HOME

E-MAIL AUS NEW YORK: Wiener Schnitzel gegen Heimweh

Ein deutsches Bier und ein Schnitzel können hier in New York ein Stückchen Heimat sein

A for Attention, B for Beware, C for Careful und D for Death hieß es früher über die nach Buchstaben benannten Avenues der Lower East Side von Manhattan. Die schlimmsten Jahre erlebte die sogenannte Alphabet-City in den achtziger Jahren. Das gesamte Viertel war eine einzige Drogenhöhle mit hoher Kriminalität.

Unvorstellbar wäre es damals gewesen, in dieser Gegend eine deutsche Kneipe zu eröffnen. Doch durch Giulianis radikale Aufräumpolitik mauserte sich das ehemalige »Un«-Viertel auf der Lower East Side in den Neunzigern zu einem der beliebtesten Wohngegenden für junge Leute. Die bezahlbaren Mieten zogen ein buntes, multikulturelles Publikum an. An jeder Ecke eröffneten kleine Cafés. Ausgefallene Boutiquen und schräge Second-Hand-Läden tauchten überall auf. Und nun schließlich ein deutscher Biergarten.

Vor ein paar Wochen erzählte mir mein deutscher Freund Karsten von dem Lokal Zum Schneider, einem bayrischen »Indoor«-Biergarten auf der Avenue C. »Ach du Schande«, dachte ich spontan, »so eine typische Touristenfalle.«

Der Standort verwunderte mich jedoch, denn die Lower East Side ist noch immer ein von Touristen weitgehend unerschlossenes Gebiet. Dieses »Schneider« wollte ich mir einmal genauer anschauen. Voller Vorurteile betrat ich den Laden, der ganz auf bayrisch macht: Blauweiße Fahnen dekorieren Wand und Decke, Holzstühle und -bänke erinnerten mich an meinen letzten Aufenthalt am Tegernsee, und aus den Boxen tönten »Neue Deutsche Welle«-Klassiker.

Nach meinem zweiten Weißbier, einem ausgezeichneten Wiener Schnitzel und einer gewonnenen Runde Tischfussball musste ich gestehen, dass ich mich im »Schneider« pudelwohl fühlte. Auch wenn mich zunächst diese bayrische Urigkeit in Manhattan etwas irritierte, stellte ich schnell fest, dass es genau das war, was die Atmosphäre ausmachte: die Authentizität.

Bleibt nur noch die Frage, wie so ein Laden in eine solche Gegend kommt. Eigentümer und Erfinder ist Sylvester Schneider - so klärt sich auch die Herkunft des Namens. Der gebürtige Bayer kam vor 12 Jahren nach New York und entschied sich letztes Jahr, seinen eigenen Biergarten aufzumachen. Auf meine Frage, was ihn denn dazu veranlasst habe, antwortete Sylvester ganz einfach: »Heimweh.«

Und ich kann ihn vollkommen verstehen. Das »Zum Schneider« ist ein kleines gemütliches Stück Heimat inmitten der New Yorker Anonymität. Nicht zuletzt durch Sylvester selber, der ständig anwesend ist. Und ab und zu ein deutsches Bier zu trinken, ist wahrhaft eine angenehme Abwechslung. Obendrein ist das Essen einfach »sauguat« - wie der Bayer sagen würde. Oder aber der Mexikaner, denn der kocht hier diese Köstlichkeiten.

Fortsetzung folgt...

Themen in diesem Artikel