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F. Behrendt: Der Guru der Gelassenheit Ich freu mich auf das "Weihnachten-in-Bullerbü-Gefühl"

Die Familienspieluhr mit den Engeln ohne Flügel genießt bei Behrendts Legendenstatus
Die Familienspieluhr mit den Engeln ohne Flügel genießt bei Behrendts Legendenstatus
© privat
Weihnachten steht vor der Tür und jeder hat seine ganz persönliche Vorstellung davon, wie dieses Fest gefeiert werden sollte. Frank Behrendt macht an den Festtagen seine digitalen Devices aus und genießt ein Gefühl, das Astrid Lindgren für ihn treffend beschrieben hat.

Die meisten Tage im Jahr schlafen drei kleine Holzengel mit lustigen Flechtzöpfen, aber inzwischen ohne Flügel, unter einer alten Holztanne gut eingepackt in der Weihnachtskiste. Sie drehen sich zu einem einfachen Musikstück, wenn man die Spieluhr aufzieht, langsam im Kreis und um die eigene Achse. Für kein Geld der Welt würde ich dieses Teil hergeben.

Seit ich denken kann, gehören die Figürchen zu Weihnachten. Früher bei meinen Großeltern in Hannover, dann im Haus meiner Eltern an der Nordseeküste, jetzt bei mir hier in Köln. Holly meine Jüngste, die schon als kleines Mädchen fasziniert von dem Klang und den putzigen Püppchen war, wird es garantiert später einst unter ihrem Tannenbaum aufstellen, wenn sie selbst mal eine Familie hat.

Diverse Umzüge hat das hölzerne Gerät überstanden, in einem Container reisten die Engelchen per Schiff gar nach Rio de Janeiro. Echte Weihnachtsbäume waren unterm Zuckerhut rar gesät, aber als wir in den 70ern in kurzen Hosen und weißen Poloshirts ins Weihnachtszimmer gerufen wurden, da lief die Spieluhr und wir spürten Heimat. 

Ich liebe Weihnachten. Und zwar so, wie ich es selbst als Kind kennengelernt habe. Alle ziehen sich festlich an, gemeinsam geht es in die Kirche zu einem Gottesdienst mit Krippenspiel. Ich selbst war einst als Josef mit riesigem Schlapphut im Einsatz, meine Kinder als Maria, Herbergsvater oder Hirten. Erinnerungen für die Ewigkeit.

Das Weihnachtszimmer ist vor der Bescherung für die Kinder tabu, wir Eltern packen – in diesem Jahr zu den Klängen von Robbie Williams' Christmas-Album – bis tief in die Nacht alle Geschenke ein. Dazu gibt's von Oma selbstgebackene Plätzchen, jedes Jahr für uns ein zauberhafter Moment der Zweisamkeit, den wir nicht missen möchten. Traditionell wird die Weihnachtsgeschichte vorgelesen. "Es begab sich aber zu der Zeit, dass ein Gebot von dem Kaiser Augustus ausging, dass alle Welt geschätzt würde…" Ich kann sie auswendig, so wie mein Vater und mein Großvater sie im Schlaf aufsagen konnten.

Als diesjährige familiäre Premiere gibt es von Holly zudem ein Weihnachtskonzert an ihrem weißen Klavier. Zur Erstkommunion hat sie es im Frühjahr als Gemeinschaftsgeschenk bekommen, seitdem übt sie voller Leidenschaft und wird uns ein Potpourri der schönsten Christmas-Klassiker präsentieren. Die Omas, die beide mit uns feiern, werden ein Tränchen verdrücken, vor Freude.

Andere glücklich machen

Dann gibt es die Bescherung unter dem mit jeder Menge Kerzen und roten Kugeln erleuchteten Weihnachtsbaum. Die Freude der Kinder zu erleben, wenn Wünsche wahr werden, macht mich immer ebenso sentimental wie happy. Ich bin dankbar, dass wir unseren Kindern viele ihrer materiellen Träume erfüllen können, aber es schmerzt mich auch daran zu denken, dass es vielen anderen nicht möglich ist.

Daher haben wir im Vorfeld wo wir konnten auch an andere gedacht. Den Weihnachtsbaum haben wir bei den netten Damen und Herren vom Kölner Lions Club Hanse gekauft. Besonders teuer durfte er sein, denn der Erlös geht unter anderem an die Kölner Frauenhäuser und unterstützt Kinder, aus alkohol- oder drogengeschädigten Familien. Von so manchem Wunschbaum, wie dem bei meinem Lieblings-Fußballverein MSV Duisburg, haben wir kleine Wunschzettel mitgenommen und Päckchen gepackt. Die Kinder waren mit Eifer dabei. Andere happy zu machen, macht auch sehr glücklich. 

Moderner Klassiker von Astrid Lindgren

Zu Weihnachten werden bei uns auch immer die Bücher und Hörspiele ausgepackt, die zu dieser besonderen Zeit passen. Unter anderem der Klassiker "Weihnachten in Bullerbü". Alle meine drei Kinder lieben die Geschichten von Astrid Lindgren. Die Erlebnisse von Lasse, Bosse, Ole, Lisa, Inga, Britta und der kleinen Kerstin haben immer noch etwas Magisches, ein Stück heile Welt. Sie spielen noch draußen, toben im Schnee, machen analogen Quatsch – Computerspiele, Tablets und Smartphones gab es damals noch nicht.

Trotzdem sind die Geschichten alles andere als unmodern, ich habe das gute Gefühl, dass die Botschaft, die dort vermittelt wird, den wahren Sinn von Weihnachten extrem gut trifft: Zeit zu haben, Zeit miteinander zu verbringen. Generationsübergreifend, mit Gesprächen, Spielen, Lesen, Lachen. Meine digitalen Devices schalte ich an diesen Tagen komplett aus, es gibt besondere Momente, die muss man digital nicht teilen und kein Tweet, Post oder Instafoto kann meine Weihnachtsgefühle auch nur im Ansatz vermitteln.

Und dann, spät am Abend, wenn alle Familienmitglieder friedlich in ihren Betten schlafen, werde ich nochmal ins Weihnachtszimmer schleichen und die Lichter am Baum anmachen. Dann ziehe ich die alte kleine Spieluhr auf, werde den kleinen flügellosen Engelchen bei ihrem Tanz zusehen und glücklich sein. So wie ich es immer war, als ich die Melodie zum ersten Mal in meinem Leben vor vielen Jahren an einem Heiligen Abend hörte.   


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