dem Internet einfach freizugeben und dafür von Nutzern von Internet-Breitbandanschlüssen eine monatliche GEMA-Gebühr von fünf Euro zu erheben. "Die ganze Diskussion gab es doch schon einmal in den 70er Jahren, als die Musik-Kassetten aufkamen", erinnert sich Moldenhauer. Damals wurde schließlich eine Gebühr für Leer-Kassetten eingeführt, die von der GEMA an die Urheberrechts-Inhaber verteilt wird. Verbandspräsident Gebhardt gibt sich gesprächsbereit: "Wenn überhaupt die Bereitschaft da ist zu zahlen, können wir über alles reden." Eine Gebühr von fünf Euro pro Monat hält er allerdings für illusorisch niedrig. Eine einzige CD koste schließlich das Dreifache. Attac-Mann Moldenhauer befürchtet eine weitere Verschärfung des Konflikts zwischen Industrie und Internet-Szene: "Der Eskalation sind keine Grenzen gesetzt." Florian S. wird das nicht kümmern: "Ich lade kaum noch herunter. Ich hab doch schon fast alles."

Tobias Lübben, AP / AP / DPA
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