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Nominiert in der Kategorie "Aufsteiger": Jedem seine Fans

Per eigenem Online-Shop von Spreadshirt kann jeder zum Designer werden und seine Produkte sogar noch mit Gewinn verhökern.

Jetzt beginnen sie wieder, die heißen Sommertage an denen jungen Frauen ihre bunt bedruckten T-Shirts spazieren führen, die fragen: "Bin ich sexy?". Beim Blick auf die materialarmen Oberteile denkt Mann: Ja! Mitunter nähert sich das pralle Leben aber auch in Gestalt eines korpulenteren Herrensportvereins: "Kicker on tour – Mallorca 2005", steht dann womöglich auf den leicht gespannten Trikots der Bier-Brigade und es ist klar, dass man schleunigst die Insel wechseln sollte.

Zu verdanken sind solche textilen Erlebnisse der Firma Spreadshirt aus Leipzig. Das Konzept der drei Unternehmensgründer Lukasz Gadowski, Michael Petersen und Matthias Spieß ist ebenso einfach wie erfolgreich: Spreadshirt bedruckt Fanartikel mit den Motiven, die Kunden digital einsenden. Sie können zudem ihre Homepages mit den Seiten von Spreadshirt verlinken und so einen Online-Shop für die eigenen Kreationen eröffnen. Der Kunde stellt im Internet Modelle und Motive zusammen und legt einen Preis fest. Spreadshirt erledigt den Rest: Herstellung, Versand und Kundenservice. "Wir bedrucken inzwischen so ziemlich alles", sagt Michael Petersen, "von der Grillschürze bis zum String-Tanga". Der Vorteil für die Spreadshirt-Nutzer: "Sie müssen keinen eigenen Online-Shop programmieren, kein Material horten, keine Ware liefern und keine Rechnungen schreiben – das übernehmen wir." So können etwa der Comiczeichner Stephan Katz und Sprachanarchist Max Goldt ungestört Shirt-Sprüche a la "Ich bin 27. Einige meiner Altersgenossen sind bereits berufstätig" ersinnen und ihre "Rumpfkluft" im Internet ab 19,90 Euro anbieten. Gut die Hälfte der Einnahmen bleibt beim Duo, der Rest fließt an Spreadshirt.

Die Unternehmenszentrale im alten Leipziger Industriegebiet Plagwitz sieht aus, als ob sich die Firma gerade mitten im Ein- oder Auszug befindet. Zwischen Klamottenständern, Ikea-Sofas und Monitoren arbeiten emsig junge Menschen und machen ungefragt fröhliche Gesichter. Duzen ist Pflicht, die firmeneigene Dachterrasse ist gut besucht und immer Donnerstags kommt eine freundliche Dame und hält Englisch-Kurse für die Belegschaft. Willkommen in der New Economy. Man fragt sich ein wenig besorgt, wessen Geld die Jungs hier gerade verbrennen.

"Wir haben uns fast komplett selbst finanziert", beschwichtigt Firmenchef Gadowski. Während Firmen wie der Modeversender boo.com Millionen Dollar zugesteckt bekamen, noch bevor überhaupt ein einziges T-Shirt verkauft wurde, ging das Leipziger Unternehmen leer aus: Kein Venture-Kapital, kein Börsengang, keine Kredite. Stattdessen kontinuierliches Wachstum.

Vier Jahre nach der Gründung verzeichnet Spreadshirt rund 100.000 Vertriebs-Partner, die bedruckte Tassen, Tangas oder T-Shirts verkaufen – meist in kleinen Stückzahlen, teils aber auch in großem Stil. Die Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen bessert durch den Verkauf von T-Shirts ihre Kasse auf, die Hip Hop Band Fettes Brot lässt den Merchandising-Vertrieb über Spreadshirt laufen und auch der Fußballclub Borussia Dortmund gehört inzwischen zu den Kunden.

Weit greift der Blick von den Holzplanken der firmeneigenen Dachterrasse über das Leipziger Industriegebiet Plagwitz. In der Gründerzeit wurden hier Landmaschinen und Manschetten produziert, heute stehen die meisten der alten Fabrikhallen leer. Ruinen der Industrialisierung. "Das erinnert einen daran", sagt Lukasz Gadowski, "wie schnell es in der Wirtschaft abwärts gehen kann."

Oder aufwärts: Noch vor zwei Jahren hat Lukasz "von Luft und Bafög gelebt" und Betriebswirtschaftsseminare an der Handelshochschule Leipzig besucht. Inzwischen ist der 27-Jährige Geschäftsführer eines der erfolgreichsten Start-Ups der vergangenen Jahre, beschäftigt knapp 100 Mitarbeiter und hat kürzlich eine Filiale in den USA eröffnet. Demnächst soll sogar der asiatische Markt erobert werden.

Henryk Hielscher
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