E-MAIL AUS NEW YORK Zurück aus der Winterpause


Viel Zeit ist vergangen seit meiner letzten E-Mail. Viel Wasser ist seitdem den Hudson River herunter geflossen. Viele Momente der Freude, des Zweifelns und des Glücks habe ich erlebt.

Viel Zeit ist vergangen seit meiner letzten E-Mail. Viel Wasser ist seitdem den Hudson River herunter geflossen. Viele Momente der Freude, des Zweifelns und des Glücks habe ich erlebt.

Viele neue Menschen haben meinen Lebensweg gekreuzt. Viele lustige Abende habe ich durchlebt. Und einige wichtige Entscheidungen getroffen: Und ja, ich bin noch immer hier. In New York, meiner Stadt am Hudson.

Herzlichen Dank all denen, die sich nach meinem Wohlergehen und Verbleib erkundigt haben, und einen Gruß an all die, die mit leichtem Spott zwischen den Zeilen meinten, dass ich wohl doch aufgegeben hätte. Nein, ich habe das Handtuch nicht geschmissen, sondern bin noch immer hier. Und das mehr denn je.

Was geschah in den letzten drei Monaten?

Nachdem ich im September - genau neun Tage vor dem grausamen Unglück - bei der »Private Investment Company« angefangen hatte, stellte ich alsbald schweren Herzens fest, dass ich mich sehr an meinen faulen Lebensstil gewöhnt hatte. So glücklich ich auch war über meinen Job, so schwer fiel mir die Umstellung.

Die ersten Tage, an denen mein alter Reisewecker mich mit blechernem Geschrei aus den schönsten Träumen riss, waren unschön und ungewohnt. Schnell sehnte ich mich nach meiner verlorenen Freiheit. In den wenigen Momenten der Vernunft wurde mir aber sehr schnell bewusst, dass es nur eine Frage der Zeit war, bis mein Leben wieder geregelt verlaufen würde.

Ich hatte einen Job als Analystin bei einem »Hedge Fond«. Nine to five, 34-stöckiges Bürogebäude, schön klimatisiert. Die Firma erklärte sich bereit, mir mein Visum zu sponsorn, stellte mir ein zufriedenstellendes Gehalt in Aussicht und war überdies noch sehr sympathisch. Lauter Bilderbuchamerikaner zwischen 30 und 45 Jahren wurden meine neuen Kollegen. Was wollte ich mehr?

Was mich letztlich veranlasste, den Anwaltstermin Woche um Woche zu verschieben, kann ich nicht erklären. Einerseits freute ich mich unheimlich darauf, mein Dasein hier endlich zu legalisieren, andererseits beängstigte mich allerdings die feste Bindung an meinen Arbeitgeber. Für das Visum hätte ich mich nämlich für mindestens ein Jahr bei der Firma verpflichten müssen. Und irgendetwas in mir wehrte sich gegen diese Vorstellung. Nach einem langen inneren Kampf entschied ich mich schließlich dagegen, erklärte mich aber gern bereit, vorerst auch ohne Visum weiterzuarbeiten.

So hatte sich zwar zunächst eine Einkommensquelle aufgetan, jedoch nicht meine berufliche Zukunft geklärt. Die Suche ging also weiter...

Eines Tages kam ich dann schließlich auf die Idee, meine Schreibkünste auch anderen Medien aufzudrängen. Mittlerweile bin ich stolze Besitzerin eines internationalen Presseausweises, den ich auch gerne - ob gefragt oder ungefragt - bei jeglicher Gelegenheit vorzeige. Durch das Journalistenvisums habe ich eine Aufenthaltsgenehmigung für fünf Jahre - fünf lange Jahre!

Und so sieht man mich nun tagein tagaus mit Schreibblock und Kamera bewaffnet durch die Gassen ziehen und alle erdenklichen »New York-Geschichten« einfangen.

Fortsetzung folgt ...


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