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Horst von Buttlar: Der Capitalist: Die Welt wird reicher - und wir Deutschen? Wir sparen falsch

Bei jedem Vermögensbericht ereifern sich viele über die ungleiche Verteilung zwischen Reich und Arm. Dabei sind wir Deutschen im Vergleich zu den Asiaten und Amerikanern die wahren Verlierer.

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Vermutlich kennen Sie auch diese Schlagzeilen: Die Reichen werden immer reicher, die Ungleichheit nimmt zu, das oberste Prozent besitzt einen Großteil des Vermögens und so weiter. Sie waren auch diese Woche wieder zu lesen, als die Allianz ihren neuen "Global Wealth Report" vorlegte. Von diesen Berichten gibt es jedes Jahr eine Handvoll, von der Schweizer Großbank Credit Suisse, von der Unternehmensberatung BCG, der Lobbygruppe Oxfam – oder eben der Allianz.

Und immer dringen ein paar Zahlen durch, die dann die Schlagzeilen und Meinungen in unseren Köpfen beeinflussen. Diese Zahlen sind nicht falsch, sie erzählen in der Regel bloß nicht die ganze Geschichte oder bedienen nur jene Klischees, die wir eh schon im Kopf haben. So war es auch bei dem neuen Allianz Global Wealth Report, der verkündete, dass das globale Vermögen um 7,7 Prozent auf rund 168 Billionen Euro gewachsen ist. Abzüglich der Schulden, die in manchen Teilen der Welt beängstigend steigen, bleibt ein globales Nettovermögen von 128 Billionen.

"Reicher, immer reicher" schrieb die "Süddeutsche Zeitung", "Die Welt wird reicher – die Ungleichheit wächst", meldete der Deutschlandfunk, der Wirtschaftswoche fiel immerhin etwas anderes auf: "Private Nettovermögen in zehn Jahren verzehnfacht".

Und all diese Schlagzeilen sind ebenfalls nicht falsch, weil jeder etwas anderes aus diesen Vermögensberichten herausliest, je nach Interesse und Erkenntnis. Klar, ein Politiker der Linkspartei oder SPD, der gerne eine Reichensteuer erheben will, prangert die ungleichen Vermögen an. Ein liberaler Politiker, der die Steuern lieber senken oder eine kapitalgedeckte Altersvorsorge will, stellt heraus, wie stark der Wohlstand für alle steigt und dass die Börsen daran einen guten Anteil hatten.

Hunderte Millionen weniger Arme

Zwei Geschichten kommen in meinen Augen immer etwas kurz. Zum einen das größte Armutsbekämpfungsprogramm der Menschheitsgeschichte: der Aufstieg von Hunderten von Millionen Asiaten, darunter allein 500 Millionen Chinesen, in die globale Mittelschicht in den vergangenen Jahren  – dank, nun ja, dieses verflixten Kapitalismus, dank des Freihandels und dank der Globalisierung. "Nie zuvor in der Geschichte hat sich der materielle Wohlstand so vieler Menschen in so kurzer Zeit so radikal verbessert", heißt es in der Studie. "Die letzten beiden Jahrzehnte der stürmischen Globalisierung ließen eine neue globale Vermögensmittelklasse entstehen, zu der Ende 2017 nahezu 1,1 Milliarden Menschen zählten." Asien ist der große Gewinner.

Zum anderen kommt die etwas beklagenswerte Verliererstory zu kurz, dass wir Deutschen zwar sparen wie verrückt, aber viel zu wenig draus machen. Michael Heise, Chefvolkswirt der Allianz und einer der Autoren der Studie, hat es auf eine prägnante Formel gebracht. "Die Deutschen arbeiten für ihr Geld, aber sie lassen ihr Geld nicht arbeiten."

Gerade in den vergangenen zehn Jahren nach der Finanzkrise, in denen sich der Wohlstand der Welt stark vermehrt hat, in denen sich die Vermögenswerte verzehnfacht haben, muss man feststellen: Die Deutschen hatten nicht genug Anteil daran. Wir waren laut in unser Null- und Niedringzinsklage, aber zu zaghaft in unserem Anlageverhalten. Und so ist im internationalen Vergleich das Pro-Kopf-Geldvermögen (52.390 Euro) eher im Mittelfeld, das der Schweizer und Amerikaner beträgt das Dreifache. 

2017 war das perfekte Jahr – die Deutschen verpassten es

Dabei kam es just in dem Verhalten der Anleger in 2017, dem "perfekten Jahr", wie es in der Studie heißt, zu einer "bemerkenswerten Wende": "Erstmals seit der Finanzkrise flossen frische Gelder wieder im nennenswerten Umfang in Aktien und Investmentfonds." Weil die Börsen boomten, legten Wertpapiere mit gut 12 Prozent am stärksten zu und machten Ende des Jahres 42 Prozent der gesamten Ersparnisse aus. Auch in Deutschland floss mehr in Aktien und Fonds, aber eben nicht genug, und da 2018 (bisher) ein nicht so tolles Börsenjahr ist, und die kommenden Jahre eher komplizierter und ruppiger werden, kann es mal wieder sein, dass viel zu viele Deutsche den Bullenzug an der Börse verpasst haben.

Und so findet die Studie auch einen eher selten genannten Grund für die ungleiche Vermögensverteilung hierzulande: "In Deutschland", steht dort, "spielen die späte Wiedervereinigung sowie das weitgehende Fehlen einer kapitalgedeckten Altersvorsorge eine entscheidende Rolle." Nun könnte man sagen: Klar, das schreibt die Allianz, die will uns ja auch ihre überteuerten Produkte andrehen.

Eine Aktie ist wie Spinat und Vitamin C

Aber die Zahlen sprechen eine klare Sprache: Nur jeder vierte Euro steckt in Deutschland in Wertpapieren, das Vermögen wuchs pro Jahr nur um im Schnitt 3,4 Prozent – dabei haben wir nahezu doppelt so hohe Sparleistungen wie in Nordamerika. Anders gesagt: Die Deutschen sparten 2017 mit 225 Milliarden Euro etwa so viel wie alle anderen Euro-Länder zusammen – aber die Renditen bleiben unterdurchschnittlich. Wichtig: Die jährliche Auswertung der Allianz berücksichtigt Bargeld, Bankeinlagen und Wertpapiere sowie Ansprüche gegenüber Versicherungen und Pensionsfonds, nicht jedoch Immobilien. Man muss also, angesichts des Immobilienbooms im Kopf haben, dass in den letzten Jahren viel Kapital der Deutschen in Häuser und Wohnungen geflossen ist – wobei das für viele andere Länder auch gelten dürfte.

Und was ist nun die Schlussfolgerung daraus? Nun ja, die Erkenntnis, dass wir viel sparen und zu wenig draus machen, ist inzwischen leider so wie die Feststellung, dass Spinat gesund ist, und man nicht zu viel Kaffee trinken und bei einer Erkältung Vitamin C zu sich nehmen soll. Wir Deutschen müssen lernen, anders zu sparen.

Das wird nicht einfach. Unsere kollektiven Erinnerungen sind Werbungen für Lebensversicherungen ("Eine Allianz fürs Leben") und Bausparen ("Auf diese Steine können Sie bauen"). Unser Trauma heißt T-Aktie mit Manfred Krug und Dotcom-Crash plus Lehman-Oma. Unser Versprechen heißt "Die Renten sind sicher", was ein netter Arbeitsminister auf Litfasssäulen klebte.

Der Bullshit vieler Politiker

Leider wird uns der Kapitalmarkt von ganz oben immer wieder ausgeredet: Finanzminister Olaf Scholz sagt zum Thema Geldanlage: "Damit beschäftige ich mich kaum, es liegt einfach auf dem Sparbuch – trotz der niedrigen Zinsen." Robert Habeck, der Chef der Grünen, bekennt freimütig, keine Aktien zu besitzen. Andrea Nahles wettert gegen die kapitalgedeckte Rente, bei der "bei einem Börsencrash über Nacht die gesamte Altersvorsorge vernichtet wird". Zwei bis drei Prozent, was die gesetzliche Rente bringe, schaffe man "am Kapitalmarkt nicht". Das ist schlicht Bullshit. (Lesen Sie mehr dazu hier – da steht auch, warum eine Aktie nicht nervt, dass die Heizung kaputt ist.)

Und wenn die Politiker dann, siehe Riester, den ganzen Börsenschweinkram doch mal gefördert haben, verkünden sie ein Jahrzehnt später: "Riester ist gescheitert" (Horst Seehofer). Eine verstörende Botschaft an 16 Millionen Riester-Sparer (die sich davon nicht beeindrucken lassen sollten).

Denn während wir sparen und sparen, und viel zu wenig draus machen, verpassen zu viele Deutsche immer noch die größte Revolution des Finanzkapitalismus: Nämlich die spektakuläre Demokratisierung und Öffnung der Börsen, die wir seit einigen Jahren in drei sperrige Buchstaben packen: ETF. Jeder kann seitdem, ganz ohne Berater und teure Gebühren, mit 25 Euro aufwärts im Monat am Erfolg von mehr als 1800 Unternehmen weltweit teilhaben. Wenn er Geduld hat und dran bleibt. (Eine kleine Serie meines Kollegen Christian Kirchner zur ETF-Revolution finden Sie hier.)

Insofern denken Sie beim nächsten Vermögensbericht auch mal an diesen schönen Slogan von Nike: Just do it.

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