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Konzept: Bier aus der Tüte

Ob hell oder dunkel, Bock oder Pils: Ein Brauer aus Bayern liefert den gerstensaft als Granulat. Das Zeug schmeckt nicht nur, es ist auch komplett alkoholfrei. Nun hofft er vor allem auf den islamischen Markt.

Wer seine Erfindung "Pulver" nennt, hat bei Gerhard Kamil ganz schlechte Karten. Selbst schöne Erinnerungen an die 50er Jahre, als böse Buben der Oma heimlich Brausepulver in das Nachtgeschirr streuten oder es eine Liebesprobe war, der Freundin mit Spucke aufgeschäumte Trockenlimo in der flachen Hand zu kredenzen, retten die Situation nicht. Fast schon bedrohlich zieht der 45-jährige Unternehmer aus Bergkirchen in Oberbayern die Augenbrauen hoch und erzählt von einem geharnischten Brief, den jeder "mindestens" bekommt, der seine Idee profan Brausepulver nennt.

Das sei nämlich "schon aus patentrechtlichen Gründen Granulat" - ein weißes bis milchkaffeefarbenes "Schüttgut". So viel Zeit muss sein, denn es geht schließlich nicht um irgendein Erfrischungsgetränk. Es geht um Bier in Tüten: Wird das Granulat mit Wasser und Kohlendioxyd versetzt, entsteht daraus alkoholfreier Gerstensaft, der im Gegensatz zu den handelsüblichen "Alkoholfreien" keinen Restalkohol hat. Wenn zusätzlich Bierhefe beigemischt wird, ist sogar ganz normales alkoholhaltiges Bier möglich. Mit der dazugehörigen Firma Granmalt GmbH hat Kamil den Deutschen Gründerpreis 2005 in der Kategorie Konzept gewonnen.

Auf den ersten Blick

klingt das ein bisschen wie eine Idee von Daniel Düsentrieb aus Entenhausen. Und so wie Onkel Dagobert seinen ersten goldenen Taler bewahrt Gerhard Kamil seine ersten Trockenbierkrümel hinter Glas auf - als Mahnung an eine Zukunft, die "konservativ gerechnet" in den kommenden fünf Jahren einen Umsatz von 60 Millionen Euro verspricht. Das Potenzial verleitet zum Träumen: Würden zehn Prozent der in Deutschland verarbeiteten Braugerste nach Kamils Methode verarbeitet werden, käme er auf einen Umsatz von zwei Milliarden Euro. Ernsthaft rechnet er mit "der Marktführerschaft auf dem Weltmarkt für diesen neuen Rohstoff".

Der Mann weiß, wovon er redet. Gerhard Kamil lernte nach dem Abitur in einer ländlichen Klosterbrauerei Mälzer und Brauer, weil er das Geschäft "von der Pike auf" kennen wollte und es da noch 200 Jahre alte Fässer gab, in die er kriechen musste, um sie zu scheuern. Er studierte Brauwesen an der Technischen Universität München, weil Bier "eine Wissenschaft ist", und Wirtschaftswissenschaften in Pforzheim, weil Bier verkauft werden muss, bevor es getrunken wird. Später hat er für international agierende Brauereien und Getränkehersteller als Anlagenbauer und Verkaufsmanager gearbeitet.

Vor vier Jahren besuchte er ein Unternehmen in Österreich, das mit der "Wirbelschichttechnik" Backhefe mit Sauerteig "granulierte". In der Pharmaindustrie gibt es dieses spezielle Trocknungsverfahren schon lange. Für Kamil war es ein Schlüsselerlebnis: "Wow, dachte ich mir: Wenn das geht, muss Bier auch gehen."

Die Idee, dem Bier

das Wasser zu entziehen, ist nicht besonders neu. Bereits im Jahre 1870 experimentierten Münchner Brauereien mit Trockenbier, indem sie ihr Produkt so lange erhitzten, bis das Wasser verkocht war. Das Ergebnis waren größere Brocken, der so genannte "Bierstein", der zu einem schwer löslichen, staubigen Pulver zermahlen wurde und - mit Wasser versetzt - ein derart grauenhaftes Gesöff ergab, dass es nicht mal den Preußen verkauft werden konnte. Ähnlich verliefen Versuche mit der modernen "Sprühtrocknung".

Mit der Wirbelschichttechnik, die Kamil weiterentwickelte und 2004 zum Patent angemeldet hat, änderte sich das grundlegend. Nichts geht mehr verloren. Das wieder erweckte Bier schäumt wie gewohnt, selbst die im "verkochten" Wasser ursprünglich enthaltenen Mineralien bleiben erhalten - mit dem schönen Nebeneffekt, dass zur Aufbereitung des Granulats destilliertes Wasser verwendet werden kann. Die führenden Bierdimpfl haben auch längst ihren Segen gegeben. Bei insgesamt 150 Blindverkostungen auf der internationalen Brau- und Getränkemesse "Brau Beviale" in Nürnberg erkannten nicht einmal Fachleute, dass sie reproduziertes Bier tranken. Schaum und Geschmack - alles perfekt.

Tatsächlich steckt in dem bräunlichen Granulat alles drin, was ein Bier braucht, und es erfüllt sogar das aus dem Jahr 1516 stammende Reinheitsgebot. Der Rohstoff wird produziert wie seit vielen Jahrhunderten üblich - bis zur "Stammwürze", dem letzten Zwischenprodukt vor der alkoholischen Gärung. Diese Stammwürze wird getrocknet und - wieder mit Wasser aufbereitet - zum absolut alkoholfreien Ursprungsprodukt, egal, ob dunkel, hell, Weizen, Pils oder Bock. Die null Promille machen Kamils Erfindung besonders für den islamischen Markt interessant. Da stecke "ein immenses Potenzial".

Im Mai vergangenen Jahres wurde die Granmalt GmbH gegründet. Inzwischen liegen Patentanmeldungen für Europa, die USA, Kanada, Australien, Indien, China und Japan vor - das sind etwa 70 Prozent des Weltmarkts für Bier. Eine erste Bestellung über 300 Tonnen in den Nahen Osten ist fast in trockenen Tüchern. Und der Iran sei "sehr interessiert".

An der Stammwürze

mangelt es auch nicht: Die Lieferanten, angeblich namhafte Brauereien, ziehen es allerdings vor, anonym zu bleiben und ihr Produkt in neutralen Tankwagen beim "Granulator" anzuliefern. Es könnte nämlich dem bodenständigen Image schaden, Produzent von Trockenbier zu sein.

Bier aus der Streudose, da ist sich der doppelt diplomierte Brauer sicher, wird es deshalb etwa auf dem Oktoberfest nie geben. Obwohl: Bei Preisen von mehr als sieben Euro pro Wiesn-Maß ist die Alternative verlockend. Drei bis vier Euro kostet ein Kilo Trockenbier - das macht etwa vier Cent pro Flasche. Und Kamil will auch in kleinen Mengen liefern und 0das "Home Brewing" fördern - die kleine Brauerei am heimischen Herd.

Rupp Doinet / print