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L. Karasek: Tippt die noch ganz richtig?: Mein Leben mit Diabetes: Wie viel Sünde ist noch okay?

Rechtsanwältin Laura Karasek will das Leben in vollen Zügen genießen - essen, trinken, rauchen. Daran hindert sie nur ihre Diabetes-Erkrankung. Wie viel Sünde darf man sich als chronisch Kranke erlauben?

Ich will jetzt leben. Ist das nur eine Ausrede für meine eigene Inkonsequenz, eine Beschönigung für Fahrlässigkeit?

Ich will jetzt leben. Ist das nur eine Ausrede für meine eigene Inkonsequenz, eine Beschönigung für Fahrlässigkeit?

Seit ich 13 Jahre alt bin, habe ich Diabetes. Ich kann mich an ein Leben ohne die Krankheit (oder, wie mein Arzt sagt: die Kondition) nicht mehr erinnern. Ich weiß nicht mehr, was es bedeutet, sich keine Gedanken über Essen und über den Tod zu machen. Wobei ich als Kind schon dauernd ans Sterben gedacht habe. Ans Essen nicht.

Ich war als Kind und auch als Teenager ziemlich dünn. Manche meinten, ich sei magersüchtig, knochig, drogenabhängig. Ich hatte ständig Durst und meine Blase war der Albtraum für jeden Mitfahrer bei Langstreckenautotouren. Damals ahnte ich noch nicht, dass mein Körper nur versuchte, den überschüssigen Zucker im Blut irgendwie loszuwerden, mich auszuspülen, schwapp. Gegen den Durst trank ich Apfelsaft. In dem war viel Zucker. Also bekam mein Körper noch mehr Durst und versuchte, die Welle mit der Welle fortzuschwemmen. Kein Tsunami. Nur Tsucker.

Ich war als Kind schon irgendwie "zuckerkrank". Ich liebte Süßigkeiten und hasste normales Essen. Stundenlang stocherte ich im Hackfleisch herum, schob Portionen von links nach rechts, weil mir der volle Teller peinlich war. Vielleicht schon ein Anzeichen für die sich anbahnende, bald ausbrechende Krankheit. Plötzlich war ich die mit Diabetes. Die mit den Spritzen. Die Jungs fanden die Nadeln interessant. Manche wollten, dass ich sie spritzte. Ich war etwas Besonderes. Auch, wenn das Besondere an mir nichts Erstrebenswertes war.

Meine Werte waren schlecht. Ich hatte keine Lust auf Verzicht und ebenso wenig Lust auf Selbstkontrolle. Immer gab es in meinem Leben die Versuchung des Verbotenen. Ich liebte Zucker mit Hingabe, mit schlechtem Gewissen. Oft aß ich heimlich. Ich bemogelte mich, ich schummelte. Manchmal ging ich als Studentin sogar auf die Uni-Toilette, und sperrte mich dort ein, um zu essen. Ich leugnete die Krankheit, ich leugnete, überhaupt etwas gegessen zu haben. Und es gab schließlich auch keine Zeugen für meine Völlerei hinter verriegelten Klotüren.

Aber was hatte ich mit all den anderen Kranken, mit all den Essgestörten und Autoimmunen gemeinsam? Die Entscheidung. Die ewige Frage nach Risiko oder Sicherheit, nach Genuss oder Gesundheit. Was ist also richtig: das disziplinierte, kontrollierte Leben – oder das Leben in Saus und Braus mit schlechten Werten, aber guten Gefühlen? Bei mir überwog stets die Selbstlüge, die Lebenslust, das Laster.

Die Krankheit ist schmerzfrei - bis sie dich erlegt. Aber das tut das Leben sowieso.

Reden wir Kranken uns ein, dass es schon "gut gehen" wird, wie ein Mann, der aus dem Hochhaus springt und während des Fallens noch denkt "bisher ist alles gut gegangen"?

Die Krankheit lebt auf Kredit, auf Pump, sie ist schmerzfrei – bis sie Dich irgendwann erlegt. Aber das tut das Leben sowieso.

Manchmal denke ich, ich sollte der Krankheit dankbar sein. Denn sie hat mich zu dem gemacht, was ich bin. Sie hat mich gejagt, wach gehalten, mir meine Endlichkeit und Vergänglichkeit stets vor Augen geführt. Ich war nie unverwundbar. Aber ich war auch stets ungenügsam.

Ich will jetzt leben. Ist das nur eine Ausrede für meine eigene Inkonsequenz, eine Beschönigung für Fahrlässigkeit? "Wenigstens lebe ich! Ich lasse nichts aus!" Gibt es gute Blutwerte nur gegen gutes Benehmen? Fordert das gesundheitsbewusste, anständige Dasein immer auch ein bisschen Langeweile und Verbissenheit? Oder kann jemand auch cool, witzig und entspannt sein, der sich Sünden verbietet?

Ich wollte mir immer alles genehmigen. Bis der Arztbesuch Ernüchterung in meine Waghalsigkeit brachte.

Ja, Ärzte sind eigentlich unsere Helden. Aber für eine Dreißigjährige hocke ich definitiv zu oft in Wartezimmern. Und zu lang. So viele Kontrollen. Ich bin nicht pflegeleicht. Dagegen ist ein Bonsai-Garten oder ein Hamsterzirkus ein Kinderspiel... die brauchen weniger Zuwendung und Fürsorge. Warum muss man trotz eines festen Termins beim Arzt eigentlich immer mehr als 60 Minuten warten? Oder gilt das nur für Kassenpatienten? Wozu vergeben die überhaupt Termine, wenn das bloß ein willkürliches Zeitfenster ist, eine Art Telekom-Termin: "Ihr W-Lan wird zwischen 11 und 18 Uhr repariert." Und mein W-Körper wird auch repariert. Es gibt nur keine Ersatzteile. Vielleicht sollte man wie bei der Behörde einfach eine Nummer ziehen. Der Wasserspender ist leer. Die Praxis ist voll. Das Wartezimmer macht mich traurig, andere Diabetiker zeigen und zeichnen mir eine Zukunft, die nicht sehr rosig ist.

Ein Diabetiker ist irgendwie gelb im Gesicht und offenbar Dialyse-Patient. Ein anderer sitzt im Rollstuhl, hustet, hat mehrere Zehen amputiert. Gott – wie sieht so ein halber Fuß bloß am Strand aus? Nie wieder Sandalen, liebe Laura. Reiß Dich zusammen. Nie mehr auf Tischen tanzen. Nicht mal das verbissene Joggen bliebe Dir. Also mir. Zwei Füße in Highheels sind sexy – ein einzelner Fuß in einem Gesundheitsschuh ist weniger sexy. Der Mann fragt mich, ob ich ihn hinausschiebe, er will eine rauchen. Es sei "ja eh schon zu spät", sagt er und deutet auf seinen einen ganzen Fuß und den anderen mit nur zwei Zehen.

Auch im Krankenhaus bei den Schulungen trifft man andere Diabetiker. Manche haben noch krassere Essstörungen als ich. Sie spritzen sich wochenlang nicht und nehmen hohe Werte mit dramatischen Lang- und Kurzzeitwirkungen auf sich, nur um abzunehmen. Man wird dünn, wenn man ungesund ist. Ohne Insulin wird man ganz dünn.

Irgendwas Kaputtes findet sich bei jedem

Eine andere Frau in unserer Gruppe nahm die Krankheit sehr ernst. So ernst, dass sie seit der Diagnose vor fünf Jahren nie wieder auswärts gegessen hat! In keinem Restaurant. Nie. Wenn sie zu Freunden geht, nimmt sie ihre eigenen Portionen mit. Da weiß sie, was drin ist. Das hat sie abgewogen. Das kann sie berechnen. Ist das denn ein Leben?

Ich möchte essen, trinken und rauchen, wo, wann und was ich will!
Und ich möchte mein großes Blutbild nicht kennen! Ja, okay, ich stalke auf Facebook die neuen Freundinnen meiner Verflossenen – aber so viel Neugier hab ich dann doch nicht! Blutbild, Feindbild. Das große Blutbild kann deutlich schmerzhafter sein als die SMS deiner Nebenbuhlerin. Eine Art "großer Jahresrückblick", nur leider ohne Günther Jauch oder Markus Lanz.

Wollen Sie mal richtig schlechte Laune bekommen? Dann bitten Sie beim Arzt einfach um alle Werte ihres Körpers. Irgendwas Kaputtes lässt sich bei jedem finden!

Und ich Idiotin bitte neulich beim Arzt noch mit Nachdruck um das große Blutbild. "Können Sie meine Nieren- und Schilddrüsenwerte auch vom Labor testen lassen?", frage ich. Erst zögert der Doktor. Wir fangen eine Diskussion an. Warum muss man bei Ärzten eigentlich inzwischen um Laborwerte betteln? Manchmal komme ich mir wie ein Schmarotzer vor, nur weil ich meinen Blutdruck in Erfahrung bringen möchte. "Diese Untersuchung ist nicht nötig." Ich will ja kein neues iPhone und auch kein MRT zu einem Mückenstich oder meinen Fingernagel röntgen lassen – ich möchte lediglich wissen, ob meine Schilddrüse noch arbeitet. Ich bin auch kein Hypochonder. Also bettle ich – Dummerle – um das große Blutbild. Töricht. Denn dabei kommt raus, dass irgendwelche Werte mies sind. Man sollte es alles nicht wissen. Ich werde nie wieder in das Handy eines Mannes schauen und auch nie wieder nach dem großen Blutbild fragen! Als Kassenpatient habe ich gute Chancen, unwissend und unverletzt zu bleiben. DAK steht wohl auch für: Du Ahnungsloser Krüppel... Kassenleistung schützt vor Schmerz. Vielmehr: Kassennichtleistung. Der chronisch kranke Kassenpatient hat also durchaus seine eigene Firewall.

Ich begann, die Krankheit zu benutzen. Ich war krank, ich war besonders.

Ach, ich finde Kranksein so unsexy! Männer mit Schnupfen! Das konnte ich nie ernst nehmen. Und auch mich selbst konnte ich lange nicht ernst nehmen. Zwischen 13 und 25 habe ich nicht über meine Krankheit gesprochen. Ich konnte genauso schnell, hoch und lang wie alle anderen. Nur noch schneller, höher und länger und dabei noch rückwärts Karaoke singen. Dann habe ich angefangen, die Krankheit zu benutzen. Sie diente mir, ich konnte mit ihr erpressen und rechtfertigen, alles entschuldigen. Ich trug die weiße Weste der Verwundeten. Ich fühlte mich unangreifbar, unantastbar. Ich konnte, ich durfte, nein: Ich musste mich daneben benehmen! Ich war schließlich etwas Besonderes! Ich war krank. Ich wollte gerettet werden. Ich trieb Männer in den Wahnsinn. Ich ließ mir nichts bieten, nichts diktieren, mein Körper gegen mich, ich gegen alle.

Ja, es ist ein schmaler Grat zwischen Leichtsinn und Leichtigkeit. Für Menschen mit einer Immunschwäche oder Krankheit ist die Frage nach der richtigen Dosis oft eine große Herausforderung. Aber manchmal darf man auch unvernünftig sein.

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