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Corona-Pandemie: Helfen und kassieren: Warum ausgerechnet Ärzte Kubas wichtigstes Exportgut sind

Kein Land hat eine größere Ärzte-Dichte als Kuba. Seit Jahrzehnten wird medizinisches Personal ins Ausland vermittelt – jetzt boomt das Geschäft. Brasiliens Präsident hat die kubanischen Mediziner nach Hause geschickt, andere Länder greifen dankbar zu.

Manche Länder exportieren Autos, in Kuba sind Ärzte und Pflegepersonal seit 60 Jahren ein wichtiges Exportgut. Der arme Inselstaat hat mehr Ärzte pro Kopf als jedes Industrieland.

Das Land führt die Liste der Länder nach Ärztedichte souverän an: 8,19 Ärzte kommen dort auf 1000 Einwohner. In Deutschland sind es mit 4,33 etwa die Hälfte. Ärmere Länder haben sehr viel geringere Werte, in Jamaika kommen nur 1,32 Ärzte auf 1000 Einwohner. Und auch diese Zahlen täuschen: Für die reiche Oberschicht steht auch in Entwicklungsländern häufig eine Versorgung auf europäischem Niveau bereit, der Rest der Bevölkerung muss daher mit einer sehr viel schlechteren Versorgung auskommen, als die Ärztedichte suggeriert.

Der Staat verdient

Kuba hat jedenfalls genug Mediziner. Die "Central Medical Collaboration Unit" schickt sie ins Ausland. Die Mediziner arbeiten nicht auf eigene Rechnung, sie werden von der Regierung entsandt. Das ist ein ganz anderes Modell als das, welches in der EU vorherrscht, in der die reichen Länder seit Jahren wenig solidarisch das medizinische Personal der ärmeren Länder importieren. Höhere Löhne plus Freizügigkeit von Arbeitnehmer führen zu dem fatalen Verlust von dringend benötigen Experten.

Allein im letzten Monat soll Kuba über 800 Mediziner in über 14 Länder verschickt haben. Am bekanntesten ist der Fall eines Feldlazaretts in Crema, 50 Kilometer von Mailand entfernt. Die Armee stellte das Behelfskrankenhaus auf, doch es fehlte das Personal. Da wandte sich der Innenminister der Lombardei an das Gesundheitsministerium in Kuba. Nur eine Woche später trafen 52 Pfleger per Flugzeug ein. Der Ruf der Helfer aus dem Inselstaat ist gut. Schon in der Ebola-Krise erwarben die kubanischen Teams internationales Ansehen.

In Portugal arbeiten seit 2009 kubanische Ärzte, jeder kostet 50.000 Euro im Jahr. Neben der Bezahlung profitiert Kuba auch von Vergünstigungen im Handel. Aus Venezuela bezieht Kuba billiges Öl als Austausch für 20.000 Mediziner. Doch genau lässt sich die "Central Medical Collaboration Unit" nicht in die Karten schauen. Es wird vermutet, dass arme Länder deutlich weniger als reiche bezahlen müssen.

Bolsonaro warf die Ärzte raus 

Laut "Economist" haben die Kubaner gerade jetzt einen extremen Überschuss an Ärzten. Viele linke Regierungen in Südamerika haben unlängst die Macht verloren, ihre Nachfolger schickten die Kubaner nach Hause – in Ländern wie Brasilien fehlen sie nun. Doch Havanna kann sie wieder entsenden.

Sprechstunde in Havanna.Kubas Ärzte und Pfleger haben im Ausland bei Krisen wie dem Ebola-Ausbruch in Afrika große Hilfe geleistet. Nun sind sie auch in Italien im Kampf gegen Corona dabei.

Sprechstunde in Havanna.Kubas Ärzte und Pfleger haben im Ausland bei Krisen wie dem Ebola-Ausbruch in Afrika große Hilfe geleistet. Nun sind sie auch in Italien im Kampf gegen Corona dabei.

Picture Alliance

Für Ärzte und Pfleger sind die Staatsdeals nicht ganz so attraktiv. Im Ausland beziehen sie ein gutes Gehalt, doch drei Viertel bleiben bei der Regierung. Da Unterkunft und Verpflegung gestellt werden, verdienen die Ärzte mit 300 bis 900 Dollar im Monat aber immer noch mehr als daheim. Dort bekommt ein Arzt ungerechnet etwa 70 US-Dollar im Monat. Für Ärzte bleibt die Verlockung, im Ausland einfach Asyl zu beantragen. Die Regierung versucht, so etwas zu verhindern, indem nur linientreue Kubaner ins Ausland kommen. Außerdem muss ihre Familie als Faustpfand im Land bleiben.

Die USA, die ihren Verbündeten einiges durchgehen lassen, stufen den kubanischen Ärzteexport als kriminellen Menschenhandel ein und bieten Ärzten, die sich absetzen wollen, Hilfe bei einer Neuansiedlung an.

Die medizinischen Dienstleistungen machen 46 Prozent der Exporte von Kuba aus, das sind dringend benötigte Devisen. In den Jahren von 2011 bis 2015 soll Kuba mehr als 11,5 Milliarden Dollar im Jahr am Ärzteexport verdient haben, vier Mal mehr als durch Tourismus.

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