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Aldi-Juristen: Ihr gutes Recht zum Schnäppchenpreis

Anwälte gibt es viel zu viele. Wer dennoch Geld verdienen will, braucht eine besondere Idee - zum Beispiel einen Anwaltsshop.

Die typische Kanzlei hat ein Messingschild am Eingang, Möbel aus Mahagoni und dicke Teppiche. Die Anwälte tragen dunkle Anzüge, sprechen Fachchinesisch und verschicken teure Rechnungen. Manche Menschen schreckt das ab, sie trauen sich nicht hin mit ihrem Problem. So wie das Ehepaar, das gerade aus der Ecktür des Ladenlokals neben dem KaDeWe in Berlin tritt. "Wir wohnen ein paar Häuser weiter", sagt der Mann, "und da haben wir hier schnell mal reingeschaut und uns einen Tipp für eine notarielle Beglaubigung geholt - prima!"

Rechtsberatung zum Reinspazieren - das ist ein leicht zugänglicher neuer Typ von Kanzlei, den sich ein paar clevere Juristen haben einfallen lassen. "JuraXX" steht am Eckladen am Wittenbergplatz. Im Schaufenster hängt eine große Preisliste. Eine Erstberatung über Bußgeldverfahren, Familienrecht oder Wirtschaftsrecht kostet von 20 Euro bis - je nach Fall und Fach - 200 Euro. Die Tür steht weit offen, die Wände, Visitenkarten und Plakate sind in einem Grün gehalten, das an Apfelshampoo erinnert. Hinterm Tresen hört sich eine junge Rechtsanwaltsgehilfin das Anliegen der potenziellen Mandanten an und verweist sie je nach Rechtsgebiet weiter an einen der vier hier arbeitenden Anwälte: zwei Frauen, zwei Männer.

Die Situation der rund 120.000 Anwälte im Land ist schwierig

Da empfängt einen zum Beispiel Stefan von Zdunowski, 35, wenn man eine Frage zum Arbeitsrecht hat. Er hat nach seinem Jurastudium vier Jahre in einer Berliner Kanzlei gearbeitet und ist nun seit Eröffnung der Filiale in Berlin im Juni 2004 Partner der JuraXX-GmbH. Mit einem Gesellschafterdarlehen von ungefähr 50.000 Euro ist er als selbstständiger Anwalt und Partner in die GmbH eingestiegen; 60 weitere Partner gibt es deutschlandweit.

Eine Chance war das auch für ihn, denn die Situation der rund 127.000 Anwälte im Land ist schwierig: zu viele Juristen, zu wenige Mandanten, große Konkurrenz. Besonders junge, neue Kanzleien haben es schwer, sich zu etablieren. Eine Zeitlang hofften manche auf Rechtsberatung im Internet, doch die erwies sich nicht als besonders erfolgreich: "Es ist schwierig, einen Sachverhalt in einer Mail so komplex darzustellen, dass er dem Juristen genügt", sagt Oliver Kupper, Mitinitiator und Projektmanager der JuraXX-GmbH. Hier hat von Zdunowski momentan um die zwei bis drei Beratungsgespräche am Tag. Warum er mitmacht? Ihm gefiel die Idee der JuraXX-Gründer: hohe Preistransparenz, weg vom gediegenen Image, geringe Hemmschwellen und ein vernetztes Arbeiten der Anwälte untereinander.

Vorwurf: Preisdumping, Discount und unseriöse Methoden

Von Zdunoswki sagt "Juraks" und nicht Jura XX wie Jura XL - den Eindruck von Größenwahn wollen die Anwälte der Eugen Boss Rechtsanwaltsgesellschaft GmbH vermeiden. Zwar hat die Rechtsanwaltskette aus Dortmund bislang in zehn Städten Filialen eröffnet, und bis Ende 2006 sollen es 80 werden. Aber man möchte die Berufskollegen nicht noch mehr verschrecken. Da sprachen einige von Preisdumping, Discount und unseriösen Methoden. "Guten rechtlichen Rat" könne man nicht in Minuten abrechnen, sagte der Vorsitzende des Berliner Rechtsanwaltsvereins. Einige verklagten die GmbH wegen ihrer "zu niedrigen" Beratungspreise - vom einen Gericht bekamen sie Recht, vom anderen nicht. Und die Berliner Rechtsanwaltskammer fürchtete, dass "durch die örtlichen Gegebenheiten im Kaufhaus die Verschwiegenheitspflicht eines Anwaltes nicht mehr eingehalten" werden könne. Seither werden die Fenster abgeklebt.

"Die Kammern erinnern mich ein wenig an die Gewerkschaften", sagt Stefan von Zdunowski, "so wie die auch nur die Interessen der Arbeitsplatzbesitzer und nicht die der Arbeitslosen vertreten, vertritt die Kammer nur die alteingesessenen Kanzleien." Doch die konservative Zunft wird sich an das neue Konzept gewöhnen müssen. In Berlin-Kreuzberg haben drei junge Anwälte ein Ladenlokal gemietet, und die Hamburger Medienport AG verhandelt mit Kaufhäusern wie Karstadt oder Kaufhof über die Einrichtung so genannter Servicecenter Rechtsberatung. Bislang gibt es erst zwei.

Günstig und Grün läuft dagegen gut. Das Interesse an der Berliner JuraXX-Filiale ist höher, als die Anwälte gedacht hatten. "Bei uns", sagt Mitbegründer Kupper, "sind sogar die Tassen und die Klos grün."

Nataly Bleuel / print