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Betriebsseelsorger in der Wirtschaftskrise: "Die nackte Angst geht um"

Die Wirtschaftskrise hat Deutschland fest im Griff. Die Unternehmen verlieren Aufträge und die Zahl der Kurzarbeiter steigt rasant. In ihrer Not wenden sich viele Menschen an Betriebsseelsorger wie Hartmut Zweigle, der für das Daimler-Werk in Sindelfingen zuständig ist. Im stern.de-Interview erzählt er, welche Ratschläge er gibt - und wo seine irdischen Grenzen liegen.

Herr Zweigle, der größte Arbeitgeber bei Ihnen, der Autokonzern Daimler, musste zum ersten Mal seit 13 Jahren Kurzarbeit anmelden. Haben Sie in Ihren 13 Jahren als Betriebsseelsorger so eine Wirtschaftskrise schon mal miterlebt?

Nein, deshalb ist sie eine große Herausforderung für mich. Zum Glück habe ich in den letzten Jahren einige Erfahrungen sammeln können, sonst hätte ich es schon sehr schwer, mit einer solchen Situation umzugehen

Kommen die Menschen jetzt in Scharen mit Ihren Sorgen zu Ihnen?

Die Gesprächsanfragen haben deutlich zugenommen seit Oktober. Nicht nur von Daimler-Mitarbeitern, auch aus anderen Branchen.

Sind die Gespräche anders als noch vor einem Jahr?

Sorgen um den Arbeitsplatz oder Probleme mit dem Chef hat immer jemand. Dieses Mal haben die Leute aber Angst, dass die Krise etwas Übermächtiges ist, das niemand im Griff hat, und das ein großer Teil unserer Wirtschaft zusammenbrechen könnte. Ich merke eine diffuse Angst bei den Menschen. Keiner weiß, wie sich die Krise entwickeln wird. Den Mitarbeitern von Daimler, dem größten Arbeitgeber bei uns, hilft das Verbot von Kündigungen bis 2012 etwas bei ihren Sorgen. Das ist psychologisch enorm wichtig. Aber bei den anderen Betrieben geht teilweise wirklich die nackte Angst um.

Und was fragen die Menschen dann ihren Pfarrer?

Viele fragen einfach nur: Herr Pfarrer, wie wird denn das alles werden?

Was antworten Sie?

Ich kann nicht einfach sagen: Es wird schon alles gut. Ich muss ehrlich bleiben und muss den Leuten sagen, dass ich es auch nicht weiß. Schließlich wissen selbst die Wirtschaftsexperten nicht, wie sich die Krise entwickelt.

Welchen Trost können Sie überhaupt spenden?

Natürlich kann ich zusammen mit den Menschen die nächsten Schritte überlegen. Etwa kann ich ihnen raten, sich bei Sorgen wegen Schulden an ihre Bank zu wenden. Oder ich kann mit ihnen über sinnvolle Weiterbildung nachdenken. Aber Zuhören ist das wichtigste, denn es gibt keine einfachen Lösungen in dieser Phase.

Fällt es Ihnen schwer, den Leuten nicht konkret helfen zu können?

Ein Stück Ratlosigkeit muss ich aushalten. Trotzdem kann ich den Menschen oft helfen, zu gestalten statt zu resignieren. Denn vielleicht entdecken die Leute eine Beschäftigung, ein Hobby neben der Arbeit, dass sie erfüllt und ihnen in dieser Situation hilft.

Warum sind Sie Betriebsseelsorger geworden?

Zur Finanzierung meines Theologie-Studiums habe ich bei vielen verschiedenen Betrieben gearbeitet, ich war am Fließband tätig oder als Postausträger. Schon damals habe ich mich gefragt, ob sich Theologie und Ökonomie, ob sich Religion und Wirtschaft verbinden lassen, ob man Brücken schlagen kann.

Wie ist die Antwort?

Es geht. Die Zeiten, in denen das pure Streben nach Profit vorherrschte, sind spätestens mit dem Beginn der Finanzkrise vorbei. Die Menschen besinnen sich zunehmend wieder auf andere Werte und es wird klar, dass sich Wirtschaft nicht ohne diese Werte betreiben lässt.

Welche Werte sind dies?

Der Mensch hat keinen Wert, sondern eine Würde. Darauf sollte man sich konzentrieren und nicht darauf, eine Rendite von 15 Prozent oder noch mehr anzustreben. Die Gier mancher Menschen war einfach zu groß.

Kritik an den Managern?

Nicht nur an den Managern. Die Spielregeln unserer Wirtschaft waren einfach falsch. Wir haben alles frei laufen lassen. Der freie Markt war eine Ersatzreligion.

Sind Sie gegen die freie Marktwirtschaft?

Nein, ich mag es auch lieber, wenn es drei Bäcker statt nur einem im Ort gibt. Aber es muss Begrenzungen des Marktes geben.

Erschüttert diese Krise die Menschen in ihren Grundfesten?

Alte Glaubenssätze wurden erschüttert. Etwa, dass der Markt alles regelt. Aber da halte ich es mit Klaus Wowereit: Und das ist gut so.

Sind Sie froh, dass die Finanzkrise diese Veränderungen verursacht hat?

Nein, froh bin ich natürlich nicht. Schließlich verlieren viele Menschen ihren Arbeitsplatz. Aber ich bin froh darüber, dass - übrigens nicht erst seit Anfang der Finanzkrise - darüber nachgedacht wird, wie unsere Wirtschaft ein menschlicheres Antlitz bekommen kann.

Interview: Malte Arnsperger
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