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Gedenken zum 40. Jahrestag Oktoberfest-Attentäter handelte aus "rechtsextremistischer Motivation" – Steinmeier warnt vor Hass

Sehen Sie im Video: Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier spricht zum Gedenken an das Oktoberfest-Attentat 1980.


Beim Gedenken an die Opfer des Oktoberfest-Attentats 1980 hat Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier gesagt: "Wegschauen, meine Damen und Herren, ist nicht mehr erlaubt. Nicht nach dem Oktoberfestattentat, nicht nach dem NSU-Prozess, nicht nach den Drohschreiben von NSU 2.0, nicht nach den Waffenfunden und Feindeslisten sogenannter Prepper-Gruppen mit Verbindungen zu Reservisten der Bundeswehr und Angehörigen von Sicherheitsbehörden, nicht nach Aufdeckung einer rechtsextremen Chat-Gruppe innerhalb der Polizei in Nordrhein-Westfalen. Für mich ist klar: Alarmismus bringt uns nicht weiter. Aber Selbstberuhigung ist eine Gefahr." // "Feinde der Freiheit und der Demokratie dürfen in der Polizei nicht geduldet werden. Es muss jede Anstrengung unternommen werden, rechtsextreme Netzwerke zu enttarnen, wo es sie gibt. Die Polizeiführung und die politisch Verantwortlichen dürfen kein Klima dulden, in dem solche Netzwerke entstehen oder von anderen gedeckt werden."
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Vor 40 Jahren starben zwölf Menschen beim Münchner Oktoberfest, als der Student Gundolf Köhler eine Bombe zündete. Lange gingen die Ermittler von Prüfungsstress und Liebeskummer aus, heute wird das Motiv des damals 21-Jährigen ganz anders gesehen.

Überlebende des Oktoberfestattentats haben zum 40. Jahrestag eindrücklich ihre Geschichte geschildert und zum Kampf gegen Rechts aufgerufen. "Ich möchte endlich wieder auf einen Berg steigen, mit dem Rad um den Starnberger See fahren. Ich möchte einfach nur schmerzfrei drei Stunden durch den Tierpark marschieren oder beschwingt tanzen", sagte die 73-jährige Renate Martinez am Samstag bei einem Gedenken. Am allermeisten aber habe sie sich gewünscht, dass die Täter verurteilt werden "und im Knast landen, wo diese vielfachen Mörder längst hingehören". Solche Verbrechen dürften nie wieder geschehen.

Dimitrios Lagkadinos (57), der beide Beine verlor, mahnte: "Die Weltanschauung des Rechtsextremismus nährt sich aus Hass und Ausgrenzung und geht selten von Einzelnen aus, sondern ist organisiert und vernetzt."

Steinmeier fordert mehr Einsatz gegen Rechts

Erstmals nahm Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und damit ein deutsches Staatsoberhaupt an dem alljährlichen Gedenken auf der Theresienwiese teil. In seiner Ansprache forderte er ein konsequentes Vorgehen gegen rechtsextreme Netzwerke. "Die rechtsterroristischen Mordtaten der vergangenen Jahrzehnte waren nicht das Werk von Verwirrten", sagte er am Samstag in München. Die Täter seien vielmehr "in Netzwerke des Hasses und der Gewalt" eingebunden gewesen. "Diese Netzwerke müssen wir aufspüren. Wir müssen sie bekämpfen - noch entschiedener als bisher", forderte Steinmeier.

"Wir wissen: Rechtsextremistische Netzwerke existieren", sagte der Bundespräsident. "Die Mordserie des NSU hat Licht in diesen toten Winkel der Strafverfolgung gebracht." Hier sei zugleich deutlich geworden, dass "Ermittlungen ins Leere laufen, wenn sie nicht, wie es sein sollte, vorbehaltlos erfolgen". Das Gedenken an das Oktoberfestattentat müsse Anlass sein zum "Nachdenken über Fehler, Versäumnisse und blinde Flecken bei der Aufklärung rechtsextremistischer Anschläge in der Vergangenheit", forderte Steinmeier. Dazu gehöre die Frage, "ob es typische, sich wiederholende Defizite in der Strafverfolgung gab und möglicherweise noch immer gibt".

"Wegschauen ist nicht mehr erlaubt"

Steinmeier wies in seiner Rede laut Manuskript auch auf Vorkommnisse innerhalb der Polizeibehörden hin, etwa die jüngst aufgedeckte rechtsextreme Chatgruppe innerhalb der Polizei in Nordrhein-Westfalen. "Wegschauen ist nicht mehr erlaubt", sagte er mit Blick auf solche Fälle. Er vertraue der Polizei. "Feinde der Freiheit und der Demokratie" dürften allerdings in der Polizei nicht geduldet werden.

"Es muss jede Anstrengung unternommen werden, rechtsextreme Netzwerke zu enttarnen, wo es sie gibt. Die Polizeiführungen und die politisch Verantwortlichen dürfen kein Klima dulden, in dem sie entstehen und von anderen gedeckt werden können", betonte Steinmeier. Der Rechtsextremismus hat tiefe Wurzeln in unserer Gesellschaft", räumte der Bundespräsident zugleich ein. Die Erinnerung an die vielen "rechtsextremistischen Terrortaten und an die große Zahl ihrer Opfer" müsse einen angemessenen Platz im kollektiven Gedächtnis des Landes haben.

Vom traurigen Studenten zum Rechtsextremisten

Das Münchner Oktoberfest war am 26. September 1980 Ziel des schwersten rechtsextremistischen Anschlags in der Nachkriegsgeschichte. Der Attentäter Gundolf Köhler hatte am Haupteingang zum Festgelände in einem Abfallkorb eine Bombe abgelegt und gezündet. Neben dem Attentäter kamen zwölf Oktoberfestbesucher ums Leben, 221 Menschen wurden zum Teil schwer verletzt.

Ursprünglich nahmen die Ermittler an, Köhler habe den Anschlag als unter Prüfungsstress stehender Student mit Liebeskummer verübt. Inzwischen geht die Bundesanwaltschaft von einem rechtsextremistischen Motiv aus.

Die Bundesanwaltschaft hatte im Juli nach mehrjährigen neuen Ermittlungen die Tat neu eingeordnet und ausdrücklich festgestellt, dass Köhler aus rechtsextremistischer Motivation heraus handelte. Er habe die damalige Bundestagswahl beeinflussen wollen und sich einen Führerstaat nach dem Vorbild des Nationalsozialismus gewünscht. Zur Durchsetzung seiner demokratie- und verfassungsfeindlichen Einstellung habe er vor Gewaltanwendung nicht zurückgeschreckt.

1,2 Millionen für noch lebende Opfer

Dieses Jahr soll auch ein neuer Dokumentations-Ort unter freiem Himmel mit lebensgroßen Silhouetten und Video-Informationen eröffnet werden. Erst am Mittwoch hatten Bund, Land und Stadt München gemeinsam einen lange geforderten Opferfonds mit einem Volumen von 1,2 Millionen Euro auf den Weg gebracht. Mit dem Geld sollten "als Zeichen der Solidarität" Verletzte und Hinterbliebene unterstützt werden, die bis heute unter Beeinträchtigungen litten.

Opferanwalt Werner Dietrich, der die Ermittlungen 2014 in Gang gebracht hatte, mahnte eine schnelle verwaltungsmäßige Umsetzung an. Bei den Verletzten gehe es um rund 60 bis 100 Betroffene, die noch lebten und in Frage kämen. Sie seien bereits zwischen 60 und 90 Jahre

sve DPA AFP

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