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Warum es heute zu wenig Sehnsucht gibt

Wir planen viel zu viel und sind ungeduldig, findet Rechtsanwältin Laura Karasek. Es muss nicht alles sofort passieren. Manchmal ist es einfach schön, Sehnsucht zu empfinden. Und an etwas zu glauben, auch wenn es nicht unbedingt wahr ist.

Ein bisschen Sehnsucht und an etwas zu glauben, auch wenn es nicht wahr ist, tut manchmal einfach gut

Ein bisschen Sehnsucht und an etwas zu glauben, auch wenn es nicht wahr ist, tut manchmal einfach gut

Wann haben Sie zum letzten Mal gelogen? Es heißt, wenn man fragt, mit wie vielen Frauen sie geschlafen haben, müsse man die Zahl durch drei teilen – und wenn man Frauen fragt, müsse man die Zahl mit drei multiplizieren.

Oft lügen wir, um geliebt zu werden. Manchmal lügen wir, um jemanden ins Bett zu bekommen – und manchmal sogar, um sie wieder aus unserem Bett heraus zu kriegen. Ich habe einen Freund, der ein nächtliches Meeting erfunden hat, nur um mit seinem "One-night-stand" wieder sein eigenes Zuhause zu verlassen, in ein zu steigen, um den Block zu fahren (einmal im Kreis) und dann wieder vor seiner Haustür auszusteigen und sich allein ins Bett zu legen.

Aber ist jede Unwahrheit wirklich gleich schlimm? Oft flunkern wir auch deshalb, um unser Gegenüber zu schonen. Oder sogar uns selbst.

Ich erzähle mir auch gern selbst Sachen. Gute Sachen (manchmal tagsüber, häufiger jedoch im Rausch, im Suff, dann ist mein Leben fantastisch, chaka, "ich kann tanzen und singen" bis ich mich entweder selbst im Spiegel sehe und denke "Mist, so gut wie Du Dich grad gefühlt hast, siehst Du gar nicht aus." Das Gesicht ist asymmetrisch und rot gefleckt oder irgendwie schief, picasso-esk oder bis am nächsten Morgen das Video von meinem Gesang in irgendeiner whatsapp-Gruppe oder auf Facebook erscheint und ich lange lange kalt duschen muss, um die Hitze der Scham aus meinem Gesicht zu spülen) und ich erzähle mir auch gern das Schlechte (vor allem nachts, NACH dem Suff oder Rausch, bei Depris, bei Dunkelheit an Sonntagen). "Ich bin halt so und so..." Man kann sich seine eigene Wahrheit basteln. Und darin bin ich besser als ich es je mit Pappe, Schere und Papier war. Ich habe ab der 7. Klasse "Kunst" abgewählt und lieber Physik beibehalten. Das sagt wohl alles. Nachts kommen sie, die Zweifel und die Monster aller Makel. Ganz selten begegnen einem nachts auch – vermeintlich – geniale Einfälle, die jedoch am nächsten Morgen eher banal sind. Ich habe nachts auch schon einige Liebesgedichte im Kopf geschrieben. Am nächsten Morgen war aber nur eine Metapher übrig wie "Du brennst wie barfuß auf Wüstensand." Nicht genial, nicht gut, nicht tief. Gottseidank kann keiner diese Gedanken hören. Manche wären mir selbst als whatsapp oder Emoticon peinlich.

Billy Wilder fiel eines Nachts ein brillanter Plot für sein Drehbuch ein. Er schrieb die außergewöhnliche Idee für eine Handlung bei Dunkelheit auf einen Zettel und schlief glücklich ein. Am nächsten Morgen musste er auf seinem Zettel "boy meets girl" lesen. Wow. Noch nie dagewesen! Eine Romanze! Und das verfilmt! Am besten gleich ein Patent anmelden.

Wir planen zu viel

Aber zurück zum Verrücktmachen. Ich wollte immer gut darin sein, Männer nach mir verrückt zu machen. Am besten bin ich leider jedoch darin, mich selbst verrückt zu machen. Zum Beispiel whatsapp: Die Sache hat einen Haken. Und wenn da zwei Haken sind, aber keine Antwort, werde ich ganz unruhig, gar unglücklich. Jemand hat unsere Nachricht gelesen und antwortet TROTZDEM nicht?! Was haben wir falsch gemacht, wir waren doch lustig, charmant, wortwitzig, haben sogar ein Selfie mitgesendet... Und der andere sieht es – und schaltet erstmal das Handy aus! Oder auf Flugmodus! Können zwei blaue Haken uns den Verstand rauben? Oder – fast noch schlimmer – wir sehen keine blauen Haken, nein, wir sehen nämlich, dass unsere spontane, süße, sexy Nachricht stundenlang NICHT gelesen wird. Ja, warum denn nicht in Allerherrgottsnamen?! Der ist doch sonst IMMER online, am Handy. Vögelt er seit drei Stunden? Hat er mich geblockt?

Und dann erscheint uns die Nachricht peinlich, aufdringlich, lächerlich. Versendet in einem Augenblick der Freude oder Sehnsucht, töricht. Aber wir können sie nicht zurücknehmen. Vielleicht ändert er jetzt ganz und gar seine Handynummer. Oder löscht whatsapp sofort vom Handy, sobald er diese Nachricht liest. Zack, Papierkorb, app weg, Speicherplatz schaffen. Und ich lande mit Speicherplatsch auf dem Gesicht.
Die Phantasie geht mit mir durch. Ich checke also im Minutentakt, ob es einen Haken (oder vielmehr zwei) gibt. Manchmal scrolle ich auch aus Bedürftigkeit alle Chats hoch und runter und schaue, wem ich noch schreiben könnte. Nur für den Kick. Für die Bestätigung, wie das Kasperle, das fragt "Seid ihr alle da?"

Wir planen nicht nur, WAS wir schicken, sondern auch WANN wir es schicken. Wir klären das vorab. Neulich schrieb mir eine Freundin, die sich frisch verknallt hatte: "Juhu. Er hat geantwortet, aber ich schreibe ihm erst Samstagabend wieder. Wenn ich unterwegs und angetrunken bin, kommt cooler."
Ist das ein Spielchen oder schon verlogen?

Wann sind wir denn echt?

Und ist die Wahrheit nicht auch überbewertet? Muss ich meiner Freundin sagen, dass sie geizig ist? Will mein Kollege wirklich wissen, dass er nach Schweiß riecht? Es heißt immer, man soll ehrlich sein. Aber wie ehrlich ist noch höflich? Wir brüsten uns mit Aufrichtigkeit – aber laden nur die Last unseres Gewissens auf den anderen ab?! Ich möchte manchmal angeschwindelt werden und schwindeln dürfen.

Ich will nicht alles wissen. Je weniger ich wusste, desto glücklicher war ich oft. Bei Gefühlen allemal. In einem Song von Coldplay heißt es "For one last time. Tell me that you love me. If you don't – then lie. Lie to me."

Ja! Und ich will auch von meinem Handy belogen werden und nicht diese blauen Haken sehen und ertragen. Haken, die mir die Zurückweisung vor Augen führen? Ach, was waren das noch für schöne Zeiten damals, als es nur SMS gab, bei denen man sich einreden konnte, der andere habe sein Handy verloren oder das Netz sei tagelang abgestürzt und einzig und allein deshalb habe man keine Antwort, kein Lebenszeichen erhalten. Vielleicht hatten auch Störche sich ein Vogelnest auf einer Antenne gebaut und der Mast war eingestürzt.

Heute gibt es zu wenig Sehnsucht. Wir sind ungeduldig. Alles muss sofort passieren, online. Mann muss seine Ferienfotos nicht mehr entwickeln und darauf warten. Ich weiß noch, wie aufgeregt ich früher die Filmrolle von Fuji zum Fotoladen gebracht habe. Wie ich extra die letzten noch übrig gebliebenen Bilder verknipst habe, nur damit die Filmrolle in der Kamera (mit 36 Schüssen) endlich zurückspulte (das waren dann Aufnahmen von meinem Colaglas oder einem Feuerlöscher). Ich weiß noch, wie ich auf Pakete gewartet habe. Nunmehr kommt das, was ich heute bei amazon bestelle, morgen an. Ich habe das Warten verlernt. Chatten muss schnell gehen. Fotos müssen sofort hochgeladen werden. Instagram. Instant coffee, instant kiss. Essen wird angeliefert. E-Mails werden auch am Wochenende beantwortet.

Ich finde Sehnsucht schön. Und ich finde es schön, an etwas zu glauben. Auch wenn es nicht unbedingt wahr ist.  

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