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Pflegenotstand: Es ist nicht das miese Gehalt - drei Pflegekräfte erklären, was sie im Job am meisten stört

Gesundheitsminister Jens Spahn will Tausende Pflegekräfte einstellen. Aber wer will die Arbeit machen? Zwei Krankenschwestern und eine Altenpflegerin berichten aus ihrem zermürbenden Alltag.

Viele Pflegekräfte sind hoffnungslos überlastet (Symbolbild)

Viele Pflegekräfte sind hoffnungslos überlastet (Symbolbild)

Getty Images

Derzeit vergeht kaum eine Woche, in der Gesundheitsminister Jens Spahn nicht in den Schlagzeilen ist. Neben den Äußerungen über Hartz IV geht es vor allem um die katastrophale Lage in der Pflege. Spahns jüngster Vorstoß: Deutschland solle verstärkt Pflegekräfte aus dem Ausland anwerben, wie der Minister am Osterwochenende in der "Rheinischen Post" erklärte.

Offenbar hat auch Spahn bemerkt, dass es schwierig wird, die im Koalitionsvertrag versprochenen 8000 neuen Pflegestellen zu besetzen. Denn schon jetzt sind viele Stellen unbesetzt. Zudem halten viele Experten die Zahl 8000 für viel zu niedrig. Laut der Gewerkschaft Verdi fehlen allein in den Krankenhäusern 70.000 Pflegekräfte. In der Altenpflege sind laut Gesundheitsministerium 30.000 Vollzeitstellen nicht besetzt. 

Der stern hat mit drei langjährigen Pflegekräften über ihren Arbeitsalltag gesprochen, und was sich aus ihrer Sicht ändern muss. Die Antworten ähneln sich: Sie lieben alle ihren Beruf - und schimpfen auf die Bedingungen, unter denen sie ihn ausüben müssen. "Unser Beruf ist eine so wundervolle, umfassende und vielseitige Arbeit", sagt etwa Sabine K., 46 Jahre alt und seit 29 Jahren Pflegekraft im Krankenhaus. Sie schätze es, "Menschen zu begegnen, sie zu begleiten, ihnen helfen zu können".  Aber: "Die Arbeitsbedingungen müssen sich verbessern, sonst ist der Beruf für viele nicht attraktiv."

Pflegekräfte nach wenigen Monaten ausgebrannt

Genauso sieht es Christiane S., leitende Pflegekraft in einem Krankenhaus und ebenfalls seit 30 Jahren im Beruf. Sie leitet eine Klinik-Abteilung mit 64 Pflegekräften und beobachtet die zunehmenden Personalprobleme seit Jahren aus der ersten Reihe. Noch um die Jahrtausendwende sei das Verhältnis Ärzte-Pflegekräfte in ihrer Abteilung ausgeglichen gewesen, heute sei es 70 zu 30 zugunsten der Ärzte, berichtet sie. "Wir haben mehr offene Stellen als Bewerbungen", zudem hielten viele die Arbeitsbelastung nicht dauerhaft aus. "Gerade hat bei mir wieder eine junge Frau gekündigt, die erst ein halbes Jahr aus der Ausbildung raus war. Die war wirklich gut, hat aber für sich keine Perspektive gesehen", sagt S. "Es kann doch nicht sein, dass junge motivierte Mitarbeiter nach einem halben Jahr diesen Arbeitsbelastungen nicht mehr gewachsen sind, es nicht mehr aushalten, psychische Probleme bekommen", beklagt auch Kollegin K.

Mit mehr Geld sei dem Problem nicht beizukommen, sagen beide übereinstimmend. "Natürlich freuen wir uns alle über eine Gehaltserhöhung, aber: Geld ist nicht das Entscheidende", sagt Abteilungsleiterin Christiane S. Sie ist überzeugt, dass die meisten ihrer Kollegen sich mehr über eine zusätzliche Kraft freuen würden, die ihnen Arbeit abnimmt, als über mehr Geld auf dem Gehaltskonto. Es sei vor allem das "Hetzen durch die Zimmer", der ständige Zeitdruck, der die Mitarbeiter zermürbe. Dabei brauche gute Pflege vor allem Zeit, auch mal ein längeres Gespräch, weshalb übrigens auch ausländische Fachkräfte unbedingt Deutsch sprechen müssten, sagt S. Verschärft habe sich der Zeitdruck über die Jahre durch die steigenden Anforderungen in der Dokumentation, wo akribisch jeder Handschlag notiert wird, um sich rechtlich abzusichern. "Die Zeit fehlt am Patienten", sagt S. 

Screenshot eines Bildes von Jana Langer, daneben ihr Brief an Jens Spahn

Fließbandarbeit im Altenheim

Ganz ähnlich erlebt es auch Tanja B. seit Jahren in ihrem Alltag in der Altenpflege. "Wir haben einen sehr hohen Zeitdruck in der Versorgung", berichtet die 30-Jährige über ihre Arbeit im Altenheim. Zum Beispiel im Frühdienst, wenn alle Senioren in der Einrichtung ihr Frühstück um acht Uhr herum haben wollen, aber viel zu wenig Kräfte da sind, um dies möglich zu machen. Zumal neben dem Stullen schmieren ja bei vielen auch Waschen, Anziehen und Mobilisieren anstehen. "Das ist dann wie Fließbandarbeit", sagt Tanja B.

Dabei bestehe gute Pflege zu einem großen Teil aus Kommunikation und aus Vertrauen, sagt B. Doch wer sich mal etwas mehr Zeit nimmt, um sich Probleme anzuhören und individuell auf Personen einzugehen, der bekomme leicht Stress mit den Kollegen, weil die die Arbeit machen müssen, die in der Zeit liegenbleibt. Vor allem in großen Einrichtungen herrsche heute das Primat der Effizienz vor. "Hauptsache die Papierform ist in Ordnung, um das Individuum geht es eher weniger."

So wie die drei interviewten Pflegekräfte denken viele. Im März befragte der Medizin- und Pflegeprodukteanbieter Hartmann 300 Pflegekräfte, wie sie zu ihrem Beruf stehen. Mehr als jeder Zweite gab an, kürzlich in Erwägung gezogen zu haben, den Beruf aufzugeben. Hauptgründe: Personalmangel und hohe Arbeitsbelastung. Nur jeder Dritte würde den Beruf wieder wählen und ebenso wenige empfehlen ihn anderen weiter. Es gibt viel zu tun für Jens Spahn.