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L. Karasek: Tippt die noch ganz richtig?: Verzettelt und verkalkt – das Problem mit der Ordnung

Die Rechtsanwältin Laura Karasek nimmt es sich jedes Mal aufs Neue vor: Ordnung schaffen. Rechnungen sortieren, Trennpappen benutzen und sich nicht ablenken lassen. Wie ihr das gelingt, hat sie aufgeschrieben.

Ordnung zu halten, ist nicht immer einfach. Wenn es da nicht so viele Ablenkungen geben würde ...

Ordnung zu halten, ist nicht immer einfach. Wenn es da nicht so viele Ablenkungen geben würde ...

Ich bewundere Menschen mit sortierten Leitz-Ordnern. Bei mir stehen sieben leere Leitz-Ordner im Regal. Für die Steuererklärungen der letzten sieben Jahre. Meine Rechnungen liegen in drei Kommoden, vier Schränken und in zwei verschiedenen Zimmern als Haufen oder als Papierknäuel, um das ein Haargummi gewickelt ist.

Immerhin habe ich mir neulich diese bunten Trennpappen gekauft – in hellrosa und hellgelb. Sollen vermutlich den motivierten Ordnungsfreaks mit ihren Pastelltönen gute Laune machen. Laura Ashley für Hefthasen. Frohe Ostern!

Heute habe ich mir freigenommen. Ich will also die erste Rechnung abheften. 2017 wird mein Leitz Jahr. Mir fällt also eine Arztrechnung in die Hände, die ich noch bezahlen muss. Um Zeit zu sparen, logge ich mich geschwind bei meinem online banking Konto ein. Dabei stelle ich nicht nur fest, dass ich im letzten Monat definitiv zu viel gegessen und getrunken und online geshoppt habe, sondern auch, dass mein Handyanbieter den Monatsbeitrag für Januar doppelt abgebucht hat. Ich rufe also kurzerhand bei der Hotline an. Um die kostbare Zeit an meinem freien Tag – ich habe extra Urlaub genommen – zu nutzen, suche ich in meinem Haufen (es handelt sich hierbei übrigens um denselben Haufen, in dem auch die Steuerrechnungen versammelt sind) die Fotos raus, die ich meiner Freundin noch von unserem gemeinsamen Sommerurlaub (2015!) schicken wollte.

Das Problem mit den Falten

Derweil weist die Stimme in meinem Handy mich darauf hin, dass nur noch zwölf Teilnehmer vor mir warten. Genug Zeit also, um die Fotos für Julia in einen Briefumschlag zu stecken. Ich wende mich erneut dem beeindruckenden Haufen aus Rechnungen und Fotos zu. Darin finde nur noch einen einzigen Umschlag – leider hat er eines dieser beknackten Plastikfenster. Bei Fotos eher unpraktisch. Jedes Mal ärgere ich mich über Umschläge mit diesem Fenster! Ein Fehlkauf. Nie habe ich Adresszeilen so aufgedruckt, dass sie in das Fenster passen. Ich bin schon froh, wenn ich das Papier richtig falten kann, dass sie in diese längsformatigen Umschläge passen. Drei Mal! Da hilft auch die goldene Mitte nix. Dritteln statt Halbieren. Falten ist nicht meine Stärke. Also Falten im Gesicht hab ich schon. Aber weder bei Servietten noch bei Falk Plänen gelingt mir ein hübsches Format (wie gut, dass ich im Zeitalter von Google Maps Auto fahre. Das war immer ein Kampf zwischen diesem Falk und mir. Verfalkt und verkalkt. Origami-Star werde ich definitiv nicht! Wieder ein geplatzter Traum...)

Zurück zum Briefumschlag mit Plastikfenster, da mein Zeitfenster sich langsam zu schließen begann. Position zehn in der Warteschlange!
Ich zerreiße also einhändig – die andere Hand hält das – ein Stück Papier, das ich auf die Rückseite der Fotos kleben kann, um dort ihre Adresse drauf zu schreiben. Ratsch! Hubsi! Das war eine weitere Rechnung, die ich noch nicht bezahlt hatte! Jetzt ist die IBAN nicht mehr lesbar.

"Es sind nur noch acht Teilnehmer vor Ihnen in der Warteschleife. Haben Sie noch einen kleinen Moment Geduld!"

Wie war nochmal Julias Hausnummer? Normalerweise würde ich Julia eine SMS schicken, aber mein neunter Platz in der Warteschleife ist mir einfach zu wertvoll (zu oft war ich als Kind auf dem vorletzten Platz bei Sportwettkämpfen. Ehrenurkunde? Kenne ich nur vom Hörensagen). Also gebe ich rasch Julias Straße bei street view ein und versuche, ihr Haus wiederzufinden. Leider sind fast alle Häuser in ihrer Straße geblockt und verschwommen! Wo sind die Datenschutzverletzer und Stalker, wenn man sie braucht?!


Alles im Kopf

Ich könnte ja schnell bei Julia durchklingeln und sie selbst nach ihrer Hausnummer fragen, andererseits bin ich inzwischen auf Platz 2 in der Warteschleife. Silbermedaille! Ich könnte ja noch mal schnell nach den Köpfen für meine elektrische Zahnbürste auf amazon suchen, während ich warte. Da brauche ich dringend neue! Und wann war eigentlich der letzte Zahnarztkontrolltermin? Da muss ich auch gleich anrufen, sobald ich die Handyrechnung reklamiert und Julia nach ihrer Hausnummer gefragt habe. Da war doch auch noch diese Arztrechnung- wo hatte ich die jetzt hingelegt. Also nicht vergessen: Handy, Julia, Zahnarzt! Merk ich mir. Easy. Alles im Kopf. A propos Kopf: welche Marke hat meine Zahnbürste noch mal? Nicht dass ich da die falschen Zahnbürstenköpfe bestelle? Oral B oder Philipps?

Gerade will ich ins Badezimmer gehen, da begrüßt mich die Dame am Telefon mit einer freundlichen Stimme. Ich schildere ihr meine Situation und sie fragt nach meinem Kundenkennwort. Tja. Da hatte ich doch mal eine Eselsbrücke. Meine Eselsbrücken funktionieren leider nicht immer: es war eine Band, die ich als Teenager gut fand. Backstreet Boys? Take That? Dr. Alban? Ach, da gab es auch Haddaway und Caught in the Act. Snap – das war sogar mein erstes Konzert... aber ich schweife ab. Wie war also diese Band? Sie hatte auf jeden Fall eine Zahl im Namen. Oder waren es mehrere?

Da fällt mir mein Kollege ein, der sein Passwort neulich dem Mitarbeiter der IT mitteilen musste, weil sein Computer komplett abgestürzt war. Peinlicherweise war es TITTEN3000.
"Ihr Kundenkennwort!" bittet die Dame nun etwas weniger freundlich.
Mir wird heiß. "Warten Sie!" Ich rattere alle Bands durch, die mir einfallen. "Wie hieß noch mal diese Gruppe, die Coco Jumbo gesungen hat?" frage ich die Dame.

"Wie bitte?" sagt die Telefonhotlinelady. Ich fange also an, das Lied zu singen. "Jajaja Coco Jumbo..." "Also ich muss Sie nun wirklich bitten, mir Ihr Kennwort mitzuteilen. Ansonsten warten weitere Kunden und Sie müssen erneut anrufen."

"Pet Shop Boys!" rufe ich verzweifelt.

Ich singe noch kurz "I saw the sign" von Ace of Base, als es Klack macht und die Hotline futsch ist. Von wegen Hotline. Coldline. Eiskalt.

Okay, vielleicht rufe ich doch erst einmal Julia an wegen der Hausnummer. Julia geht nicht ans Telefon. Mist. Dann probiere ich es eben bei ihrer Schwester Hannah.

Ein weiteres TO DO

Hannah erinnert mich daran, dass ich mir für Silvester ihr Fondue Set geliehen hatte. Sie bräuchte es zurück, da sie am Wochenende Gäste habe. Wo hatte ich das Fondue Set noch mal hingepackt? Silvester ist ja auch schon wieder fast ein Viertel Jahr her! Wie soll ich mich da erinnern! Ich verspreche ihr aber, das Set zu suchen und noch heute vorbeizubringen. Also ein weiteres TO DO für meine Liste. Nur nicht durcheinander kommen: erst das Kundenkennwort finden, den Handyanbieter anrufen, die Zahnbürstenköpfe bestellen (und vorher die Marke rausfinden), einen Termin beim Zahnarzt ausmachen, die andere Arztrechnung überweisen und in den Leitzordner heften, den Briefumschlag für Julia frankieren (wo hab ich noch mal meine Briefmarken? Und sind die nicht schon wieder teurer geworden?

Was nützt mir diese 65 Cent Marke vom letzten Jahr?), das Fondue Set suchen und zurückgeben.
Jetzt ruft Julia zurück. Ich sage Hannah, dass ich auflegen muss, weil Julia anklopft. Julia fragt mich, ob ich schon das Sammelgeschenk für Pauls Geburtstag organisiert hätte. Er wünsche sich einen Backpacker Rucksack für seine Weltreise. Ich setze mich sofort vor den Computer und recherchiere Backpacker Rucksäcke. 70 Minuten später habe ich mir diverse Hotels in Südafrika angesehen, aber noch keinen einzigen Backpacker Rucksack. Diese Werbebanner auf den Webseiten sind fatal! Der Rucksack führte mich direkt zu den besten Hotels Kapstadts und so nahm das Tripadvisor-Elend seinen Lauf. Dabei habe ich kaum noch Urlaubstage! Und warum? Na ja, weil ich meine Urlaubstage so verbringe: mit Fondue, Zahnbürstenkopf und Postleitzahl!

Für 2017 gebe ich mich geschlagen. Aber nächstes Jahr! Nächstes Jahr hefte ich meine Rechnungen ab und mache die Leitz-Ordner voll! Hieß nicht schon ein Werbeslogan: Leitz ist geil? Ich werde mir nie wieder ein Fondue Set ausleihen – ab jetzt gibt's Salat oder Käse Igel, wenn ich Gäste habe – und meine Passwörter und Kundenkennwörter werden alle einfach PASSWORT3000 lauten (ja, Sie können es gern testen!). Dann kann ich endlich in all die Hotels fahren, die ich während meiner stundenlangen Aufenthalte auf Reiseportalen schon angesehen habe.