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Arbeitsmarkt: Die "verlorene Generation" von Bleyen-Genschmar

Etwas Trauriges ist das Besondere an diesem Ort: mehr als die Hälfte der rund 600 Einwohner in Bleyen-Genschmar (Märkisch-Oderland), nämlich 56,7 Prozent, sind arbeitslos.

Vielleicht ist die Zahl in Deutschland trauriger Rekord, amtlich bestätigen kann das jedoch niemand: 57,6 Prozent, mehr als die Hälfte der rund 600 Einwohner in Bleyen- Genschmar (Märkisch-Oderland) sind arbeitslos. Selbst in Brandenburg mit einer Erwerbslosenquote von derzeit 20 Prozent ist die Gemeinde im Oderbruch nahe der polnischen Grenze ein Sonderfall.

Keine Aussicht auf Besserung

Im Gemeindezentrum kreisen alle Gespräche um dieses Thema. Die versammelten Einwohner gehören ausnahmslos der «verlorenen Generation» an, sind 40 bis 60 Jahre alt und arbeitsfähig, aber ohne Aussicht auf einen Job. «Nach der Wende noch jung und jetzt auf einmal zu alt», fasst es einer zusammen. Der größte Betrieb des Ortes ist gerade in die Insolvenz gegangen; etwa 25 Arbeitsplätze stehen in dem landwirtschaftlichen Unternehmen auf dem Spiel. Andere Arbeitgeber jenseits von Autowerkstatt und Fensterbau gibt es keine.

100 Euro Gewerbesteuer

Die Kommune stehe der Misere machtlos gegenüber, sagt Bürgermeister Heinz Wilke resigniert. «Wir haben eigentlich keine Möglichkeiten.» Eine Senkung der Gewerbesteuer könne kaum helfen: «Unser Gewerbesteueraufkommen im Jahr 2002 betrug 100 Euro.» Für mehr Beschäftigungs- und Weiterbildungsprogramme fehlt der Gemeinde das Geld. Bereits jetzt arbeiten 30 Menschen in Arbeitsbeschaffungs- (ABM) und Strukturanpassungsmaßnahmen (SAM).

Rückhalt in der Gemeinschaft

Diplom-Ingenieur Manfred Specht ist SAM-Kraft im «Kinderring», für den er Computer repariert. Eine feste Stelle wird für ihn kaum zu finden sein. Genschmar möchte er trotzdem nicht verlassen. «Ich bin hier geboren. Man hängt an dem Dorf.» Dessen Gemeinschaft mit Schützenverein, Angelclub und Heimatverein bietet den Menschen Rückhalt.

Fast ausgeglichener Haushalt

Im Gemeindehaus, das mit Kita und Kinderring der Dreh- und Angelpunkt des Ortes ist, sind die Wände frisch gestrichen. Hier gibt es einen Internet-Raum für die Jugendlichen, und die jüngsten Kinder lernen Polnisch. Die Feuerwehr ist im letzten Jahr Landesmeister geworden. Schließlich erweist sich der Ort in Finanzsachen als Musterknabe: «Der Haushalt ist immer noch einigermaßen ausgeglichen», stellt Bürgermeister Wilke fest.

Junge ziehen weg

Aber so wird es nicht mehr lange sein. «Das Schlimmste bei der ganzen Geschichte ist ja, dass die Jugendlichen in die alten Bundesländer ziehen», sagt Wilke. «Nur die Alten bleiben zurück.» Der 19-jährige David Krahl kann da nur zustimmen: «Dennis ist in München, der eine Stefan in Salzgitter, der andere Stefan am Bodensee». Er selbst hat in Berlin eine Lehrstelle als Tischler gefunden. Nach Genschmar zurückziehen will er nicht: «Hier ist ja nischt.»

Früher gab es Jobs in der Landwirtschaft

Die Genschmarer und Bleyener fühlen sich im Stich gelassen von der großen Politik. «Alle haben mal Hoffnung gehabt, aber nach zwölf Jahren?», fragt Wilke. Vor der Wende fanden alle Arbeit in der Landwirtschaft; seitdem ist nichts an ihre Stelle getreten. «Wenn die Entwicklung so weitergeht, dann haben wir hier bald Naturschutzgebiet», flachst das 69-jährige Gemeinde-Oberhaupt mit Galgenhumor. «Dann können unsere Jugendlichen zurückkommen und sich hier erholen.»

Tourismus soll helfen

Das Zauberwort heißt nun «Tourismus». Schließlich bietet der vom Preußenkönig Friedrich dem Großen vor rund 250 Jahren kultivierte Landstrich Einsamkeit und Natur pur. Aus dem einstigen Sumpfgebiet wurde später «Berlins Gemüsegarten», der vielerorts an küstennahes Marschenland erinnert. Das im Weltkrieg zerstörte Küstrin (Kostrzyn) auf polnischer Seite liegt zum Greifen nah.

Keine Urlauber ohner Infrastruktur

Der bodenständige Wilke sieht die Chancen, Erholungssuchende anzulocken, dennoch realistisch: «Vielleicht in zehn Jahren. Da muss von Bund und Land noch viel getan werden. Wenn die Infrastruktur nicht stimmt, kommt auch kein Urlauber.» Die Schornsteine am Horizont - einzige Abwechslung in der monotonen Landschaft - gehören zu einer Zellstofffabrik im nahe gelegenen Polen. Auf deutscher Seite ist nichts dergleichen in Sicht.

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