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BDA-Chef Hundt: "Lohnforderungen sind gewaltig überzogen"

Die Wirtschaft brummt und die Arbeitnehmer fordern satte Zuschläge, wie der stern in seiner aktuellen Ausgabe berichtet. Deshalb verlangt die IG-Metall ein Plus von 6,5 Prozent. Dieter Hundt, Arbeitgeber-Funktionär und selbst Unternehmer, hält im stern.de-Interview dagegen.

Herr Hundt, sie sind nicht nur Funktionär sondern auch Unternehmer. Die Mitarbeiter ihrer Allgaier-Werke in Uhingen fordern mehr Lohn. Was halten Sie davon?

Dafür habe ich Verständnis. Aber nur, solange wir damit keine Arbeitsplätze gefährden.

Ab wie viel Prozent Lohnerhöhung wäre das der Fall?

Das kann ich so nicht sagen. Ich bin für differenzierte Lösungen, wir müssen in den Tarifverhandlungen eine Lösung finden, die auf die unterschied-liche Ertragslage der einzelnen Unternehmen Rücksicht nimmt. Wir haben bei den Automobilzulieferern und insbesondere im Werkzeugbau extreme Konkurrenz aus Osteuropa und Asien. Dort verdient ein Arbeiter etwa 15 Prozent des deutschen Durchschnittslohns, 350 statt 2500 Euro pro Monat.

Ist das die Basis für die kommende Tarifrunde?

Natürlich nicht. Die Produktivität und Qualität der Arbeit in Deutschland ist höher. Aber die anderen lernen schnell. Wir sind nicht achtmal besser.

Die Arbeitnehmer sagen, wir haben jahrelang geblutet, jetzt ist der Aufschwung da. Wir wollen unseren gerechten Anteil.

Die Arbeitnehmer in der Metall- und Elektroindustrie hatten in den letzten Jahren kräftige Lohnerhöhungen bekommen und 2006 sogar eine besonders hohe Reallohnsteigerung. Es stimmt, dass sich die wirtschaftliche Situation verbessert hat, aber längst nicht in allen Sparten und bei allen Firmen. Wir bei Allgaier zum Beispiel hatten voriges Jahr das unbefriedigenste Ergebnis seit Anfang der Neunziger Jahre.

Was erwarten Sie für dieses Jahr?

Gesamtwirtschaftlich eine leichte Abschwächung mit sehr unterschiedlichen Entwicklungen in den einzelnen Branchen. Für unsere Unternehmensgruppe hoffe ich, dass wir den Umsatz um mindestens fünf Prozent steigern können. Allerdings machen uns die enorm gestiegenen Stahlpreise zu schaffen.

Heißt das, bei Allgaier ist zur Zeit gar nix drin?

Wenn wir ein besseres Ergebnis erwirtschaften, können wir unsere Mitarbeiter am Ertrag beteiligen.

Die IG Metall fordert 6,5 Prozent für die Metall- und Elektrobranche. Was sagen Sie dazu?

Das ist gewaltig überzogen.

Mal angenommen, Sie wären Arbeitnehmer. Wie würden Sie mit Ihrem Vorgesetzen verhandeln?

Ich würde sagen: Chef, ich kämpfe darum, unsere Arbeitsplätze in Deutschland zu erhalten und dieses oder jenes Ziel zu erreichen. Wenn das klappt, will ich am Ertrag beteiligt werden.

Glauben Sie, dass Ihre Leute mit einem einmaligen Bonus zufrieden sind?

Das Wichtigste ist, dass wir unsere Arbeitsplätze sichern. Ein Zulieferer, der unter höchstem Wettbewerbsdruck steht, kann nicht gleich behandelt werden wie ein Konzern, der zwei Drittel seines Umsatzes im Ausland erzielt.

Ihr Betrieb wurde in den Achtziger Jahren zum letzten Mal bestreikt. Steht Ihnen in der kommenden Tarifrunde wieder so etwas ins Haus?

Arbeitskämpfe können wir uns in einer international vernetzten Wirtschaft nicht mehr leisten. Sie sind nicht mehr zeitgemäß. Wenn aber keine akzeptable Lö-sung am Verhandlungstisch gefunden wird, dann...

... könnte es auch dazu kommen?

... es darf auf keinen Fall eine Lösung geben, welche die Position der deutschen Wirtschaft im internationalen Wettbewerb schädigt und Arbeitsplätze kostet. Wir müssen uns von den alten Ritualen verab-schieden.

Das sagten Sie schon vor zehn Jahren. Warum gibt es bis heute keine Alternativen?

Differenzierte Abschlüsse* wären eine Alternative.

Interview: Ingrid Eißele

(* = Mit "Differenzierung" ist eine Lockerung der Tarifverträge gemeint. Das würde Firmen noch stärker als bisher erlauben, die Verträge ihrem aktuellen Geschäftserfolg anzupassen. Tarifverträge werden normalerweise für ganze Branchen ausgehandelt und sind dann für jeden einzelnen Betrieb gültig. Anm. d. Red.)