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Einwanderung in Großbritannien: Kritik an britischer Ministerin: Schlecht bezahlt bedeutet "gering qualifiziert"?

Großbritannien will neue Einwanderungsregeln einführen. Dazu gehört auch, dass ein bestimmtes Gehalt vorhanden sein muss – ansonsten gilt man als "gering qualifiziert". Diese Gleichsetzung verletzt Angehörige der betroffenen Berufsgruppen.

Erzieherin mit Kindern beim Essen

Zu den "gering qualifizierten" Berufsgruppen gehören unter anderem Erzieher – wegen ihrer schlechten Bezahlung

Getty Images

Großbritannien verschärft nach dem Brexit die Einwanderungsregeln: Nur noch die "Klügsten und Besten" sollen ins Land kommen, so die Pläne der britischen Regierung. Großbritannien setzt künftig stärker auf Fachkräfte aus dem Ausland und begrenzt dafür die Zahl gering qualifizierter Einwanderer. Wer nach Großbritannien darf, soll ab 2021 mit einem punkteorientierten Immigrationssystem nach australischem Vorbild ermittelt werden. Punkte gibt es unter anderem für Sprachkenntnisse, bereits vorliegende Job-Angebote oder eine gute Ausbildung.

Ein Knackpunkt ist auch das Gehalt. Wer mehr als 25.000 Pfund (fast 30.000 Euro) im Jahr verdient, bekommt 20 Punkte gutgeschrieben – 70 Punkte braucht man, um einwandern zu können. Jobs, die unter diesem Jahresgehalt liegen, hat Innenministerin Priti Patel kürzlich in einem Radiointerview als "gering qualifiziert" bezeichnet. Dafür erntet die Ministerin Kritik, denn viele Briten, die in diesen Berufen arbeiten, fühlen sich dadurch herabgesetzt.

Schlecht bezahlt ja, aber "gering qualifiziert"?

Mit der neuen Regelung, vor allem aber auch mit den Äußerungen der Innenministerin, werde "schlecht bezahlt" mit "gering qualifiziert" gleich behandelt, monieren sie. Dabei sei die Stellschraube, an der gedreht werden müsse, eher das zu niedrige Gehalt in vielen Branchen. Zu den Berufsgruppen, die unter der Gehaltsgrenze von 25.000 Pfund liegen, gehören laut einer Auflistung des "Independent" unter anderem Krankenpfleger, Erzieher, Bauarbeiter, Erntehelfer, Physiotherapeuten, Sanitäter und Zimmermädchen.

Bei Nacht sind nur die Konturen der Klippen von Dover zu sehen. Darauf die Projektion eines alten Mannes im Anzug

Auf Twitter beschweren sich Vertreter der genannten Berufe über die Aussage der Ministerin. Sie verweisen darauf, dass für ihre Jobs durchaus spezielle Kenntnisse nötig sind – und dass ihr Gehalt in vielen Fällen nicht die schwierigen Arbeitsbedingungen abbildet. "Ich bin Krankenpfleger. Anscheinend bin ich 'gering qualifiziert'. Immer wieder höre ich von Menschen, dass sie meinen Job nicht machen könnten", schreibt ein Mann auf Twitter. Er berate Patienten, unterstütze Erwachsene mit Lernschwierigkeiten und habe acht Jahre Berufserfahrung: "Wir sind so viel mehr als gering qualifiziert."

Eltern der Innenministerin hätten nicht einwandern können

Eine frühere Erzieherin schreibt, Erzieher seien "schlecht bezahlt und ausgebeutet – aber niemals gering qualifiziert". Innenministerin Priti Pratel spekuliert darauf, dass nach dem Brexit Briten und nicht Einwanderer diese Jobs übernehmen und so die Arbeitslosigkeit auf der Insel senken könnten. Kritiker verweisen darauf, dass beispielsweise unter den Erntehelfern bisher nur ein Prozent britische Staatsbürger seien. Sollte die geplante Regelung greifen, werde es bald kein Essen mehr geben.

Bislang ist die britische Wirtschaft stark auf billige Arbeitskräfte vor allem aus Osteuropa angewiesen, etwa in der Gastronomie und Pflege, auf Baustellen und eben in der Landwirtschaft. Auch die Familie der Innenministerin kam in den Sechzigern so aus Uganda nach Großbritannien. In einem Interview mit LBC Radio gab Priti Patel zu, dass ihre eigenen Eltern unter den Regeln, die ab dem 1. Januar 2021 gelten sollen, niemals hätten einwandern können. 

Quelle: "Independent" / "The New European"

epp