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Rat vom Jobcoach "Irgendwie passe ich auf der Arbeit nicht richtig rein. Wie viel Verbiegen muss sein?"

Wo verläuft die Grenze zwischen Anpassen und Verbiegen?
Wo verläuft die Grenze zwischen Anpassen und Verbiegen?
© PeopleImages / Getty Images
Die Kollegen stehen auf merkwürdige Witze, pflegen einen anderen Dresscode und haben eine ganz andere Arbeitseinstellung. Muss ich da mitmachen oder kann ich meiner Persönlichkeit treu bleiben?
Von Ragnhild Struss

Frage: Irgendwie passe ich auf meiner Arbeit nicht so richtig rein. Meine Kollegen reden ständig über Fußball oder machen Flachwitze, alle schieben eher "Dienst nach Vorschrift", statt Projekte schnell voranzutreiben, und in dem konservativen Dresscode finde ich mich auch nicht wieder. Da ich aktuell öfter im Homeoffice arbeite, ist letzteres zum Glück gerade nicht so relevant, doch die anderen Aspekte bleiben. Langsam habe ich das Gefühl, gar nicht mehr ich selbst sein zu können. Wie viel Verbiegen muss bei der Arbeit sein?

Wir alle spielen Rollen. Die nach außen hin gezeigte Einstellung eines Menschen – das, was wir andere sehen lassen wollen – bezeichnen Psychologen als "Persona", eine Art Maske, die unserer sozialen Anpassung dient. Was nicht heißt, dass sie nicht auch mit unserem Selbstbild identisch sein kann oder sogar sollte. Denn eine solche Übereinstimmung von Selbstbild und nach außen gewandtem Image ist tatsächlich erstrebenswert: Dann fühlen wir uns wohl, weil wir uns nicht verstellen müssen, wirken authentisch und echt und erwecken Vertrauen bei anderen. Stimmen unser Auftreten und unser wahres Wesen überein, spürt das unser Gegenüber: Es ergeben sich keine Widersprüche. Das weckt Vertrauen, während die Diskrepanz von Persona und tatsächlicher Persönlichkeit bei anderen als eine gewisse Unaufrichtigkeit rüberkommen kann. 

Ragnhild Struss, 41, hilft Menschen dabei, ihre innere Stimme zur Autorität zu machen. In ihrem Unternehmen "Struss & Claussen Personal Development" entwickelt sie Karrierewege, die nicht zwangsweise "nach oben" führen, sondern zu sich selbst – ob in der Kfz-Werkstatt oder im Konzern. Mit Toni Knows hat sie eine Web-Applikation auf den Markt gebracht, die Abiturient*innen auf Basis einer fundierten Persönlichkeitsanalyse passgenaue Studien- und Berufsempfehlungen bietet.
Ragnhild Struss, 41, hilft Menschen dabei, ihre innere Stimme zur Autorität zu machen. In ihrem Unternehmen "Struss & Claussen Personal Development" entwickelt sie Karrierewege, die nicht zwangsweise "nach oben" führen, sondern zu sich selbst – ob in der Kfz-Werkstatt oder im Konzern. Mit Toni Knows hat sie eine Web-Applikation auf den Markt gebracht, die Abiturient*innen auf Basis einer fundierten Persönlichkeitsanalyse passgenaue Studien- und Berufsempfehlungen bietet.
© Florian Janssen / Hersteller

Komplette Authentizität gibt es nicht

Abgesehen von diesem Ideal der Gleichheit von Wesenskern und Persona, welches niemals zu 100 Prozent erfüllt sein wird, gibt es verschiedene soziale Rollen, in denen wir uns nachvollziehbarerweise angepasst verhalten. So werden wir uns zuhause auf der Couch anders benehmen als im Meeting mit dem Chef, mit den eigenen Eltern auf eine Weise sprechen und mit einem Fremden in der Bahn auf eine andere. Eine gewisse Anpassung ist gut und sinnvoll, da wir uns zum Beispiel mit dem angemessenen Kommunikationsstil auf Personen und Situationen einstellen können und die Beziehungsqualität somit verbessern. Dies sollte aber nicht so weit gehen, dass man sich um der Harmonie willen komplett verstellt.

Sie haben drei Bereiche angesprochen, die wir exemplarisch betrachten wollen: das Verhältnis zu den Arbeitskollegen, die Arbeit selbst bzw. die im Unternehmen vorherrschende Arbeitsmoral und Arbeitsbedingungen sowie der Dresscode. Auf jeder dieser Ebenen lassen sich unterschiedliche Kriterien betrachten, wonach zu entscheiden ist, ab wann Sie sich gegebenenfalls zu stark anpassen. 

Bei den Kollegen hilft Toleranz weiter

Bei der Arbeit oder in einem Team kommen häufig sehr unterschiedliche Charaktere zusammen. Im Gegensatz zum privaten Freundeskreis kann man sich dabei nicht aussuchen, mit wem man viel Zeit verbringen muss. Es hilft entsprechend bereits, sich klarzumachen, dass man mit den Kollegen nicht zwingend befreundet sein muss, sondern lediglich einen Weg finden sollte, gemeinsam produktiv arbeiten zu können. Auch sollte man sich bewusst machen, dass sich die verschiedenen Persönlichkeiten gewinnbringend ergänzen und dass selbst vermeintlich nervige Charakterzüge anderer einen sinnvollen Baustein im Teamwork darstellen können. Vor allem bei gemeinsamen Aufgaben sollte man sich daher in Geduld mit den Eigenarten anderer üben oder das offene Gespräch mit einem Kollegen suchen, sollte es wiederholt zu Missverständnissen und Störungen im Arbeitsablauf kommen. Lenken Sie den Blick aufs Positive: Was können die anderen, was Ihnen vielleicht schwerfällt?

Was den "privaten" Umgang mit den Kollegen betrifft – ob Smalltalk in der Kaffeeküche oder gemeinsame Pausentreffen über Zoom –, sind Sie zu nichts gezwungen: Verbringen Sie Ihre Mittagspausen so, wie es Ihnen guttut, und verabschieden Sie sich zum Beispiel mit dem Hinweis auf Ihren hohen Workload rechtzeitig aus für Sie unangenehmen Konversationen, bevor Sie völlig entnervt sind. Im Homeoffice dürfte dies auch weniger problematisch sein, da Sie dort vermutlich ohnehin mehr alleine arbeiten. 

Arbeitsstil und -kultur sollten zur Persönlichkeit passen

Sie schreiben, dass Sie sich an der Arbeitsmentalität Ihrer Kollegen stören und dass Ihnen das Arbeitstempo zu langsam sei. Grundlegend gibt es immer interindividuelle Unterschiede, was die Aspekte der Art des Arbeitens betrifft – und gleichzeitig können verschiedene Arbeitsstile Vorteile bieten. Die Fragen, die Sie sich stellen sollten, lauten: Ist es möglich, auf die für Sie passende Weise zu arbeiten, um am effektivsten und motiviertesten Leistung zu erbringen? Oder wird erwartet, dass Sie sich an für Sie ungeeignete Vorgehensweisen anpassen? In einem Gespräch mit Ihrem Vorgesetzten können Sie vermitteln, dass der Ihrer Persönlichkeit entsprechende Arbeitsstil nicht nur für Sie mehr Zufriedenheit, sondern vor allem mehr Effizienz für das Unternehmen bietet, weil Sie so produktiver sind.

Geht es Ihnen hingegen um noch Grundlegenderes bei Ihrem Störgefühl, zum Beispiel um die allgemeine Unternehmenskultur oder die in der Firmenvision enthaltenen Wertvorstellungen? Dann lohnt es sich genauer hinzusehen – und zwar auch in Bezug auf Ihre eigenen Wünsche. Fragen Sie sich: Wie sieht meine ideale Arbeitsumgebung aus, mit welchen Menschen arbeite ich und auf welche Weise? Und ganz wichtig: Welche Werte sind mir in Bezug auf Arbeit wichtig – zum Beispiel Nachhaltigkeit, Wettbewerb oder Spaß, Unabhängigkeit, Gemeinschaft, Leistung oder Berechenbarkeit? Bemerken Sie bei dieser Reflexion unüberbrückbare Diskrepanzen zwischen Ihrem Anspruch und dem Status Quo in Ihrem Job, lohnt es sich, einen Jobwechsel in Erwägung zu ziehen. Denn wer langfristig nicht in Kongruenz zu seinen Werten arbeitet, wird entweder unglücklich oder krank. 

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Wie viel Flexibilität besteht beim Dresscode?

Auch wenn Sie dank Homeoffice aktuell weniger mit diesem Problem konfrontiert sind, ein paar Gedanken zu diesem Thema. Kleiderordnungen haben eine lange Tradition: Berufsbekleidung wie eine Uniform dient zum Beispiel dazu, Mitarbeiter bereits optisch zu identifizieren, zum Beispiel Kellner, Stewardessen oder Polizisten. Sehr häufig ist der Dresscode auch einfach an das angestrebte Image und die Corporate Identity eines Unternehmens angepasst und wird je nach Strenge seiner Regeln mit Begriffen wie "Business Formal" oder "Business Casual" bezeichnet. Der Arbeitgeber kann im Rahmen seines Direktionsrechts ausführliche Vorgaben zur Kleiderordnung machen und einzelne Kleidungsstücke auch verbieten. Grundlegend sollten Sie sich also schon an den Dresscode in Ihrem Unternehmen halten.

In der Praxis fällt das Ganze jedoch meist weniger rigide aus: Nicht nur werden heute allgemein die Dresscodes bei den meisten Unternehmen immer lockerer – es gibt zudem einen gewissen Spielraum, innerhalb dessen Sie eine Kleiderordnung auf Ihre Bedürfnisse anpassen können. So besteht die Möglichkeit, elegante Outfits durch etwas gewagtere Farben abwechslungsreicher zu gestalten oder schicke Kleidung aus komfortablen Materialien zu wählen, die einen höheren Tragekomfort als die Klassiker Anzug und Kostüm bieten. Testen Sie ruhig selbst – vorsichtig – die Grenzen des in Ihrem Unternehmen vorgeschriebenen Dresscodes aus, sobald Sie wieder vermehrt im Office arbeiten, oder fragen Sie ganz offen Ihren Vorgesetzten, welche Abweichungen tolerierbar sind. Unumstößlichen Regeln müssen Sie sich wohl oder übel fügen. Fühlen Sie sich komplett verkleidet, kann dies auch ein Indiz dafür sein, dass der gesamte Arbeitskontext möglicherweise nicht zu Ihnen passt.

Die richtige Balance finden

Sie sollten sich bei Ihrer Arbeit keinesfalls so fühlen, als müssen Sie Ihre Persönlichkeit morgens an der Garderobe abgeben und abends erst wieder mit ihr nach Hause gehen. Eine Schnittmenge aus Ihrem privaten und Ihrem beruflichen Selbst sollte unbedingt vorhanden sein. Wer sich nachhaltig unwohl bei der Arbeit fühlt, der ist nicht am richtigen Platz. Und den gibt es für jeden, Sie sollten ihn mit Mut und Disziplin suchen. Gleichzeitig zeigt eine gewisse Anpassung an Kultur und Gepflogenheiten Ihres Arbeitgebers Ihren Willen zur Integration und Ihr Tragen der Unternehmenswerte. Sie machen damit also einen guten Eindruck und gliedern sich auch besser in Ihren Kollegenkreis ein. Wo die Grenze zwischen Integrieren und Verbiegen verläuft, können Sie nur selbst entscheiden – jeder Mensch hat dabei ein individuell anderes Empfinden. Machen Sie sich aber unbedingt klar: Sie haben mehr Freiheit, Ihren Job und Arbeitgeber zu wählen, als Ihnen vielleicht bewusst ist.


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