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Serie Energiewende, Teil 5 - Risiko Kostenexplosion: Aufstand der Mieter

So wirkungsvoll die Pläne der Bundesregierung zur Energieeinsparung bei Gebäuden sein mögen: Sie sind ambitioniert und teuer. Oft zahlt der Mieter die Zeche. Zwei Beispiele aus Castrop-Rauxel.

Von Friederike Ott

Als Barbara Schmidt (Name geändert) im vergangenen Jahr erfuhr, dass das Haus, in dem sie wohnt, saniert werden sollte, freute sie sich. Die Bauarbeiter stellten ein Gerüst auf, die Balkone wurden neu verkleidet. Die alte Fassade aus roten Backsteinen wich einer neuen, weißen und wärmegedämmten. Nun würde sie weniger heizen müssen. Nicht nur ihr Haus, fast alle Häuser in der alten Zechensiedlung in Castrop-Rauxel erstrahlten in elegantem Weiß statt in Backsteinrot.

Dann kam der Brief des Vermieters, der Immobiliengruppe Deutsche Annington. Auf die Grundmiete von 255 Euro sollten wegen der Sanierung 63,73 Euro aufgeschlagen werden - fast 25 Prozent mehr. Schmidt war geschockt.

Ihre Wohnung ist eine von 12.000 Wohnungen, die die Deutsche Annington in den vergangenen drei Jahren saniert hat. Nach Angaben der Immobiliengruppe werden auf diese Weise 26.000 Tonnen Kohlendioxid pro Jahr eingespart. "Es kann eine attraktive Investition sein", sagt Jürgen Frech, Sprecher der Annington, die insgesamt 220.000 Wohnungen vermietet und verwaltet. "Eine energetische Sanierung steigert den Wert eines Hauses. Die Kosten können zum Teil auf die Mieter umgelegt werden." Aber auch für den Mieter sei eine Modernisierung attraktiv. Bei durchschnittlichem Heizungsverhalten könne ein durchschnittlicher Haushalt 37 bis 47 Euro im Monat sparen.

"In den allermeisten Fällen steigt die Miete"

Darüber kann Barbara Schmidt nur lachen. Sie zahlt gerade einmal 18 Euro für die Heizung in ihrer 58-Quadratmeter-Wohnung und etwa 38 Euro für Warmwasser. Noch weiß sie zwar nicht, wie viel Energie sie durch die Wärmedämmung einsparen wird, denn die Abrechnung hat sie noch nicht bekommen. Doch schon jetzt ist wohl absehbar, dass sie unterm Strich mehr zahlen muss.

Das Beispiel zeigt, dass eine energieeffiziente Sanierung nicht immer positive Konsequenzen für den Mieter hat. Im Gegenteil. "Es ist eher der Ausnahmefall, dass die Warmmiete nach einer energieeffizienten Sanierung gleich bleibt", sagt Ingrid Vogler vom Bundesverband deutscher Wohnungs- und Immobilienunternehmen (GdW). "In den allermeisten Fällen steigt sie."

Auch bei Maria und Detlef Kohlrausch, die nur wenige Meter von Barbara Schmidt entfernt wohnen, ist das so. Auch ihr Haus wurde saniert, auch sie sind sauer über die Mieterhöhung, die fast 24 Prozent der Kaltmiete beträgt. Detlef Kohlrausch ist 59 Jahre alt. Vor sieben Jahren zog er bei seiner Mutter Maria ein, weil sich die inzwischen 79-Jährige nicht mehr allein versorgen konnte. Der Einzelhandelskaufmann bekommt Hartz IV, die Mutter eine Rente. Sie spüren jeden Cent, der weniger im Portemonnaie bleibt. "Energieeffizienz ist ja eine gute Sache", sagt Detlef Kohlrausch. "Ich wäre auch bereit, dafür zu zahlen, aber 24 Prozent der Kaltmiete sind wirklich zu viel."

Energieeffiziente Siedlungen sollen bald die Norm sein

Barbara Schmidt und die Kohlrauschs wollten die Mieterhöhung nicht einfach hinnehmen und wandten sich an den Mieterbund. Dort erfuhren sie, dass der Vermieter nach Modernisierungsmaßnahmen wie Wärmedämmung die Grundmiete erhöhen darf - auch wenn sie dann über den Mietspiegel steigt. Maximal elf Prozent der Gesamtkosten kann er - anteilig für die Wohnung - auf die Jahresmiete aufschlagen. "Voraussetzung ist, dass das Mietobjekt durch die Sanierung verbessert wird", sagt Christian Vester vom Deutschen Mieterbund Dortmund.

Nach den Plänen der Bundesregierung sollen energieeffiziente Häuser wie die, in denen Schmidt und die Kohlrauschs wohnen, bald die Norm sein. Bis 2020 soll der Wärmebedarf von Gebäuden um 20 Prozent reduziert werden. Bis 2050 sollen es 80 Prozent sein. Mehr als 1,5 Milliarden Euro will der Staat in den kommenden zwei Jahren in Fördermaßnahmen pumpen. Die positiven Effekte für die Umwelt wären enorm: Etwa 40 Prozent des deutschen Endenergieverbrauchs und etwa ein Drittel der CO2-Emissionen werden durch Gebäude verursacht. Die Prognosen der halbstaatlichen Deutschen Energie-Agentur (Dena) klingen vielversprechend: Ihr zufolge kann eine hocheffiziente energetische Sanierung den Energieverbrauch um 85 Prozent senken.

Eine Studie des Instituts für Wirtschaftsforschung Halle (IWH) zeigt jedoch, dass die Realität anders aussieht. Die Forscher werteten den Energieverbrauch von 157.000 Mehrfamilienhäusern aus. Das Ergebnis: Anbieter mit kleineren Immobilienbeständen senken den Energieverbrauch nach einer energieeffizienten Sanierung nur zwischen 5,4 und 14,7 Prozent. Bei Anbietern mit größeren Immobilienbeständen sind es 17,6 bis 32,3 Prozent, weil sie bei der Sanierung Kostenvorteile haben. "Die Einsparungen sind bei weitem nicht so hoch, wie es von der Bundesregierung erwartet wird", sagt Claus Michelsen, der die Studie mit zwei weiteren Kollegen verfasst hat, zu stern.de.

Das liegt auch daran, dass die Bundesregierung verhältnismäßig wenig Geld in die Fördermaßnahmen steckt: Nur rund 1,5 Milliarden Euro will der Staat in den kommenden zwei Jahren für energieeffiziente Sanierungen ausgeben. Solarenergie wird mit weit mehr Geld gefördert, erzeugt aber nur knapp zwei Prozent der gesamten Energie.

So oder so wird Schmidt wahrscheinlich draufzahlen

Barbara Schmidt sitzt in ihrem Wohnzimmer und trinkt ein Glas Wasser. Sie trägt ein violettes Shirt und Birkenstock-Sandalen mit Blumen. Sie hat kurze braune Haare und eine Brille auf der Nase. Dass die Wohnung ihr solchen Ärger bescheren würde, hat sie nicht geahnt, als sie im Spätsommer 2009 von Bautzen nach Castrop-Rauxel zog. Alles habe so gut angefangen, erzählt sie. Die Wohnung in der kleinen ruhigen Siedlung fand sie schnell, endlich konnte sie näher bei ihrer Mutter wohnen. Einen Job, dachte die Bankangestellte, würde sie schnell finden. Doch sie irrte sich. Monat für Monat verstrich, keine Zusage, bis heute nicht. Sie lebt von Arbeitslosenhilfe. Die 63,73 Euro, die sie mehr zahlen soll, sind für sie viel Geld.

Immerhin hat Vester vom Deutschen Mieterbund ihr geraten, erst einmal nur 31,87 Euro des Aufschlags auf die Grundmiete zu bezahlen. Er will prüfen, ob der Vermieter auch gewöhnliche Instandhaltungskosten als Modernisierungsmaßnahmen deklariert haben könnte. "Ich halte die Aufschlüsselung für nicht nachvollziehbar", sagt er.

"Die soziale Dimension ist brisant"

Die Deutsche Annington beteuert jedoch auf Anfrage von stern.de, die Aufwendungen für Modernisierung und Instandhaltung seien korrekt ermittelt, sachgerecht bewertet und den Mietern transparent mitgeteilt worden.

Barbara Schmidt tröstet das wenig. Auch wenn sie am Ende tatsächlich einen geringeren Aufschlag überweisen müsste: Sie zahlt voraussichtlich so oder so mehr als zuvor. Nur noch bis zum 30. September bekommt sie Arbeitslosengeld, sie muss jeden Cent sparen. Einen Urlaub hat sie schon lange nicht mehr gemacht. Ob sie, wenn sie Hartz IV beantragen muss, in der Wohnung bleiben kann, ist fraglich. Sie ist zu groß und zu teuer, vor allem nach der Sanierung. Es ist nicht die einzige Mehrbelastung für Schmidt. Auch Strom wird in Zukunft teurer sein.

So wie Schmidt geht es vielen Bürgern mit geringen Einkommen. Sie werden es sich nicht leisten können, in einer energieeffizient sanierten Wohnung zu leben. Denn wenn sich die Modernisierung für den Hausbesitzer finanziell nicht lohnt, wälzt er die Kosten auf den Mieter ab. Branchenverbände fürchten, dass das die Kluft zwischen Arm und Reich verstärken könnte. "Die soziale Dimension ist brisant", sagt Vogler vom GdW. "Wenn sich über die Sanierung das Wohnen verteuert, führt das dazu, dass Menschen mit niedrigen Einkommen immer häufiger in unsanierten Gebäuden wohnen müssen."