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Berufswahl Arbeitsalltag, Motivation, Gehalt: Janna Sehlmeyer, warum bist du Physiotherapeutin geworden?

Arbeitsalltag, Motivation, Gehalt: Janna Sehlmeyer, warum bist du Physiotherapeutin geworden?
Ein Foto vor der Tür des Krankenhauses, dann schnell wieder rein zu den Patientinnen und Patienten. Janna Sehlmeyer hat sich auch für die Physiotherapie entschieden, weil sie gerne eng mit Menschen zusammenarbeitet.
© Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf
Janna Sehlmeyer arbeitet seit sieben Jahren als Physiotherapeutin, vor einem Jahr wechselte sie auf die Intensivstation eines Hamburger Krankenhauses. Was gefällt ihr an ihrem Beruf? Und wem würde sie die Ausbildung empfehlen?

Im Universitätsklinikum in Hamburg-Eppendorf arbeitet Janna Sehlmeyer als Physiotherapeutin. Sie ist 31 Jahre alt und wollte nach dem Abitur etwas Praktisches machen. Ein Krankheitsfall in ihrer Familie brachte sie zu ihrem heutigen Beruf, für den sie von der niedersächsischen Küstenstadt Cuxhaven nach Hamburg zog. Ihre Arbeit mit Intensivpatienten ist herausfordernd, aber der Umgang mit Patienten macht sie glücklich. Dem stern hat sie erzählt, was sie an ihrem Beruf liebt und welche Herausforderungen im Alltag auf sie warten. 

Janna, du hast nach deiner Ausbildung sechs Jahre in einer Praxis gearbeitet und bist vor einem Jahr ins Krankenhaus gewechselt. Was gefällt dir besser?

Es ist beides sehr unterschiedlich. Im Moment bin ich auf der Intensivstation, das ist natürlich eine ganz andere Arbeit als in der Praxis. Was mich in der Praxis immer gestört hat, ist die Bürokratie. Die Arbeit mit den Rezepten nimmt viel Zeit in Anspruch, die man eigentlich lieber mit den Patienten verbringen würde. Zumal die Zeit generell knapp bemessen ist. 20 bis 30 Minuten sind festgelegt pro Behandlung – und da fällt alles mit rein. Der Patient muss ankommen, sich ausziehen, die PhysiotherapeutIn muss die Befunde im Anschluss dokumentieren. Das ist schon sehr knackig. Man wünscht sich einfach mehr Zeit am Patienten. Das ist im Krankenhaus anders, hier kann ich meine Zeit besser einteilen.

Die Stellen in Krankenhäusern sind sehr begehrt, das liegt unter anderem an der Bezahlung. In Praxen ist das Gehalt der Physiotherapeuten von der Heilmittelverordnung abhängig, also von den Krankenkassen. Da ist genau festgesetzt, wie viel ein Rezept wert ist. Am Ende kommt es dann auf die Einnahmen der Praxis und natürlich auf den Inhaber an, was der Therapeut schließlich verdient. In allen öffentlichen Krankenhäusern hingegen werden Physiotherapeuten nach einem festgelegten Tarif bezahlt, der in der Regel deutlich höher liegt.

Wie sieht dein Tagesablauf aus?

Ich komme im Krankenhaus an, zieh mich um. Dann treffen wir Kolleginnen und Kollegen von der Intensivstation uns und planen den Tag. Da wird zum Beispiel besprochen, wer auf welche Station geht. Auf der Station spreche ich mich dann mit den Ärztinnen und Ärzten ab, die mich auf den neuesten Stand bringen und mir erzählen, was in der Nacht passiert ist und was heute wichtig wird. Danach geht für mich die Arbeit mit den Patientinnen und Patienten los. Dabei ist es wichtig, mit ihnen zusammen Ziele zu setzen und auf die individuellen Wünsche einzugehen. Ich habe etwa 12 Patientinnen und Patienten an einem Tag – das ist nicht wenig, aber in der Praxis waren es mindestens 20.

Hast du manchmal Hemmungen, deine Patienten anzufassen – besonders wenn sie Schmerzen haben?

Ja, das hatte ich vor allem in der Ausbildung. Man ist den Menschen plötzlich sehr nahe, das kannte ich vorher nicht. Man darf in diesem Beruf keine Berührungsängste haben, oder sollte sie zumindest ablegen können. Ohne anfassen geht es nicht.

Was magst du an deinem Beruf?

Es macht mir großen Spaß, mit Menschen zusammenzuarbeiten und ihnen zu helfen, wieder in Bewegung und in die Selbstständigkeit zu kommen. Das Schöne an meiner Arbeit ist auch, dass man nicht nach strikten Mustern arbeitet, dass es kein festes Schema gibt. Jeder Mensch ist unterschiedlich, immer wieder muss man sich auf neue Situationen einstellen und kreative Lösungen finden.

Es klingt, als seist du recht frei in deiner Arbeit. Das setzt sicher auch viel Vertrauen auf Seiten des Patienten voraus.

Ja, Vertrauen ist ein wesentlicher Faktor in meinem Beruf. Wenn der Patient mir nicht vertraut, kann die Behandlung meiner Erfahrung nach nicht gut werden. Das muss natürlich erarbeitet werden. Es hilft, wenn man sich der Verantwortung bewusst ist, die man als Physiotherapeut hat.

Hat man als Physiotherapeut eine Vorbildfunktion?

Ich finde schon, dass Physiotherapeuten auch Vorbilder sind. Ich versuche gesund zu leben und regelmäßig Sport zu treiben – auch weil der Beruf eine gewisse Grundfitness voraussetzt, die Arbeit kann körperlich anstrengend sein. Wenn ich total unsportlich wäre, könnte ich meine Patientinnen und Patienten nicht gut therapieren.

Fällt es dir manchmal schwer, deine Patienten gehen zu lassen?

Ja, gerade hier auf der Intensivstation arbeitet man oft länger mit Patienten zusammen und begleitet sie während ihrer Fortschritte. Wenn sie dann auf eine andere Station, in ein anderes Krankenhaus verlegt oder nach Hause entlassen werden, weiß man als Physiotherapeut nicht, wie es bei ihnen weitergegangen ist. Ganz vereinzelt schicken Patientinnen und Patienten mal eine Karte und erzählen, wie es ihnen jetzt geht. Darüber freut man sich als Therapeutin natürlich sehr.

Was gefällt dir nicht an deinem Beruf?

Physiotherapeuten tragen ein hohes Maß an Verantwortung und leisten körperlich anstrengende Arbeit. Ich würde mir wünschen, dass der Beruf mehr Anerkennung findet. In öffentlichen Häusern oder in Unikliniken wird nach Tarif bezahlt, aber es bräuchte auch eine Aufwertung im Gehalt für alle Tätigkeitsfelder. 

Eine andere Sache ist die viele Bürokratie in meinem Beruf, besonders in der Praxis. Dadurch fehlt es leider oft an Zeit mit den Patientinnen und Patienten. In der Praxis könnten die Rezepte anders vergütet werden, sodass man einfach mehr Zeit mit den Menschen hat. Das ist es ja schließlich, weshalb man diesen Beruf ausüben will, weil man mit den Patientinnen und Patienten zusammenarbeiten und ihnen helfen will.

Ich möchte kurz auf den Aspekt der Würdigung zurückkommen. Glaubst du da ist eine Besserung in Sicht?

In der Öffentlichkeit ist es vor allem der Notstand in der Pflege, der gerade viel Aufmerksamkeit bekommt. Wir Physiotherapeuten gehen da etwas unter. Es gibt den Verband Physikalische Therapie (VPT), den deutschen Verband für Physiotherapie und die Therapeuten am Limit, die einiges für eine Besserung tun und immer wieder auf sich aufmerksam machen. Mit der Befreiung vom Schulgeld während der Ausbildung wurde bereits ein wichtiger Schritt getan. Auch die Forderung nach einer Vollakademisierung wird immer größer, aber ich würde mir wünschen, dass es insgesamt etwas schneller vorangeht.

Wie bist du zu deinem Beruf gekommen?

Ich glaube ich war 16, als ich zum ersten Mal selbst in physiotherapeutischer Behandlung war. Seitdem schwirrte der Beruf in meinem Kopf herum. Richtig ernst wurde es, als jemand in meiner Familie einen Schlaganfall erlitt und im Krankenhaus behandelt wurde. Da hatte ich zum zweiten Mal Kontakt zu Physiotherapeuten und war begeistert, wie sie meinem Familienmitglied wieder auf die Beine geholfen haben. Da wusste ich eigentlich, dass ich das auch können möchte.

Was war es genau, was dich an deren Arbeit damals so begeistert hat?

Mein Familienmitglied war damals kurzzeitig halbseitig gelähmt und trotz dieser dramatischen Lage haben die Physiotherapeuten mit so viel Leichtigkeit und Spaß mit ihm gearbeitet. Diese Möglichkeit, Mut zu schenken, hat mich sehr beeindruckt. Als Physiotherapeut kann man oft mit wenigen Mitteln sehr viel Einfluss auf das Wohlbefinden von Menschen nehmen.

Wie lange ging deine Ausbildung?

Meine Ausbildung ging drei Jahre. Ich war damals 19 Jahre alt, hatte gerade mein Abitur gemacht. Man kann Physiotherapie allerdings auch dual studieren, das Studium dauert dann sieben Semester und schließt mit dem Bachelor of Science ab.

Und musstest nach der Ausbildung viele Bewerbungen schreiben?

Mein Berufseinstieg war tatsächlich recht leicht. Ich habe drei Bewerbungen geschrieben und hatte drei Zusagen – also die freie Auswahl. Physiotherapeuten waren damals und sind immer noch absolut gefragt. Es gibt einfach viel zu wenige von uns. Deshalb appelliere ich auch an jeden, der Interesse an dem Beruf hat, sich damit auseinanderzusetzen. Es gibt leider viele Physiotherapeuten, die in andere Branchen abwandern. Ich glaube, das liegt vor allem an der fehlenden Anerkennung und sicherlich auch am Verdienst. Hinzu kommt, dass viele sich die Ausbildung nicht leisten können. Das ist schade.

Wer eignet sich zum Physiotherapeuten?

Am wichtigsten ist Empathie. Man sollte Interesse für die Bewegungen und die Funktionsweise des Körpers haben und vor allem Freude an der direkten Arbeit mit Menschen. Und, das hätte ich fast vergessen: man braucht Geduld.

Wird Empathie in der Ausbildung gelernt?

Es gibt in der Ausbildung verschiedene Praktika in verschiedenen Einrichtungen, da arbeitet man direkt am Patienten und – ohne dass man vielleicht viel darüber nachdenkt – schult man dort natürlich auch die Fähigkeit, sich in andere hineinzuversetzen.

Was verdient man als Berufseinsteiger?

Als ich nach meiner Ausbildung in der Praxis angefangen habe, das war 2010, da habe ich 1900 Euro brutto als Einstiegsgehalt bekommen. Ich glaube, bis heute hat sich da in den Praxen nicht viel getan, vielleicht sind es heute 2000 bis 2300 Euro brutto.

Für eine 40-Stunden-Woche? Das kommt mir sehr wenig vor.

Ja, das ist es auch.

Und wie ist es jetzt im Krankenhaus, verdienst du heute mehr?

In dem Krankenhaus, in dem ich arbeite, wird man nach festgelegten Tarifen bezahlt. Ein Physiotherapeut erhält als Einstiegsgehalt ungefähr 3000 Euro brutto. Das ist schon ein großer Unterschied. Der Tarifvertrag beinhaltet auch, dass man mit zunehmenden Berufsjahren automatisch Gehaltserhöhungen bekommt in festgelegten Abständen.

Hast du einen Rat für Berufseinsteiger? Für Menschen, die darüber nachdenken Physiotherapie zu lernen?

Ich rate allen dazu, erstmal ein Praktikum in der Physiotherapie zu machen. Dieses Reinschnuppern finde ich extrem wichtig, um sich zu orientieren. Nicht jeder ist dafür gemacht, Physiotherapeut oder Physiotherapeutin zu werden – es ist viel Verantwortung, körperlich anstrengend und manchmal auch psychisch belastend. Man kriegt eben viel mit von den Patienten, gerade wenn man sie länger betreut und sich ein gewisses Vertrauen aufbaut. Am Ende des Tages hat man natürlich mit kranken Menschen zu tun, denen es nicht gut geht.

Also begreifst du dich auch als Gesprächspartner deiner Patienten?

Es ist wichtig, den Patientinnen und Patienten zuzuhören und Fragen zu stellen. Das ist ein wesentlicher Teil meiner Arbeit. Schon in der Ausbildung gibt es Fächer wie Psychologie, in denen man darauf vorbereitet wird, sich immer wieder auf neue Menschen einzustellen, sie zu verstehen und einen Draht zu ihnen aufzubauen. Das ist auch notwendig, um gut behandeln zu können. 

Nimmst du deinen Beruf auch manchmal mit nach Hause, weil dich bestimmte Schicksale besonders ergriffen haben?

Ich versuche, es nicht zu tun. Aber natürlich gibt es auch Situationen, in denen man Zuhause noch über eine Patientin oder einen Patienten nachdenkt und sich nochmal mit ihm auseinandersetzt. Aber ich versuche immer, diese Gedanken auch schnell wieder wegzuschieben – das muss man lernen mit den Jahren.

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