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Auszeichnug für Motorhersteller Torqueedo: Zwei Männer unter Strom

Die Firma Torqeedo baut die wohl besten elektrischen Bootsmotoren der Welt. Und das, obwohl sie erst vor drei Jahren aus der Taufe gehoben wurde. Ein Beispiel, wie aus einer verrückten Idee eine global agierende Firma werden kann.

Von Silke Gronwald

Da hat er nun schon ein Häuschen direkt am Starnberger See, eine blonde Frau, ein eigenes Boot und erntet trotzdem Spott. Manchmal ist das Leben ungerecht - selbst zu Erfolgstypen wie Christoph Ballin.

Rückblende: Der promovierte Betriebswirt hatte einen Arbeitskollegen zur Bootstour eingeladen. Das frisch restaurierte amerikanische Holzboot glitt sanft übers Wasser, die Alpen funkelten am Horizont. Und der Kollege? Witzelte nur über den elektrischen Außenbordmotor. "So lahm, damit kommen wir ja nicht mal aus dem Hafen. Die Technik stammt wohl noch aus der Vorkriegszeit." "So 'n Quatsch, der ist nagelneu", antwortete Ballin. "Aber trotzdem mies", nörgelte der Kollege, ein Elektrotechniker mit Doktortitel, "das kann man dreimal besser machen."

Vom Streitobjekt zum Welterfolg

Gesagt, getan. Der kleine Zwist auf dem Wasser war der Beginn einer wunderbaren Geschäftsbeziehung. Der etwas stillere Christoph Ballin und der etwas lautere Friedrich Böbel gründeten das Unternehmen Torqeedo. Ihr ehrgeiziges Ziel: Wir bauen die besten Elektroantriebe der Welt - schnell, leistungsstark und umweltfreundlich.

Heute, nur drei Jahre später, haben sie es geschafft. Die ersten Modelle der bis zu 6 PS starken Motoren werden in Serie produziert. Der Wirkungsgrad ist mehr als doppelt so hoch wie bei herkömmlichen Exemplaren. Und die Firma mit ihren 25 Mitarbeitern verkauft die Torqeedo-Aggregate in 37 Ländern - von den USA bis Finnland. Vor allem für Beiboote, für leichte Segel- und Motorboote sind die kleinen Maschinen ideal.

Noch einmal von vorn begonnen

Zwei Männer um die 40, die eine exzellente Konzernkarriere für etwas aufgaben, das anfangs kaum mehr zu sein schien als ein neues Wasserspielzeug für erwachsene Jungs. Beide verließen dafür das Management des Gartenartikelhersteller Gardena. Beide hatten in den Jahren davor ein paar schöne Karriereschritte in ihren Lebenslauf gesetzt: Ballin beriet bei McKinsey, Böbel forschte beim Fraunhofer Institut, werkelte als Vice President für Infineon und rührte die Geschäfte bei Müllermilch. Und nun fingen beide ganz von vorn an.

"Wir nahmen zwei Millionen Euro von unseren privaten Ersparnissen, und dann ging's los", erzählt Böbel, stellt die Kaffeetasse ab und wirft seinen durchtrainierten Körper in den mächtigen Kippsessel. Schwarze Schlieren an den weißen Wänden zeugen davon, dass er dabei auch gern mal gegen die Wand donnert. Typ Herkules eben.

Eine Firma zum austoben

Hier bei Torqeedo kann er sich ausleben. Kein Kompetenzgerangel zerrt an seinen Nerven. Dinge, die ihn bremsen könnten, räumt er aus dem Weg oder lässt sie ausräumen. Wie im Winter 2005: Der erste Prototyp musste unter Echtbedingungen getestet werden. Alles war bereit, das Messboot präpariert, die Instrumente geprüft, allein die Uferzone des Starnberger Sees war über Nacht zugefroren, 30 Meter weit. Böbel schnappte sich einen Praktikanten, drückte ihm eine Axt in die Hand, schnallte ihn vorn am Bug fest und rief: "Hacken."

Es braucht wohl schon einen wie Böbel, um die umweltfreundlichen, PS-schwachen Elektromotoren von ihrem Weichei-Image zu befreien. Die geringe Reichweite, die mäßige Leistung und der hohe Platzbedarf für die Batterien schreckten früher viele Bootsfreunde ab. Motorbootmachos fahren lieber mit Verbrennungsmotoren, mit konventionellen Außenbordern, die knattern, kleckern und stinken. Denn sie bringen das, was bei ihnen wirklich zählt: Geschwindigkeit. Doch die Zeit der großen Freiheit ist vorbei - auf immer mehr Gewässern werden die knatternden Ölschleudern verboten.

"Deutschlands Mittelstand ist weltklasse"

Die Marktlücke, in der sich Ballin und Böbel mit ihrer Idee breitmachen. Die beiden entwickelten neue Techniken und kombinierten sie mit den aktuellen Ergebnissen der industriellen Spitzenforschung. Die hohe Leistung der Torqeedo-Aggregate ist die Summe vieler kleiner Verbesserungen: Ein E-Motorenhersteller aus der Gegend lieferte das nötige Fertigungs-Know-how, bei einem anderen Mittelständler aus der Region besorgten sie sich die stärksten Batterien - moderne Lithium-Mangan-Zellen. Und sie übertrugen die aktuellen Erkenntnisse der Seeschifffahrt auf ihre Minipropeller und hoben so enorme Effizienzreserven. "Deutschlands Mittelstand ist weltklasse. Der kann in der internationalen Fertigung und Entwicklung ganz oben mithalten", sagt Ballin.

Schwierig war etwas ganz anderes: die Geldbeschaffung. Die zwei Millionen aus der eigenen Tasche waren schnell verbraucht. "Und Risikokapital für Start-ups gibt es hierzulande kaum", so Böbel. An private Investoren kommen junge Unternehmen nur über persönliche Kontakte.Die hatten die beiden noch aus ihrem früheren Leben." Aber für jüngere Gründer, ohne unsere Vita, sieht es oft traurig aus." Und die Entwicklungskosten sind hoch bei einem innovativen Produkt. Auch Böbel und Ballin müssen ständig an der Technik feilen. Noch treiben die Motoren nur relativ kleine Boote an. Im nächsten Jahr soll eine neue Variante speziell für Kajaks auf den Markt kommen. Für die richtigen Dickschiffe, für große Yachten und Segler fehlt den Motoren noch die Kraft. Noch.

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