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Afghanistan: Der Prothesenmacher von Kabul

Der Afghane Nadschmuddin Helal versteht viel von seiner Arbeit als Prothesenmacher: Er lebt selbst mit einem künstlichen Bein. In seiner Kabuler Werkstatt arbeiten nur Menschen, die ihren Job Helals "positiver Diskriminierung" verdanken.

Wer beim Kabuler Prothesen-Macher Nadschmuddin Helal arbeiten will, muss eines sein: behindert. "Wir nennen das positive Diskriminierung", beschreibt der Chef der mit 240 Beschäftigten größten Prothesen-Werkstatt Afghanistans seine Einstellungskriterien. 80 Prozent der Mitarbeiter des Orthopädie-Zentrums im Westen Kabuls sind Minen-Opfer. "Sie kennen die Probleme der Patienten, weil sie alles selber durchgemacht haben", sagt Helal.

Afghanistan ist eines der am stärksten verminten Länder der Welt. Schätzungen zufolge sind dort noch immer 100.000 Sprengsätze vergraben. Die meisten wurden während des etwa zehnjährigen Aufstandes gegen die sowjetischen Besatzer nach 1979 gelegt. Nach UN-Angaben werden im Schnitt zwei bis drei Afghanen pro Tag durch die Sprengsätze getötet oder verletzt. Nur in Kolumbien und Kambodscha gibt es jährlich mehr Minen-Opfer.

"Ich bin froh, hier zu arbeiten"

Viele Opfer werden durch das Rote-Kreuz-Zentrum in Kabul mit Prothesen und anderen Hilfsmitteln versorgt. Hier ist immer viel los. In einer der Werkstätten arbeitet Bas Mohammed an einer Beinbandage aus Edelstahl. Der ehemalige Soldat trägt selber Prothesen, weil eine Mine ihm 1989 beide Beine wegriss. "Ich bin froh, hier zu arbeiten", sagt der 43-Jährige. Anderen Behinderten helfen zu können, erfülle ihn mit Stolz.

Etwa 4000 Prothesen und mehr als doppelt so viele technische Hilfen wie Rückenkorsetts stellen Mohammed und seine Kollegen jährlich her. Künstliche Arme und Beine sowie spezielle Haken, die amputierte Hände ersetzen, zählen zum Standardangebot.

"Ich hoffe, dass sie mein Leben verändern"

Doch der Umgang mit Prothesen muss gelernt sein. Damit die Patienten nicht ins Stolpern geraten, stehen ihnen die Experten mit eigener Erfahrung bei den ersten Schritten und Griffen zur Seite. Für Abdul Nasser ist noch alles neu. Er sitzt in der Physiotherapie-Abteilung und reibt sich vor der Anprobe über seinen geröteten Beinstumpf. "Ich trage zum ersten Mal eine Prothese. Ich hoffe, dass sie mein Leben verändern wird", sagt der 22-jährige Student. Er verlor sein Bein vor vier Monaten, als er seine Ziegen über einen verminten Berghang trieb.

Neben Nasser bewegen sich bereits einige andere Männer auf künstlichen Beinen an gelben und roten Bodenmarkierungen entlang. Da Frauen in der afghanischen Gesellschaft weiterhin eine eher häusliche Rolle zugeordnet wird, sind weniger als ein Fünftel der Kunden weiblich. Ein Vorhang verdeckt die Sicht auf ihre Übungsfläche.

Auch Werkstattchef Helal besuchte das Zentrum beim ersten Mal als Patient. Eine in einem Flussbett vergrabene Mine zerfetzte beide Beine des heute 43-Jährigen. Mehr als 20 Jahre später erinnert er sich noch viel zu gut an den brennenden Schmerz, den er bei der Explosion fühlte. Aber auch ihm bringt die Arbeit Erleichterung. "Dass einige Amputierte zu uns gekrochen kommen, die Werkstatt aber wieder aufrecht verlassen, ist etwas ganz Besonderes für mich."

Simon Gardner/Reuters / Reuters