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Landarzt: Kaum noch Nachwuchs

Der deutsche Landarzt droht auszusterben, denn junge Mediziner meiden das flache Land und gehen lieber in große Städte.

Wenn sich der TV-Arzt Walter Plathe mitten in der Nacht begeistert auf den Weg zu einem kranken Patienten macht, ist die Fernseh-Welt noch in Ordnung. Doch die Wirklichkeit sieht anders aus: Der deutsche Landarzt droht auszusterben. Denn die jungen Mediziner meiden das flache Land. "Sie gehen lieber in die großen Städte", sagt der Sprecher der Kassenärztlichen Vereinigung Schleswig-Holstein (KV), Robert Quentin.

Besonders in den neuen Bundesländern ist es nach einer Studie der Kassenärztlichen Bundesvereinigung "bereits fünf nach zwölf". Dort wird in den nächsten Jahren knapp ein Drittel aller Hausärzte in den Ruhestand gehen. Für sie sei bislang kaum Nachwuchs in Sicht, erläutert Lars Friebel von der Bundesärztekammer in Berlin (BÄK). Dabei hat der drohende Ärztemangel nach seinen Angaben an Dynamik zugenommen.

So wachsen die «weißen Flecken» auf der Landkarte der medizinischen Versorgung auch in Schleswig-Holstein. Im nördlichsten Bundesland droht der Landbevölkerung in vielen Kreisen die medizinische Unterversorgung. Nach Angaben der KV fehlen in den Kreisen Dithmarschen, Herzogtum Lauenburg, Pinneberg, Plön, Schleswig-Flensburg, Segeberg, Steinburg und Stormarn zur Zeit insgesamt 67 Hausärzte.

Auf dem platten Land versauern

Sogar in der beliebten Urlaubsregion Dithmarschen an der Nordsee finden pensionsreife Landärzte schon seit längerem keine Nachfolger mehr. Selbst das Argument, sich mit 1.000 oder mehr Patienten pro Quartal eine "goldene Nase" verdienen zu können, lockt niemanden hinter die Deiche. Diese Erfahrung hat jedenfalls Landarzt Jürgen Heitmann aus Wrohm gemacht. Seit über zwei Jahren sucht der Mediziner vergeblich einen Nachfolger für seine Praxis - obwohl die 750- Einwohner-Gemeinde ihrem neuen Arzt sogar "günstiges Bauland" verspricht.

Manche jungen Mediziner fürchten wohl, sie würden auf dem platten Land "versauern", vermutet der Büsumer Arzt Arno Lindemann. Und sie scheuen auch die harten Belastungen eines Landarztes. Denn neben dem täglichen Arbeits-Pensum in der Praxis stehen noch Hausbesuche bei Patienten auf dem Plan. Dazu kommen noch rund 20 Wochenend- und knapp 40 Nachtdienste. "Nicht zumutbar", meint Lindemann.

Medizinische Versorgung in einigen Gebieten ernstlich gefährdet

Im idyllischen Nordseebad Büsum fällt der Ärztemangel besonders ins Auge. Dort muss sich Lindemann mit seinen fünf Kollegen nicht nur um die medizinische Versorgung der 6.900 Einwohner kümmern. Das Sextett ist auch zuständig für die Bewohner des Umlandes. Und für die «Wehwehchen» der jährlich mehr als 150.000 Touristen. "Wir hatten in der vergangenen Saison rund 1,5 Millionen Übernachtungen", sagt Maike Otto vom Büsumer Kur und Tourismus Service.

Besonders in der Urlaubszeit bedeutet das für die Patienten in Büsum zum Teil stundenlange Wartezeiten in den überfüllten Praxen. Und für die praktizierenden Mediziner eine erhöhte Arbeitsbelastung, so Lindemann. So entscheiden sich immer mehr Medizinstudenten gegen den Beruf am Patienten. "Sie suchen sich attraktivere Alternativen, die ein höheres Einkommen und bessere Arbeitsbedingungen versprechen", warnt BÄK-Präsident Jörg-Dietrich Hoppe.

Setzt sich der alarmierende Trend bei den Landärzten fort, ist die medizinische Versorgung in einigen Gebieten Deutschlands ernstlich gefährdet: Dort müssten Patienten selbst bei leichteren Erkrankungen zur kostenintensiven Behandlung ins Krankenhaus gehen.

Wolfgang Runge, dpa