Burnout-Syndrom Stress im Talar


Kirchliche Feste wie Ostern oder Pfingsten sind für Pfarrer "Großkampftage". Doch auch in normalen Zeiten nimmt der Stress im Talar offensichtlich zu. Das Burnout-Syndrom ist bei Geistlichen keine Seltenheit mehr.

Das Burnout-Syndrom ist bei Geistlichen keine Seltenheit mehr, wie Andreas von Heyl herausgefunden hat. Für seine Habilitationsschrift an der Augustana-Hochschule in Neuendettelsau hat der Klinikseelsorger 282 Pfarrer in München und Nürnberg sowie den kleineren Dekanaten Weilheim und Windsbach schriftlich befragt. Außerdem hat er Fachleute, Vertreter der Kirchenleitung und unmittelbar Betroffene interviewt.

Für fast die Hälfte der befragten Pfarrer besteht demnach zumindest das Risiko, ein Burnout-Syndrom zu erleiden, knapp zwei Prozent sind daran erkrankt. Ein besonders eindringliches Beispiel ist ein Seelsorger aus Nürnberg, der heute wieder in seiner Pfarrei arbeitet und den Burnout am eigenen Leib durchlitten hat: «Ich konnte nachts nicht mehr länger als zwei Stunden schlafen, hatte Essstörungen, meine Ehe kriselte bis hin zum Auszug meiner Frau und der Kinder und schließlich der Scheidung», erzählt der 52-Jährige.

Eine Wochenarbeitszeit jenseits der 60 Stunden

Auch das Gebet als mögliche Quelle der Kraft versagte bei ihm. Er schildert, wie er nur noch gegen die Wände starrte und die Minuten zählte. "Es war nur noch ein Schrei nach Hilfe, sonst nichts mehr." Permanente Rufbereitschaft, ständig das Handy auf Empfang und keine Zeit mehr, das Erlebte und Erfahrene zu verarbeiten, ließen ihn bei seinem Amt als Notfallseelsorger ausbrennen.

"Es gibt keine einzelne Ursache, aber einige Faktoren, die zusammenkommen, zum Beispiel, dass man überhaupt keinen Erfolg der Arbeit sieht, dass man ein unendlich vielfältiges Arbeitsfeld hat, in dem man den ganzen Tag in den verschiedensten Rollen tätig sein muss und kaum Resonanz bekommt", erläutert Andreas von Heyl. Dazu kommen beim Pfarrer, der für Taufe, Beerdigung oder den Kinderfasching zur Verfügung stehen muss, die fehlende Privatsphäre, eine nicht eingegrenzte Arbeitszeit, das diffuse Berufsbild und eine Wochenarbeitszeit jenseits der 60 Stunden.

Auftanken im Haus "Respiratio"

Die Kirchenleitung hat das Problem erkannt. Vor zehn Jahren haben sich drei evangelische Landeskirchen in Süddeutschland zusammengetan und das Haus "Respiratio" in Unterfranken gegründet. Kirchliche Mitarbeiter, die sich ausgebrannt und leer fühlen, können dort auftanken.

"Das Schlimmste ist für einen Pfarrer, wenn er in Glaubenszweifel und geistliche Zweifel gerät, weil das das Fundament seiner Arbeit ist - bricht das weg, hängt er in der Luft", verdeutlicht von Heyl das Dilemma. Die Pfarrer erkennen meistens selbst, dass sie in ihrem Glauben und ihrer Spiritualität eine Kraftquelle hätten - doch wenn der Burnout da ist, dann ist es zu spät, sie zu nutzen, und es dauert oft Jahre, bis sich ein Mensch von dieser Verzweiflung erholt.


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